idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
15.11.2006 21:00

Attacke auf "Darwins kontroverse These"

Dr. Ute Schönfelder Stabsstelle Kommunikation/Pressestelle
Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Wissenschaftler der Universität Jena veröffentlichen Angriffe russischer Kreationisten auf das säkulare Schulsystem - Publikation in "Nature" erscheint am 16. November

    Jena. Nicht der Urknall schuf unser Universum, sondern ein übernatürlicher "Schöpfer". Auch das Leben auf der Erde, eingeschlossen der Mensch, sind das Ergebnis eines intelligenten Schöpfungsakts - das jedenfalls behaupten die Anhänger des Kreationismus. Seit den 1990er Jahren ist die Lehre als "Intelligent Design" bekannt. Obwohl von den meisten Kosmologen, Evolutionsbiologen und anderen Wissenschaftlern einhellig als haltlos eingestuft, finden die Ideen des Kreationismus seit einigen Jahren vor allem in den USA enormen Zulauf.

    Nun hat die Welle des Schöpfungsglaubens auch Russland erfasst, wie Forscher der Friedrich-Schiller-Universität Jena in der Ausgabe vom 16. November der renommierten Fachzeitschrift "Nature" berichten: Eine 15-jährige Schülerin und ihre Familie haben das russische Bildungsministerium angeklagt. Das Mädchen fühle sich durch "Darwins kontroverse Hypothese", mit der sie sich im Biologieunterricht auseinandersetzen musste, in seinen religiösen Gefühlen verletzt.

    Dass es sich dabei nicht um einen Einzelfall handelt, weiß Dr. Georgy S. Levit, Erstautor des "Nature" Beitrags. "Hinter der Klage stehen einflussreiche religiöse und politische Kreise", macht der aus St. Petersburg stammende Wissenschaftshistoriker die Dimension deutlich. Levit forscht seit 2002 am Institut für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik der Jenaer Universität zu Alternativtheorien in der Evolutionsbiologie und kennt die Situation im Land.

    So werde die aktuelle Anklage beispielsweise durch Teile der mächtigen orthodoxen Kirche unterstützt. "Diese Kräfte wollen sich eine Entwicklung in Russland zu Nutze machen, die man bereits seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion beobachten kann", erklärt Koautor PD Dr. Uwe Hoßfeld. "Nach dem Wegfall des staatlich verordneten Atheismus wandten sich viele Russen verstärkt der Religion zu", so der Biologiedidaktiker und Wissenschaftshistoriker von der Universität Jena weiter. Derzeit sind fast 22 000 religiöse Vereinigungen in Russland aktiv. Eine ganze Reihe davon unterstützen den Kreationismus und stellen die Lehre Darwins eher als Bestandteil der Sowjetideologie denn als fundierte Naturwissenschaft dar. Bis in die 1930er Jahre galten "Darwinismus" und "Marxismus" als Kausalgefüge.

    Die Jenaer Wissenschaftler, darunter auch Prof. Dr. Lennart Olsson, sehen in dem aktuellen Gerichtsverfahren vor allem einen Versuch, das säkulare Schulsystem in Russland, das Religionsunterricht in staatlichen Schulen verbietet, aufzuweichen. "Bereits seit diesem Jahr wird an einigen Schulen das Fach ,Grundlagen der orthodoxen Kultur' als Pflichtfach gelehrt", so Dr. Levit. Er mahnt, den Prozessverlauf genau zu beobachten: "Es ist ein wichtiger Test, wie fest das universelle Gut der wissenschaftlichen Freiheit im heutigen Russland verankert ist." Mit dem Prozessurteil rechnen Beobachter noch im Dezember.

    Originalpublikation:
    "Russian creationists attack secular education", G. S. Levit, U. Hoßfeld, L. Olsson. Nature v. 16.11.2006.
    Zusätzliche Querverweise sind im News Feature "Kreationismus als europäisches Phänomen" in derselben Ausgabe zu finden.

    Kontakt:
    PD Dr. Uwe Hoßfeld
    Institut für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik der Universität Jena - Ernst-Haeckel-Haus
    Berggasse 7, 07745 Jena
    Tel.: 03641 / 949505
    E-Mail: uwe.hossfeld[at]uni-jena.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Biologie, Geschichte / Archäologie, Informationstechnik, Pädagogik / Bildung, Philosophie / Ethik, Religion
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    PD Dr. Uwe Hoßfeld, Dr. Georgy S. Levit und Prof. Dr. Lennart Olsson (v. l.) publizierten ihre Forschungsergebnisse zum Kreationismus in Russland in der aktuellen Ausgabe von "Nature".


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).