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09.05.2008 11:06

Ringvorlesung "Doping" in Heidelberg

Dr. Michael Schwarz Pressestelle
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

    Ines Geipel: Das Prinzip Illusion hat im Leistungssport ausgedient - Schleichender Zwang zur Optimierung der menschlichen Natur - Nächste Veranstaltung: 15. Mai, 16 Uhr, Rechtsanwalt Michael Lehner: Der Anwalt zwischen Täter- und Opferperspektive

    Ines Geipel ist die Frau, die immer noch in den Weltrekordlisten geführt wird (4x100m), obwohl sie seit Jahren darum kämpft, dass dieser Weltrekord wegen Dopings gestrichen wird, bisher erfolglos. Doping ist das Thema, das sie seit langem verfolgt, erst als begeisterte junge Athletin und zugleich Opfer, dann als Nebenklägerin bei den Berliner Prozessen, heute als Autorin, zuletzt mit dem Buch: Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft, sinnigerweise ohne Fragezeichen, denn die Antwort gibt sie mit dem Obertitel "No Limit" selbst.

    Nach Geipel leben wir in einer Zeit mit einer Osmose zwischen Gesellschaft und Sport, mit einer parallelen Chemisierung beider, begleitet aber zusätzlich von einer Radikalisierung des Sports. Ihre Grundthese besteht darin, dass sich ein schleichender Zwang zur Optimierung der menschlichen Natur ausgebreitet hat, verbrämt durch die Begriffe enhancement, neuroenhancement und gene enhancement. Es handelt sich um ein radikales Umbauprogramm von Körpern in Sport und Gesellschaft. Der Markt für körpermanipulationsbereite Menschen explodiert (ca. eine Million Gefährdete in Fitnessstudios in Deutschland), etwa 12 - 15% müssen mit schweren Schäden rechnen.

    Diese Entwicklungen betreffen nicht nur den Sport; chemische Möglichkeiten werden zunehmend auch für das Alltagsdoping genutzt, für die Steigerung geistiger und psychischer Fitness in einer Gesellschaft, die sich ständig unter Druck setzt. Das weltweite Marktvolumen wird hier auf ca. 29 Milliarden Dollar geschätzt. Zum Beispiel hat sich der Absatz von Ritalin, das ursprünglich zur Behandlung hyperaktiver Kinder gedacht war, in wenigen Jahren verfünffacht (wird zunehmend auch von Erwachsenen verwendet), die Zahl der damit in Deutschland behandelten Kinder zwischen 2002 und 2007 verzehnfacht.

    57 Milliarden Dollar wurden in diesem Bereich vor allem des neuroenhancements im letzten Jahr für Werbung ausgegeben, dagegen nur etwas mehr als die Hälfte dieses Betrags für Forschung. Geipel stellte zurecht die Frage: Droht uns eine Gesellschaft von Dauerlächlern? Sie wies auf den Alarm hin, der aus den USA mit dem Buch mit dem Titel kommt: "Plädoyer gegen die Perfektion". Und warnte vor einer Gesellschaft ohne Trauer, Mitgefühl usw.

    Solche Entwicklungen machen natürlich vor dem Sport nicht halt. In einer Zeit, in der in den meisten Staaten die Aufarbeitung der Dopinggeschichte der vergangenen Jahrzehnte noch kaum begonnen hat, kann man das Problembewusstsein nicht erwarten, das für eine Reduzierung zukünftiger Gefahren im Leistungssport notwendig wäre. Das durch Medikamentenmissbrauch und Doping verursachte Schadensvolumen ist immens, viele Schäden sind irreversibel.

    Eigentlich wäre das Buch von Berendonk von 1991 ("Dopingdokumente") eine Steilvorlage gewesen, um umfassend die Bearbeitung der Dopingvergangenheit anzugehen und vielen betroffenen Sportlern in Ost und West das Auspacken zu erleichtern. Daran schien und scheint aber kaum jemand Interesse zu haben - Verschweigen, Leugnen und Vertuschen wurde bevorzugt. Und so droht mit der Quasifreigabe von EPO und der Nichtnachweisbarkeit nicht weniger Substanzen und Medikamente eine weitere Beschleunigung in der Dopingspirale. Der schwedische Antidopingspezialist Arne Lundquist schätzt, dass es weltweit etwa 100 000 kleine Labors gibt, die in Sachen Doping aktiv werden und dopingwillige Sportler "unterstützen" können. So werden heutige und zukünftige Spitzensportveranstaltungen wie die Olympischen Spiele nach Geipel trotz der Dopingkontrollen eine Schau von häufig chemisch aufgerüsteten Athleten sein.

    Zur Frage, inwieweit es auch beim Gendoping schon große Gefahren gibt, gab es große Meinungsunterschiede zwischen Ines Geipel, die sich unter anderem auf Gutachten verschiedener Sportmediziner für die Bundestagsstelle für Technologiefolgenabschätzung in Berlin stützte, und Prof. Dr. Werner Franke. Letzterer war anderer Meinung; zum einen habe die Sportszene bisher noch nicht die nötige wissenschaftliche Kompetenz. Zum anderen hätten seine eigenen Experimente (als Grundlage für zukünftige Therapien für Kranke) und solche von anderen seriösen Forschern fast durchweg zu Misserfolgen geführt, die Problematik sei bisher nicht beherrschbar; von daher sei die Gefahr des Dopings bisher wenig real.

    Die zuhörenden Studierenden stellten Fragen zur Karriere von Ines Geipel, zum Gefährdungspotential ihrer Arbeit (z.B. im Zusammenhang mit ihren Berichten über Dopinglabors und Doping in China). Und waren erschüttert über den Umfang von Lug und Betrug in einem Leistungssport, in dem trotz Verurteilung wegen Dopings der frühere Bundestrainer Spilker seit vielen Jahren Rechtswart eines Landessportbunds oder der hoch belastete Thomas Springstein (von unkritischen Bundestrainern 2004 zum Trainer des Jahres gewählt) heute schon wieder seine Dienste per Internet als Coach anbieten kann, wahrgenommen unter anderem von litauischen Athleten bei einem Trainingslager in Südafrika. Die heile Welt des Sports? Diese - da gibt sich Ines Geipel keinen Illusionen hin - gibt es nicht mehr und wird es in einem solchen Sport und in einer solchen chemieversessenen Gesellschaft (Alltagsdoping) wohl auch nicht mehr geben.

    Nächste Veranstaltung der gemeinsamen Ringvorlesung von Universität und Pädagogischer Hochschule Heidelberg: 15.5., 16 Uhr, RA Michael Lehner: Der Anwalt zwischen Täter- und Opferperspektive

    Rückfragen bitte an:
    Prof. Dr. Gerhard Treutlein
    Tel. 0172 9334838
    treutlein@ph-heidelberg.de

    Allgemeine Rückfragen von Journalisten auch an:
    Dr. Michael Schwarz
    Pressesprecher der Universität Heidelberg
    Tel. 06221 542310, Fax 542317
    michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
    http://www.uni-heidelberg.de/presse

    Irene Thewalt
    Tel. 06221 542310, Fax 542317
    presse@rektorat.uni-heidelberg.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Gesellschaft, Medizin, Politik, Recht, Sportwissenschaft
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


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