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05.05.2008 14:04

FiBS legt Analyse zu Angebot, Nachfrage und Wirkungen von Nachhilfe vor

Birgitt A. Cleuvers PR und Projektmanagement
Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS)

    Die generelle Verbesserung von Schulergebnissen ist heutzutage das vorrangige Ziel von Nachhilfe, nicht mehr nur die Kompensation schwacher Schulleistungen. Zwar gibt es Anzeichen dafür, dass sich insbesondere Schulnoten durch Nachhilfe verbessern, doch besteht dazu noch erheblicher Forschungsbedarf. Da Nachhilfe eher von Kindern einkommensstarker und bildungsnaher Familien genutzt wird, kann sich die soziale Selektion des Bildungswesens weiter verschärfen. Kritische Faktoren in diesem wachsenden Markt sind schon jetzt die mangelnde Kontrolle und Information zu Anbietern und der tatsächlichen Qualifikation von Nachhilfelehrern.

    Das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) hat heute eine Studie zu Angebot, Nachfrage und Wirkung von Nachhilfe in Deutschland veröffentlicht, die von den unabhängigen Experten im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung durchgeführt wurde. Ziel des Projekts war eine umfassende Bestandsaufnahme und Analyse rund um die kommerzielle, organisierte Ergänzung oder Unterstützung originär schulischer Aufgaben und Anforderungen. Die Studie führt zum ersten Mal alle aktuellen Forschungserkenntnisse systematisch zusammen, wertet sie aus und bringt damit Licht in den - gerade auf der Anbieterseite - oft wenig transparenten Markt.

    Die zentralen Ergebnisse lassen sich unter acht Aspekten zusammenfassen:

    1. Die Bedeutung von organisierter Nachhilfe wächst in Deutschland zusehends. Die jährlichen Elternausgaben dürften heutzutage realistisch eine Größenordnung von bis zu 1,2 Mrd. Euro haben. Für kommerzielle Angebote werden durchschnittlich etwa 1.500 Euro pro Jahr und Schüler ausgegeben, mitunter auch mehr. Für nicht-kommerzielle Angebote liegen die jährlichen Ausgaben bei etwa der Hälfte.

    2. Es ist davon auszugehen, dass derzeit 0,95 bis 1,2 Mio. Schüler kommerzielle Unterstützung für originär schulische Aufgaben erhalten. Damit nimmt jeder achte bis zehnte aller Schüler aktuell Nachhilfeunterricht. Da Nachhilfe ganz überwiegend von Schülern des Sekundarbereichs genutzt wird, ist es dort etwa jeder Vierte. Von den Schulabgängern hat sogar jeder Dritte bis Vierte die Dienstleistung nachgefragt. Mädchen und Jungen fragen etwa gleich häufig Nachhilfe nach.

    3. Zwischen Ost- und Westdeutschland zeigen sich einige Unterschiede. So nutzen Schüler in den alten Ländern mit rund 30 Prozent doppelt so häufig Nachhilfe wie in den neuen Ländern. Während in den alten Bundesländern vor allem Gymnasiasten und Realschüler Nachhilfestunden nehmen, sind es im Osten eher die Hauptschüler.

    4. Insgesamt ist festzuhalten, dass Schüler aus einkommensstärkeren Familien unter den Nachhilfeschülern überrepräsentiert sind, während gerade Kinder des untersten Einkommensquartils deutlich seltener Nachhilfe nehmen. Auffallend sind dabei die Unterschiede hinsichtlich des Bildungshintergrunds der Eltern: So scheint die Häufigkeit der Inanspruchnahme von organisierter Nachhilfe in Westdeutschland mit dem Bildungsniveau der Eltern abzunehmen, während sich in den neuen Ländern keine solchen Differenzen abzeichnen.

    5. Dabei zeichnen sich einige Trends ab: Ziel der Ergänzungsstunden ist es zunehmend, die schulischen Leistungen der Kinder und Jugendlichen generell zu verbessern und nicht mehr nur die Überwindung aktueller Problemlagen. Über ein Drittel der Nachhilfeschüler hat Noten von drei und besser. Damit verliert die Verhinderung von Klassenwiederholungen oder die Kompensation schlechter Schulleistungen ihre ursprüngliche Bedeutung für die Nutzung von Nachhilfeangeboten. Die organisierte Nachhilfe, die meist in den Hauptfächern Mathe, Deutsch und Englisch erteilt wird, wird meist über einen längeren Zeitraum und nicht nur sporadisch in Anspruch genommen.

