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28.03.1995 00:00

Wie Stinnes einen Europäischen Filmsyndikat betrieb

Dr. Josef König Dezernat Hochschulkommunikation
Ruhr-Universität Bochum

    Bochum, 28.03.1995 Nr. 45

    Schwerindustrie und Filmgeschaeft

    RUB Diplomand erhaelt Preis der Stinnes-Stiftung

    Westi-Film GmbH als Teil des "Stinnes-Universums"

    Wirtschaftswissenschaftliches und wirtschaftshistorisches Neuland betrat Dipl.-oek. Daniel Otto mit seiner Diplomarbeit "Filmwirtschaft und schwerindustrielle Unternehmensstrategie in der Weimarer Republik. Das Beispiel der Westi-Gesellschaft von Hugo Stinnes". Erstmals wird hier der Versuch unternommen, stellvertretend fuer weite Kreise der damaligen Schwerindustrie, das Engagement von Hugo Stinnes in der Filmindustrie zu durchleuchten.

    Hugo Stinnes gruendete zusammen mit dem exilrussischen Filmproduzenten Wladimir Wengeroff 1923 die Westi-Film GmbH und stieg mit der Idee der Gruendung eines "Europaeischen Filmsyndikats" in die Filmindustrie ein. Damit sollte der schon damals vorhandenen UEbermacht amerikanischer Produktionen begegnet werden. Hugo Stinnes galt als kulturell desinteressiert und aliterarisch; daher leiteten diesen Schwerindustriellen rein wirtschaftliche Interessen bei diesem etwas kurios anmutenden Engagement im Filmgeschaeft. Die Untersuchung von Daniel Otto wurde von Prof. Dr. Dietmar Petzina (Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Ruhr-Universitaet Bochum) betreut; der Verfasser erhielt unlaengst fuer seine Arbeit den mit 5.000 DM dotierten Sonderpreis der Stinnes-Stiftung. Das Interesse der Industrie am Filmsektor stieg seit dem 1. Weltkrieg stetig, zumal die oekonomischen Dimensionen des Mediums unuebersehbar waren. Industrielles Engagement beschraenkte sich aber hauptsaechlich auf den nationalen Bereich. Mit der Gruendung der Westi-Film Gesellschaft bauten Hugo Stinnes und Wladimir Wengeroff in kuerzester Zeit eine weltweite Filmorganisa-tion auf, mit internationalen Produktions-, Verleih- und Vertriebsgemeinschaften. Wengeroffs Konzept eines "Europaeischen Filmsyndikats" sah die Bildung eines Pools von Grossproduzenten vor, um innereuropaeische Verleih- und Vertriebswege aufzubauen. Ausserdem wurden so auch Produktionskosten und Risiken auf mehrere Schultern verteilt. Die Westi-Film GmbH existierte zwar nur eineinhalb Jahre, aber europaeische Grossproduktionen wie "Michel Strogoff" (1926) und "Napol"on" (1927) wurden von ihr begonnen und von anderen Gesellschaften fertiggestellt. Warum steigt einer der einflussreichsten Industriellen der Weimarer Republik in die Filmindustrie ein? Das Wirtschaftsimperium von Hugo Stinnes basierte auf vier Hauptpfeilern: Handels-, Verkehrs- und Schiffahrtsaktivitaeten, Papier und Zeitungsinteressen, die Petroleum- Braunkohlegruppe und der Banken- und Versicherungssektor. Sein Konzern war schon immer international ausgerichtet mit Beteiligungen an Firmen in der ganzen Welt. Der etwas kurios anmutende Ausflug eines Schwerindustriellen in das Filmgeschaeft hatte durchaus einen oekonomischen Hintergrund: Stinnes dachte in erster Linie betriebswirtschaftlich und wollte weniger als Maezen der "schoenen Kuenste" in Erscheinung treten. Sein Ziel waren eher nutzbringende Verflechtungen zum Restkonzern. So konnte das Medium Film zur wirtschaftlichen Durchdringung und Markterschliessung im Ausland dienen aber auch zur Werbung im Inland. Unter anderem hatte Stinnes die Idee, Schiffsreisende auf seinen Schiffen in Bordkinos zu unterhalten. Zeitgenossen kolportieren, dass man dort in Ruhe Stinnes-Zigarren rauchen und anschliessend den Urlaub in einem Stinnes-Kurhotel verbringen koennte. Man sollte sich in einem "Stinnes-Universum" bewegen koennen. Bei Fahrten ins Ausland konnten diese Kinos dann vor Ort fuer Werbevorfuehrungen fuer potentielle Investoren genutzt werden. Schon bald unterhielt die Westi-Film GmbH Bueros nicht nur in Europa sondern auch in AEgypten (inkl. Syrien und Palaestina) und Ostasien (Shanghai und Kobe). Produktionsgesellschaften existierten in Paris (Cine-France), Rom (Westi- Film S.A. Italiana) und Stockholm (Aktiebolaget Nordwesti Film). Das Ende der Westi-Film GmbH kam schon 1925, ein Jahr nach dem Tod von Hugo Stinnes. Seine Soehne fuehrten die kreditgestuetzte Expansionspolitik des Konzerns weiter und gerieten in Zahlungsschwierigkeiten. Die Liquidatoren veraeusserten die Teile des Stinnes-Konzerns, die ihrer Meinung nach keinen Bezug zum Restunternehmen hatten. Sie nahmen keine Ruecksicht auf die Firmenphilosophie von Hugo Stinnes, der sein Unternehmen besonders breit angelegt hatte. Unter Wert konnten fruehere Konkurrenten wie die Ufa und Hugenbergs Deulig AG Teile der Westi Filmgesellschaft erwerben. Mit dem Untergang der Westi lag auch der Traum von einem "Europaeischen Filmsyndikat" in Truemmern. Es wurde kaum mehr ein ernstzunehmender Versuch unternommen, den Gedanken an eine europaeische Phalanx gegenueber amerikanischen Filmproduktionen im grossen Stil wiederzubeleben. Seit 1986 praemiert die Stinnes-Stiftung wissenschaftliche Arbeiten aus den Bereichen Handel, Verkehr und Stinnes-Unternehmensgeschichte jaehrlich mit 30.000 DM. Daniel Otto ist einer von 20 Preistraegern der letzten Jahre.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Geschichte / Archäologie
    überregional
    Es wurden keine Arten angegeben
    Deutsch


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