Krebsforschung wird vorangebracht

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20.01.1998 00:00

Krebsforschung wird vorangebracht

Adolf Kaeser Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Forschergruppe untersucht "Defekte transkriptionelle Aktivierung in Tumoren lymphatischer Gewebe"

    Mit Beginn des Jahres 1998 hat eine neue Forschergruppe an der Universitaet Wuerzburg ihre Arbeit aufgenommen. Die beteiligten Wissenschaftler sind unter der Leitung von Prof. Dr. Edgar Serfling vom Pathologischen Institut den Ursachen bestimmter Krebsformen auf der Spur. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) fuer zunaechst drei Jahre mit rund drei Millionen Mark gefoerdert.

    Unter einer Forschergruppe versteht die DFG einen mittelfristigen, meist auf sechs Jahre angelegten Zusammenschluss von Wissenschaftlern, die eng an einer besonderen Forschungsaufgabe zusammenarbeiten. Bei dieser mittlerweile fuenften DFG-Forschergruppe in Wuerzburg sei besonders die enge Kooperation zwischen Grundlagenwissenschaftlern und Klinikern hervorzuheben. Dieser Kooperation am Pathologischen Institut bescheinigt die DFG sogar Modellcharakter.

    Die neue Forschergruppe untersucht die "Defekte transkriptionelle Aktivierung in Tumoren lymphatischer Gewebe". Sie bringt Pathologen, Immunologen und Molekularbiologen zusammen. Diese versorgen sich nicht nur gegenseitig mit Gewebeproben sowie Materialien und Methoden, sondern tauschen auch neue Ideen und experimentelle Strategien aus. Die unterschiedliche fachliche Ausrichtung der beteiligten Naturwissenschaftler und Mediziner sowie nicht zuletzt die Foerderung seitens der DFG bieten gute Voraussetzungen, um die experimentelle Krebsforschung an der Medizinischen Fakultaet in den kommenden Jahren wesentlich voranzubringen.

    Die Entstehung von Tumoren beruht vor allem darauf, dass Wachstum und Entwicklung von Zellen nicht richtig kontrolliert werden. Tumorzellen besitzen oft Defekte in mehreren, wahrscheinlich bis zu zehn Genen, die diese Vorgaenge steuern. Solche Gene werden als Krebs- oder Onkogene sowie als Tumorsuppressorgene bezeichnet. In gesunden Zellen produzieren sie Proteine, die entscheidende Funktionen beim Wachstum der Zellen ausueben. Das gilt auch fuer die Zellen lymphatischer Gewebe - Thymusdruese, Milz und Lymphknoten. Treten Defekte in diesen Genen auf, kann das zur Entstehung von Leukaemien und Lymphomen fuehren. Eine zentrale Aufgabe der Krebsforschung ist es zu untersuchen, wie die Defekte in den Onkogenen entstehen und was sie bewirken. Erst mit diesem Wissen kann Krebskranken gezielt geholfen werden.

    Eine wichtige Gruppe von Onkogenen ist fuer die Produktion der sogenannten Transkriptionsfaktoren zustaendig. Dabei handelt es sich um Eiweisse, welche die Transkription von Genen, die Genaktivitaet, also die "UEberschreibung" von DNA in Boten-Molekuele regulieren. Man nimmt an, dass fast die Haelfte der rund 80.000 Gene des Menschen in irgendeiner Weise an der Kontrolle der Gen-Transkription beteiligt ist. Transkriptionsfaktor-Onkogene koennen in vielfaeltiger Weise veraendert sein: Sie koennen in zu hohen Konzentrationen und in den falschen Zellen gebildet werden, ueber einen zu langen Zeitraum wirken oder auch mit anderen Transkriptionsfaktoren verschmolzen sein und daraufhin ganz andere Gene als im Normalfall kontrollieren. All diese Veraenderungen koennen an der Entartung gesunder Zellen zu Krebszellen beteiligt sein.

    Zentrale Aufgabe der Wuerzburger Forschergruppe ist es, onkogene Transkriptionsfaktoren in zwei Tumorsystemen molekularbiologisch zu bearbeiten: Zum einen sind das Thymome und Thymus-Karzinome, zum anderen die sogenannten MALT-Lymphome, die vor allem Tumoren des Magens und Darmtrakts umfassen. Solche Tumoren werden seit Jahren am Pathologischen Institut der Universitaet Wuerzburg untersucht und archiviert. In diesem Zusammenhang wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Hans Konrad Mueller-Hermelink ein Konsultationszentrum fuer Lymphknotendiagnostik eingerichtet, das pro Jahr etwa 3.000 eingesandte Gewebeproben bearbeitet. Somit steht umfangreiches Untersuchungsmaterial fuer die molekularbiologischen Analysen zur Verfuegung.