    6. Wenige große, bundesweit tätige Anbieter stehen einer Vielzahl regionaler und lokaler Anbieter gegenüber, die eines gemeinsam haben: Es gibt kaum Informationen über die Qualifikation der beschäftigten Lehrkräfte, auch wenn mit einer hohen Professionalität des Unterrichts geworben wird. Zwar steigt die Zahl der Zertifizierungsmaßnahmen, aber die Verfahren sind sehr verschieden und nicht aufeinander abgestimmt; einheitliche Qualitätsstandards gibt es nicht. Insbesondere fehlt eine Überprüfung der pädagogischen Inhalte, da der Nachhilfesektor nicht der Schulaufsicht unterstellt ist.

    7. Die Forschung zur Wirksamkeit von Nachhilfe beschränkt sich weitgehend auf erkennbare positive Effekte auf die Schulnoten. Es muss jedoch festgestellt werden, dass qualitativ valide Studien fehlen und die vorliegenden Untersuchungen methodische Schwächen aufweisen. In dieser Hinsicht besteht insofern erheblicher Forschungsbedarf.

    8. Auch in anderen Ländern nimmt die Bedeutung organisierter Nachhilfe zu. Je nach Land und Kulturkreis variieren jedoch die Ursachen für diese Entwicklungen. Es gibt Hinweise darauf, dass hier ein Zusammenhang zwischen der Relevanz von Nachhilfe und der Leistungsorientierung in einer Kultur, der Selektivität des Bildungssystems, der Höhe der zu erwartenden Bildungsrenditen und dem Wettbewerb zwischen Bildungseinrichtungen besteht. Einen Vorteil gibt es international aber bereits: einige methodisch hochwertige Studien zum Thema Nachhilfe, die auch mögliche Einflussfaktoren umfassend berücksichtigen.

    Für Dr. Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts, zeigt die Nachhilfe-Studie, dass viele Eltern und Schüler offenbar die Notwendigkeit zusätzlicher Nachhilfe zur allgemeinen Verbesserung schulischer Leistungen sehen. Dies verweist darauf, dass das Bildungssystem als zentraler Wegweiser für spätere Lebenschancen betrachtet wird. Es stellt sich auch die Frage, inwieweit es Schulen und Lehrkräften bei einem immer höheren Leistungsanspruch gelingt, ihre Schüler hinreichend individuell zu fördern und zu fordern. "Zugleich verstärkt der wachsende Nachhilfemarkt die Selektivität des Bildungssystems, wenn vor allem finanzstarke Eltern sich einen solchen Zusatzaufwand leisten können. Kinder aus einkommensschwachen Familien haben hingegen das Nachsehen," meint der Bildungs- und Sozialökonom. "Außerdem steigen damit die Ausgaben, die Eltern für den Schulbesuch und die Bildung ihrer Kinder sowieso schon aufbringen müssen, obwohl Unterricht doch die originäre Aufgabe der Schulen ist, für deren Finanzierung die Gesellschaft aufzukommen hat." Dohmen sieht aber noch weiteren Handlungsbedarf: "Neben der verstärkten Forschung danach, welche Effekte Nachhilfe nicht nur auf Schulnoten, sondern auch auf die Lern- und Sozialkompetenz der Schüler hat, sollte die Qualität des angebotenen Nachhilfeunterrichts und damit vor allem die Qualifikation ihrer Lehrkräfte auf den Prüfstand." Mehr Information wäre ein erster Schritt, reicht aber seiner Ansicht nach allein nicht. "Es muss dringend ein einheitliches Zertifizierungs-, vielleicht sogar Akkreditierungsverfahren für die Anbieter her, das auf verbindlichen Standards beruht."

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    Die Studie

    Dieter Dohmen, Annegret Erbes, Kathrin Fuchs, Juliane Günzel: Was wissen wir über Nachhilfe? - Sachstand und Auswertung der Forschungsliteratur zu Angebot, Nachfrage und Wirkungen, Berlin 2008,

    die in Kürze auch im Rahmen der Reihe "FiBS-Schriften zur Bildungs- und Sozialökonomie" beim W. Bertelsmann Verlag erscheint, kann von der Homepage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung herunter geladen werden.

    Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS):

    Das FiBS mit Sitz in Berlin ist eine unabhängige Forschungs- und Beratungseinrichtung für Ministerien auf Bundes- und Länderebene, Bildungs- und Sozialeinrichtungen, Unternehmen, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, Stiftungen, Fachverbände und internationale Organisationen. Die Analysen, übergreifenden Studien, konkreten Modelle und Strategiekonzepte behandeln alle ökonomischen Aspekte von Bildung, sozialen Fragen, Arbeitsmarkt und demografischer Entwicklung.

    Kontakt: Birgitt A. Cleuvers (FiBS), Tel. 0 30 - 84 71 22 3-20
    Wir freuen uns über einen Hinweis auf Ihre Berichterstattung. Vielen Dank!


    Weitere Informationen:

    http://www.fibs.eu
    http://www.bmbf.bund.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    fachunabhängig
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftspolitik
    Deutsch


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