Ein letztes Mal hatte Detlef Müller-Böling als CHE-Leiter zu einem Symposium in Berlin geladen. Nach über einem Jahrzehnt "zählen, messen und schätzen" wurde die Frage gestellt: "War dies ein Fluch oder ein Segen für die deutsche Hochschullandschaft?" Im Rahmen der Abendveranstaltung zum Abschied von Müller-Böling als Leiter des CHE überreichte Präsident Wolfgang A. Herrmann einen "Goldenen Ehrenring" der Technischen Universität München.
Bereits 1993 hatte sich ein Projekt der HRK mit der Suche nach geeigneten Indikatoren zur Leistungsmessung im Hochschulbereich befasst. Schon damals war klar, dass verlässliche und ausagekräftige Daten notwendig sind, um Entscheidungen sinnvoll treffen zu können. Daraus entstand das CHE-Ranking. Nach Jamie P. Merisotis, Präsident der Lumina Foundation for Education in Indianapolis, gehört es weltweit zu den methodisch besten. Entscheidend sei die Transparenz des Erhebungsverfahrens und die Eignung der Indikatoren. Rankings werden mittlerweile in 24 Ländern erstellt, was die wachsende Bedeutung dieses Instruments unterstreiche. Alle Rankings seien "work in progress", d.h. sie müssten kontinuierlich weiterentwickelt werden. Vor diesem Hintergrund gibt es inzwischen Standards für Rankings, die als "Berlin Principles" von der Internationalen Expertengruppe IREG veröffentlicht wurden.
"Ein Ranking muss immer die Zielgruppe im Auge haben", betonte CHE-Rankingfachmann Gero Federkeil. "Sollen Studienbedingungen für die Orientierung von Abiturienten verglichen werden, dürfen dieselben Ergebnisse nicht auch als Entscheidungshilfe bei der Mittelverteilung an Hochschulen herangezogen werden." Die Diskussion mit dem Publikum drehte sich auch um die Frage der nicht beabsichtigten Wirkungen von Rankings, und welchen Einfluss Rankings haben. Dr. Barbara Ischinger, Direktorin für Bildung bei der OECD, stellte ein Vorhaben zur Messung von "Learning-Outcomes" vor. Geplant sei zunächst, Indikatoren zu entwickeln, die international vergleichbar seien und den Kompetenzzuwachs von Beginn bis Ende eines Bachelorstudiums erfassen könnten.
Leiden die Hochschulen an Evaluits und Akkredititis, also an der Bürokratisierung durch ein Übermaß an Qualitätssicherung in Forschung und Lehre? Die Diskussionrunde unter Leitung von CHE-Expertin Sigrun Nickel war sich einig, dass es bei der Qualitätsentwicklung um mehr geht, als nur die zahlenmäßige Erfassung von Leistungen, sondern dass es stark darauf ankommt, Wissenschaftler, Studierende, Verwaltungsmitarbeiter und Leitungskräfte miteinander ins Gespräch zu bringen. So besteht eine der Hauptwirkungen der Exzellenzinitiatve vor allem in einem Motivationsschub. Die Forschungsqualität im deutschen Hochschulsystem werde steigen, so die Prognose von Gerhart von Graevenitz, Rektor der Eliteuniversität Konstanz. Die Qualitätsentwicklung im Bereich Lehre und Studium sei dagegen noch nicht so weit gediehen, stellte HRK-Präsidentin Margret Wintermantel klar. Neben einer krassen Unterfinanzierung würden die Hochschulen durch Akkreditierungsverfahren stark belastet. Dennoch sei es notwendig, dass es eine externe Qualitätskontrolle gibt, sagte Christine Scholz von der European Students' Union (ESU), auch wenn ein Akkreditierungssiegel bei den Studierenden kaum eine Rolle spiele.
Ob und wie Hochschulen besser gesteuert werden können, darüber wird mittlerweile seit 15 Jahren diskutiert. "Alle notwendigen Instrumente sind da, wir müssen sie nur endlich mutiger einsetzen", erklärte Ludwig Kronthaler, ehemaliger Kanzler der TU München, unter Applaus des Publikums. Das betreffe vor allem das Setzen von Anreizen. Als Erfolgsfaktoren hierfür identifizierte Frank Ziegele, zukünftiger CHE-Geschäftsführer, vor allem: Transparenz, Einfachheit und Konsistenz mit dem Managementkonzept der Hochschule insgesamt.
