idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
13.06.2008 15:00

Neue Zellen im Gehirn - viel hilft nicht immer viel

Katrin Weigmann Press office
Bernstein Centers for Computational Neuroscience

    Wissenschaftler untersuchen den Zusammenhang zwischen Lernen und Zellteilung im Gehirn

    Das Gehirn ändert sich ein Leben lang. Wenn wir uns an etwas erinnern können, liegt das daran, dass das betreffende Ereignis Spuren im Gehirn hinterlassen hat. Ständig werden die Verbindungen zwischen den Zellen umorganisiert und neu entstandene Zellen in das Netzwerk integriert. Welche Rolle die Entstehung neuer Nervenzellen im Gehirn bei der Reorganisation neuronaler Strukturen spielt, hat Markus Butz vom Bernstein Zentrum für Computational Neuroscience und Max Planck Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen gemeinsam mit Arjen van Ooyen aus Amsterdam und weiteren Kollegen aus Bielefeld untersucht. Die Wissenschaftler zeigten, dass zusätzliche Gehirnzellen nicht immer die Lernfähigkeit erhöhen. Zu viele neue Zellen können das Knüpfen weiterer Verbindungen im Gehirn sogar hemmen.

    Viele kognitive Prozesse sind darauf angewiesen, dass das Gehirn ständig neue Zellen produziert. Wissenschaftler haben deshalb bislang angenommen, dass neue Zellen grundsätzlich die Reorganisationsfähigkeit des Gehirns und damit die Lernfähigkeit erhöhen. Dieser positive Einfluss von neuen Zellen auf die Umstrukturierung des Gehirns hat aber offenbar seine Grenzen. Wie die Wissenschaftler um Butz nun erstmals gezeigt haben, können zu viele neue Zellen die Entstehung neuer Verbindungen sogar hemmen. Das Team untersuchte den Zusammenhang zwischen Zellteilung und der Entstehung neuronaler Verknüpfungen im Hippokampus von Wüstenrennmäusen. Der Hippokampus ist für die Übermittlung von Informationen in das Langzeitgedächtnis zuständig. Er zeichnet sich dadurch aus, dass hier ein Leben lang sehr viel Zellteilung und neuronale Reorganisation stattfindet.

    Wenn Wüstenrennmäuse isoliert und mit wenig Anregung großgezogen werden, entwickeln sie Verhaltensstörungen: Sie sind ängstlich und zeigen stereotypes Verhalten. Das geht einher mit anatomischen Anomalien in der Struktur des Gehirns, es werden nicht genügend neue Verbindungen geknüpft. Dieser Mangel an struktureller Reorganisation ist auf eine zu starke Zellteilung zurückzuführen. Wie die Wissenschaftler zeigten, lässt sich die strukturelle Reorganisation im Gehirn dieser Mäuse nahezu auf ein Normalmaß steigern, wenn die Zellteilung künstlich verringert wird. Welcher Mechanismus dieser Behinderung neuronaler Reorganisation durch überschüssige neuronale Zellen zu Grunde liegt, untersuchten sie im Computermodell.

    Freie neuronale Kontakte sind eine Voraussetzung dafür, dass sich das neuronale Netzwerk umorganisieren kann. Neue Zellen, die gerade erst aus einer Zellteilung hervorgegangen sind, produzieren sogenannte "neurotrophe Faktoren", die solche Kontakte anziehen. Auf diese Weise werden die neuen Zellen ins Netzwerk integriert. Gibt es aber zu viele neue Zellen, werden alle vorhandenen Kontaktstellen besetzt - eine anschließende Reorganisation zwischen den bereits bestehenden Zellen wird dadurch behindert. Das führt zu einer falschen Organisation des Netzwerks. Eine solche Fehlorganisation, so spekulieren die Forscher, kann auch zu Epilepsie führen.

    Originalveröffentlichung:
    Butz, M., Teuchert-Noodt, G., Grafen, K., van Ooyen, A.
    Inverse relationship between adult hippocampal cell proliferation and synaptic rewiring in the dentate gyrus. Hippocampus, Online-Publikation , 14. Mai 2008

    Kontakt:
    Dr. Markus Butz, Bernstein Zentrum für Computational Neuroscience und Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, Göttingen


    Weitere Informationen:

    http://www.bccn-goettingen.de/People/mbutz - Markus Butz
    http://www.ds.mpg.de
    http://www.nncn.de


    Bilder

    Hirnschnitte des Hippokampus von Wüstenrennmäusen im Dunkelfeldmikroskop. Neuronale Umbauprozesse sind durch Silberfärbung als helle Körnchen dargestellt. Links: Starker neuronaler Umbau im Hippokampus eines Tiers, das im Gehege aufgewachsen ist. Rechts: Reduzierter neuronaler Umbau im Hippokampus eines Käfigtiers.
    Hirnschnitte des Hippokampus von Wüstenrennmäusen im Dunkelfeldmikroskop. Neuronale Umbauprozesse si ...
    Quelle: Bild: M. Butz


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Biologie, Ernährung / Gesundheit / Pflege, Informationstechnik, Mathematik, Medizin, Physik / Astronomie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Hirnschnitte des Hippokampus von Wüstenrennmäusen im Dunkelfeldmikroskop. Neuronale Umbauprozesse sind durch Silberfärbung als helle Körnchen dargestellt. Links: Starker neuronaler Umbau im Hippokampus eines Tiers, das im Gehege aufgewachsen ist. Rechts: Reduzierter neuronaler Umbau im Hippokampus eines Käfigtiers.


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).