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07.01.2008 09:31

Wenn der "Nervenkitt" im Gehirn erkrankt

Frank Luerweg Abteilung Presse und Kommunikation
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

    Ihr Entdecker, der deutsche Pathologe Rudolf Virchow, hielt die Gliazellen noch für unscheinbare Helfer der Neurone: Sie seien lediglich eine Art Leim, der die eigentlichen Leistungsträger im Gehirn zusammenhalte. Heute vermutet man jedoch, dass der "Nervenkitt" auch bei der Informationsverarbeitung eine Rolle spielt. Fehlfunktionen dieser Zellen, die fast 90 Prozent der gesamten Hirnmasse stellen, können ernsthafte Erkrankungen zur Folge haben. Ein internationales Forscherteam wird in den kommenden vier Jahren untersuchen, welche Rolle Gliazell-Defekte bei der Entstehung von Hirnkrankheiten spielen. Das EU-Projekt ist mit drei Millionen Euro dotiert; geleitet wird es von der Universität Bonn. Der offizielle Startschuss fällt am 25. Januar mit einem Auftakt-Symposium im Bonner Life&Brain-Zentrum.

    Die Forscher konzentrieren sich unter anderem auf die Untersuchung bestimmter Epilepsien. So sind bei manchen Patienten die Gliazellen im so genannten Ammonshorn verändert. "Bei der Kommunikation der Neurone werden Kalium und Glutamat in die Zellzwischenräume ausgeschüttet", erklärt der Koordinator des EU-Projekts "NeuroGlia", Professor Dr. Christian Steinhäuser. "Normalerweise entfernen bestimmte Gliazellen - die Astrozyten - diese Botenstoffe über ein Drainage-System. Wenn das nicht funktioniert, werden die Nervenzellen übererregbar." Bei Patienten mit einer Ammonshorn-Sklerose ist das vermutlich eine wesentliche Ursache für Entstehung und Ausbreitung epileptischer Anfälle. Auch Krankheiten wie Alzheimer oder Amyotrophe Lateralsklerose könnten durch Fehlfunktionen von Gliazellen ausgelöst werden.

    122 Anträge waren bei der EU zum Förderbereich "Brain and brain-related diseases" eingegangen. Die Gutachter empfahlen das NeuroGlia-Projekt mit maximal möglicher Punktzahl zur Förderung. Drei Millionen Euro fließen in den nächsten vier Jahren an die Kooperationspartner aus Madrid, Cardiff, Padua, Amsterdam, Göttingen und Bonn. Die Forscher erhoffen sich auch Aufschlüsse über die Funktion der Gliazellen im gesunden Gehirn. Eines ist schon heute klar: Der lange unterschätze Nervenkitt übernimmt keineswegs nur eine mechanische Funktion, sondern spielt auch bei der Informationsverarbeitung eine essentielle Rolle.

    Kontakt:
    Prof. Dr. Christian Steinhäuser
    Institut für Zelluläre Neurowissenschaften, Universität Bonn
    Telefon: 0228/287-14669
    E-Mail: Christian.Steinhaeuser@ukb.uni-bonn.de
    http://www.ukb.uni-bonn.de/IZN


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Biologie, Chemie, Ernährung / Gesundheit / Pflege, Informationstechnik, Medizin
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


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