Voraussetzung für eine gute Hochschulsteuerung sei, keine Datenfriedhöfe enstehen zu lassen. "Daten müssen für alle relevanten Funktionsträger zugänglich sein. Sie dürfen kein Herrschaftswissen darstellen", betonte Ulrike Gutheil, Kanzlerin der TU Berlin. Ihre Hochschule verfüge inzwischen über ein entsprechendes IT-System. Einer effizienten und effektiven Hochschulsteuerung sind allerdings staatliche Grenzen gesetzt. Deshalb sei es um so wichtiger, dass die Mittelverteilung so gestaltet sei, dass den Institutionen genügend Gestaltungsspielraum gelassen werde, so Wissenschafsministerin Johanna Wanka. Das Land Brandenburg habe gerade sein Budgetierungsmodell evaluieren lassen und recht gute Noten von den Hochschulmitgliedern erhalten. Insgesamt bringen allerdings alle Steuerungsinstrumente nichts, wenn die Leitungskräfte diese nicht adäquat einsetzen. Hier besteht noch erheblicher Professionalisierungsbedarf, war sich die Runde einig.
Im letzten Panel fragte Christian Berthold, Geschäftsführer von CHE Consult, nach der künftigen Rolle von Hochschulen. Diese haben nach Rudolf Stichweh, Soziologe an der Universität Luzern, heute den gesellschaftlichen Auftrag, den notwendigen höheren Anteil an akademisch ausgebildeten Menschen zu gewährleisten und stärker alle gesellschaftlichen Schichten anzusprechen. Peter Englert, ehemaliger Chancellor der University of Hawaii, sprach sich dabei klar gegen Quotenregelungen für Minderheiten aus und erläuterte, wie über Mentorenprogramme an seiner Universität eine Beteiligung der Maori gesteigert werden konnte. Ossi V. Lindquist, ehem. Chairman des Finnish Higher Education Evaluation Council, betonte, dass das heutige Hochschulsystem kein homogenes System mehr sei, sondern heterogen bezogen auf Lernende wie auf Lehrende. "Massification" bedeute zunehmende Vielfalt und bedarf der Interdisziplinarität und einer Durchlässigkeit des Systems. Er stellte die Frage in den Raum: "Werden heutige Rankings und Evaluationen auch den vielfältigen zukünftigen Aufgaben von Hochschulen gerecht?" Hochschulen sind mehr als das, was gezählt wird, lautete denn auch ein Fazit der Runde.
Die Abendveranstaltung am 19. Juni zum Abschied von Detlef Müller-Böling als CHE-Leiter Ende Juli wurde von vielen ehemaligen Weggefährten genutzt, um seine Verdienste in launigen Worten noch einmal hervorzuheben und zu würdigen. Gunter Thielen bedankte sich als ihr Vorstandsvorsitzender im Namen der Bertelsmann Stiftung für das Wirken von Müller-Böling und Margret Wintermantel erinnerte für die HRK an gemeinsame Projekte. Müller-Bölings hohe Frustrationstoleranz lasse eine "gewisse Wahrnehmungsschwäche für menschliche Destruktivität erkennen", so die studierte Psychologin augenzwinkernd vor etwa 250 Gästen.
Eine besondere Würdigung wurde Müller-Böling von der TU München zuteil. Im Namen des Hochschulrats und der Hochschulleitung überreichte Präsident Wolfgang A. Herrmann einen "Goldenen Ehrenring" der Universität. In seiner Dankesrede erinnerte Müller-Böling an die vielen mehr oder weniger schmeichelhaften Vergleiche, die ihm als CHE-Leiter zuteil wurden - von "Zauberlehrling" bis "Enfant terrible des Hochschulsystems " wurde er tituliert. Im Juli wird er 60 Jahre alt und im August die Leitung des CHE an Frank Ziegele und Jörg Dräger übergeben. Dass er sich ganz auf die Rolle des Privatiers zurückziehen wird, wurde ihm von den Gästen jedoch nicht abgenommen.
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TU-Präsident Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang A. Herrmann überreicht den "Goldenen Ehrenring" der U ...
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Prof. Dr. Detlef Müller-Böling verabschiedet sich als Leiter des CHE Gemeinnütziges Centrum für Hoch ...
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Merkmale dieser Pressemitteilung:
fachunabhängig
überregional
Buntes aus der Wissenschaft, Wissenschaftspolitik
Deutsch

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