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06.02.2006 10:18

Der Prophet im Islam

Dr.-Ing. Karl-Heinz Kutz Presse- und Kommunikationsstelle
Universität Rostock

    Die Reaktion der islamischen Welt auf die Veröffentlichung der Karikaturen über Muhammad in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten vor wenigen Tagen, die dann auch in einigen europäischen Zeitungen abgedruckt worden sind, mag die westliche Welt verwundert haben: Die Nationalfahne Dänemarks wurde verbrannt, Kriegsdrohungen gegen das friedliche Volk der Dänen ausgesprochen. Libyen rief seinen Botschafter aus Kopenhagen ab. Saudi-arabische Firmen weigerten sich, dänische Waren zu importieren, auch die bereits bezahlten Waren wollten Saudis nicht mehr nehmen. Die arabischen Nachrichtensender berichteten in großem Umfang über die Entwicklungen in dieser Angelegenheit. Schließlich nahm die muslimische Öffentlichkeit die offizielle Entschuldigung des dänischen Ministerpräsidenten mit Genugtuung zur Kenntnis.

    Warum diese starke Empörung bei den Muslimen, zu deren Zustandekommen natürlich die arabischen Medien nicht unbedeutend beigetragen haben? Die baldige Entschuldigung der dänischen Zeitschrift und des Regierungschefs Dänemarks sind ein Indiz dafür, dass man mit einer solchen Reaktion nicht rechnete. Offensichtlich wusste man nicht, was die Karikierung des Propheten des Islam für die Muslime bedeutete. In dieser offenkundigen Ratlosigkeit kommt ein beunruhigendes Mangelwissen um die Bedeutung der religiösen Belange zum Ausdruck. Dabei erklärt sich die Reaktion der Muslime aus einer tief wirkenden emotionalen Verletzung und existentiellen Verunsicherung, die diese karikierende Darstellung Muhammads hervorrief. Um diese Reaktion zu verstehen und auch mögliche Folgen vorauszusehen, müsste man die Bedeutung des Propheten für die Muslime ernst nehmen, auch wenn sie für einen säkularisierten Zeitgenossen nicht nachvollziehbar ist.

    Der Prophet des Islam genießt bei den Muslimen absolute Verehrung. Wenn ein gläubiger Muslim den Namen des Propheten ausspricht, sagt er unbedingt "Gott bete für ihn, und der Friede sei über ihm". Diese Bedeutung des Propheten gründet darin, dass Muhammad die Offenbarunkschrift des Islam, den Koran, empfangen und die koranische Lehre im eigenen Leben exemplarisch verwirklicht hat. Dabei gilt den Muslimen der Koran als das indiskutable Kriterium der Wahrheit, und die tradierten Aussahen des Propheten dienen als eine Richtschnur der Lebensgestaltung. Da der Islam für die Muslime nicht nur innerliche Frömmigkeit und private Lebenspraxis ist, sondern auch grundsätzlich als Prinzip des sozialen und politischen Organisation gilt, wird die muslimische Empfindlichkeit durch einen öffentlich wahrnehmbaren Angriff auf den Propheten in einer besonderen Weise berührt.

    In der Vergangenheit wurde in den islamischen Staaten ein Angriff auf den Islampropheten mit dem Tode bestraft. Viele islamische Rechtsgelehrte sprachen sich unmissverständlich für diese Rechtsnorm aus. Zu bedenken ist dabei auch, dass die Muslime nicht nur für den Propheten Muhammad Respekt beanspruchen, sondern auch den anderen Propheten Achtung zollen: wenn sie den Namen von Jesus aussprechen, sagen sie "der Friede sei über ihm". Dabei denken die Muslime Jesus Christus allerdings nicht so, wie ihn die Bibel überliefert oder die christliche Tradition lehrt, sondern so, wie ihn der Koran darstellt: als einen Propheten, der wie Muhammad den Islam predigte. Nach dem muslimischen Verständnis ist Jesus nicht am Kreuz gestorben, und eine Lehre, die ein solches behauptet, entstellt demgemäß die wahre Botschaft des Propheten Jesus. Das gegenwärtige Christentum, das den Islam nicht annimmt, wird somit als religiös veraltet beurteilt. Dementsprechend wird das Christentum als eine geschichtlich überholte Religion dargestellt, wie eine Untersuchung der Theologischen Fakultät Rostock über die Christentumsdarstellung in den Lehrbüchern islamisch geprägter Länder kürzlich gezeigt hat.