    Der neu gegruendeten Forschergruppe gehoeren sechs Arbeitsgruppen der Medizinischen Fakultaet an. Diese rekrutieren sich aus dem Pathologischen Institut (Prof. Dr. Edgar Serfling, Dr. Alexander Marx und Prof. Dr. Hans Konrad Mueller-Hermelink, Dr. Axel Greiner und Dr. Manfred Neumann), dem Institut fuer Virologie und Immunbiologie (Prof. Dr. Thomas Huenig, Dr. Ingolf Berberich und Prof. Dr. Anneliese Schimpl) sowie dem Institut fuer Medizinische Strahlenkunde und Zellforschung (Prof. Dr. Thomas Wirth).

    Die Arbeitsgruppen um Prof. Serfling, Prof. Huenig und Dr. Marx untersuchen die "Erziehung" der T-Lymphozyten in der Thymusdruese. Diese Immunzellen ueben spaeter eine wichtige Funktion bei der Immunabwehr aus. Werden sie nicht richtig auf ihre Aufgabe vorbereitet - was bei Thymom-Patienten gehaeuft vorkommt -, dann fuehrt das oft zur Entstehung von Autoimmunerkrankungen. Die falsche Erziehung der Immunzellen ist meist eine Folge von Veraenderungen in der Thymusdruese. Welche Onkogene zu diesen Veraenderungen gefuehrt haben, ist derzeit so gut wie unbekannt. "Es ist jedoch in naher Zukunft sicher moeglich, sie zu bestimmen", sagt Prof. Serfling.

    Ein Zugang eroeffne sich durch die Verwendung von DNA-Chips, auf die Tausende bekannter Gene aufgebracht wurden. Mit Hilfe dieser Chips laesst sich die Zusammensetzung der Boten-RNAs aus den entarteten Zellen von Thymomen bestimmen. Aus dem Vergleich mit gesundem Thymusgewebe ergibt sich dann, welche Veraenderungen auf molekularer Ebene erfolgt sind, also wieviele und welche Gene in den Tumorzellen faelschlicherweise aktiv sind oder abgeschaltet wurden. Daraus wird sich in Zukunft ein praezises Muster von Genen bestimmen lassen, die wie ein "genetischer Fingerabdruck" darueber Auskunft geben, um welchen Tumor es sich handelt, welche Gene darin an- oder abgeschaltet wurden. Das wird laut Prof. Serfling neue Moeglichkeiten bei der Diagnostik und Therapie dieser Tumoren zur Folge haben.

    AEhnliche Techniken werden auch fuer die Charakterisierung der MALT-Lymphome (MALT steht fuer "mucosa associated lymphoid tissue") in Frage kommen, die vor allem im Magen nach der Besiedlung mit dem Bakterium Helicobacter pylori gebildet werden. Man weiss bislang, dass dieses Bakterium zu einer staendigen Stimulierung der Lymphozyten des Magens fuehrt, die dann mit einer Gastritis einhergeht. In einem ueber mehrere Jahre waehrenden Prozess kommt es schliesslich zur "Entartung" der Lymphozyten und zur Entstehung von Lymphomen.

    Bei der Wachstumsregulation lymphatischer Zellen scheint insbesonders die Gruppe der NF-kB-Transkriptionsfaktoren eine wichtige Rolle zu spielen. Die Arbeitsgruppen von Dr. Greiner und Dr. Neumann, von Dr. Berberich und Prof. Schimpl sowie von Prof. Wirth werden sich deshalb mit verschiedenen Aspekten der Regulation der NF-kB-Faktoren in Zellen von MALT- und weiteren B-Zell-Lymphomen beschaeftigen. Ein Aspekt dieser Arbeiten betrifft den geregelten Tod von B-Zellen, der unter anderem von der Wirkung der NF-kB-Faktoren abhaengt. Denn Onkogene sind nicht nur am Wachstum und der Entwicklung von Zellen beteiligt, sondern auch an der Regulation des programmierten Zelltods.

    Kontakt: Prof. Dr. Edgar Serfling, Telefon (0931) 201-3429, Fax (0931) 201-3440, E-Mail: path015@mail.uni-wuerzburg.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Biologie, Ernährung / Gesundheit / Pflege, Informationstechnik, Medizin
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


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