    Die demographischen Umbrüche der letzten Jahrzehnte haben die westlichen Gesellschaften wesentlich verändert. Sie lassen unerwartete Probleme aufkommen und stellen gewohnte normative Vorstellungen in Frage. Die aktuellen Tendenzen machen deutlich, dass die ethnischen Mehrheitsverhältnisse sich in absehbarer Zeit verändern werden. Eine neuere Analyse des arabischen Nachrichtensenders Al-Arabija macht deutlich, dass die in Frankreich lebenden muslimischen Männer ihren Ehepartner in einem arabischen Land suchen. Dieser Befund ist sicherlich auf die anderen europäischen Länder übertragbar.

    Das religiöse Mangelwissen ist auch in Deutschland anzutreffen. Die Aufgabe der gesellschaftlichen Bildungsmedien, etwa des Rundfunks, des Fernsehens, der Zeitschriften, der Schulen und Hochschulen besteht in diesem Zusammenhang darin, diese Wissenslücke zu füllen. Dabei hat die Gesellschaft einen besonderen Bildungsauftrag an den Muslimen selbst. Die neueren Untersuchungen der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales zu Paris haben ergeben, dass das fehlende Wissen über die Grundsätze des Islams bei den jungen Muslimen in Frankreich ihre Anfälligkeit für die Werbung extremistischer Gruppen verursacht. Diese Analyseergebnisse dürften auch für Deutschland zutreffen. Im Vergleich zu Frankreich gibt es in Deutschland den strukturellen Vorteil, dass der Religionsunterricht schulisch integriert ist. Die vorhandenen Möglichkeiten müssen auf diesem Gebiet stärker ausgeschöpft werden. Die Heranbildung geeigneter Lehrkräfte ist vor diesem Hintergrund ein dringender gesellschaftlicher Auftrag der Politik und der Hochschulen.

    Ein grundsätzliches Problem für die Analyse der entstandenen ethnisch-religiösen Verhältnisse in den westlichen Gesellschaften stellen die fehlenden Analogien in der Gegenwart dar. Dieser Umstand macht die Bedeutung ähnlicher Entwicklungen in der Vergangenheit umso größer. Die Forschungseinrichtungen sind daher aufgefordert, die relevanten Geschichtsphänomene zu ermitteln und zu analysieren. Ein einmaliges ethnisch-religiöses Verhältnis ist im muslimisch dominierten Cordoba Mitte des 9. Jahrhunderts feststellbar. Dabei haben zwei Zeitgenossen, Alvar von Cordoba und Eulogius, in ihren Schriften über die christliche Polemik gegen den Islam und die muslimische Reaktion auf diese Angriffe berichtet. Der Lehrstuhl für Kirchengeschichte der Theologischen Fakultät Rostock hat ein Forschungsprojekt vorbereitet und bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingereicht, in dem diese Texte aus dem Lateinische übersetzt und kommentiert werden sollen. Die geschichtliche Analyse soll in diesem Fall exemplarisch dazu beitragen, die Gegenwart besser zu verstehen.

    Dr. Igor Pochoshajew
    Pressestelle der Theologischen Fakultät
    Email: igor.pochoshajew@uni-rostock.de
    Tel: 0381/ 498 84 16


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Gesellschaft, Philosophie / Ethik, Religion
    überregional
    Wissenschaftspolitik
    Deutsch


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