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01.07.2008 15:31

Tunguska-Katastrophe: Beweise für sauren Regen stützen Meteoritentheorie

Tilo Arnhold Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

    Moskau/Bologna/Halle. Bei der Tunguska-Katastrophe ist es 1908 offenbar zu starken sauren Niederschlägen gekommen. Das schließen russische, italienische und deutsche Forscher aus Ergebnissen der Untersuchungen der Torfprofile des Katastrophengebietes. An der Grenze des Dauerfrostbodens von 1908 hatten sie deutlich erhöhte Werte der schweren Stickstoff- and Kohlenstoff-Isotope 15N und 13C festgestellt. Die maximale Anreicherung wurden für die Gebiete im Explosionsepizentrum and entlang der Flugbahn des kosmischen Körpers registriert. Erhöhte Konzentrationen von Iridium und Stickstoff in entsprechenden Torfschichten stützen die Theorie, dass die gefundene Isotopeneffekte eine Folge der Tunguska-Katastrophe sind und kosmische Ursachen haben. Schätzungen zufolge sind damals etwa 200.000 Tonnen Stickstoff auf die Tunkuska-Region in Sibirien herabgeregnet. "Extrem hohe Temperaturen beim Eintritt eines Meteoriten in die Atmosphäre haben dafür gesorgt, dass der Sauerstoff in der Atmosphäre mit Stickstoff zu Stickstoffoxid reagiert hat", sagte Natalia Kolesnikova am Montag gegenüber der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti. Die Wissenschaftlerin ist eine der Autoren der 2003 im Fachblatt Icarus veröffentlichten Studie der Lomonosov-Universität Moskau, der Universität Bologna und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ).

    Das Tunkuska-Ereignis gilt als eine der größten Naturkatastrophen der Neuzeit. Am 30. Juni 1908 ereigneten sich in der Nähe des Flusses Tunguska nördlich des Baikalsees eine oder mehrere Explosionen, die auf einem Gebiet von über 2000 Quadratkilometern rund 80 Millionen Bäume umknickten. Die Kraft der Explosion wird auf fünf bis 30 Megatonnen TNT geschätzt. Das entspricht mehr als dem Tausendfachen der Hiroshimabombe. Die kaum besiedelte Region Sibiriens wurde erst 1927 von Professor Leonid Alexejewitsch Kulik untersucht. Zu den Ursachen der Katastrophe existieren inzwischen verschiedenste Theorien. Die Mehrheit der Wissenschaftler geht jedoch von einer kosmischen Ursache wie dem Einschlag eines Meteoriten, Asteroiden oder Kometen aus. Wäre dieser damals knapp fünf Stunden später in der Atmosphäre explodiert, dann wäre aufgrund der Erdrotation die damalige russische Hauptstadt St. Petersburg komplett zerstört worden.

    Russische und italienische Forscher hatten 1998 und 1999 während zweier Expeditionen Torfprofile von verschiedenen Stellen im sibirischen Katastrophengebiet entnommen. Die untersuchte Moosart Sphagnum fuscum, die im Torfmaterial recht häufig vorkommt, bezieht ihre mineralischen Nährstoffe ausschließlich aus Luftaerosolen und kann dadurch irdischen und außerirdischen Staub speichern. Die Proben wurden später in den Laboren der Universität Bologna und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Halle/Saale untersucht. Das UFZ hat sich unter anderem auf Isotopenanalysen von Boden und Wasser spezialisiert und wurde damals von den Moskauer Forschern um Dr. Evgeniy M. Kolesnikov um Mithilfe gebeten. Kolesnikov, der seit über 20 Jahren das Tunguska-Ereignis untersucht, war bereits zweimal als Gastwissenschaftler mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in Leipzig, um sich mit den Isotopenexperten zu beraten. "Eine solche Einreicherung des schweren Kohlenstoff-Isotopes 13C direkt an der Grenze des Permafrostbodens von 1908, die wir wiederholt in mehreren Torfprofilen aus dem Katastrophengebiet registriert haben, ist mit keinem terrestrischen Prozess zu erklären. Die Schlussfolgerung liegt also nahe, dass die Tunguska-Katastrophe eine kosmische Ursache hat und dass wir auf die Spuren dieser Materie gestoßen sind", erklärt Dr. Tatjana Böttger vom UFZ. In Frage kommt dafür beispielsweise ein Asteroid vom Typ C wie Mathilde 253 oder ein Komet wie Borelly.
    Tilo Arnhold

    Publikationen:
    KOLESNIKOV, E.M. LONGO, G., BOETTGER, T., KOLESNIKOVA N.V., GIOACCHINI, P., FORLANI, L., GIAMPERI, R., SERRA, R. (2003). "Isotopic-geochemical study of nitrogen and carbon in peat from the Tunguska Cosmic Body explosion site". Icarus 161 (2): 235-243.
    (ICARUS is the official publication of the Division for Planetary Sciences of the American Astronomical Society.)

    KOLESNIKOV, E.M., STEPANOV, A.I., GORIDKO, E.A., BÖTTGER,T., KOLESNIKOVA, N.V. (2000). Isotopic and elemental anomalies in peat from the Tunguska Cosmic Body explosion epicentre are the probable traces of cosmic material presence. - In: Special issue "90 anniversary of Tunguska meteorite", ed. Romeiko, B.A., Moscow, MGDTDJ-Department of astronomy and astronautics, 43-49

    KOLESNIKOV, E. M., BÖTTGER, T., KOLESNIKOVA, N. V. (1999). Finding of probable Tunguska Cosmic Body material: isotopic anomalies of carbon and hydrogen in peat. - Planetary and Space Science 47, 6-7, 905-916

    Weitere fachliche Informationen:
    Dr. Tatjana Böttger
    Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)
    Telefon: 0345-558-5227
    http://www.ufz.de/index.php?de=697
    und
    Evgeniy M. Kolesnikov, Natalya V. Kolesnikova
    Faculty of Geology, Moscow State University, 119992 Moscow, Russia
    Phone: +007-95-932-4916
    Fax: +007-95-932-8889
    http://www.geol.msu.ru/deps/geochems/rus/Peop.html
    http://www.geol.msu.ru/deps/geochems/rus/peop/Kolesnikov.html
    http://www.geol.msu.ru/deps/geochems/rus/peop/kolesna.html
    oder über
    Tilo Arnhold (UFZ-Pressestelle)
    Telefon: 0341-235-1269
    E-mail: presse@ufz.de

    Weiterführende Links:
    Acid rain traces support meteor theory for 1908 Tunguska blast
    http://en.rian.ru/science/20080630/112598958.html
    Vor 100 Jahren: Asterioden-Explosion im sibirischen Tunguska - DLR erforscht Abwehrmaßnahmen in internationaler Kooperation
    http://www.dlr.de/DesktopDefault.aspx/tabid-1/86_read-12888/
    Klimarekonstruktion per Isotopenanalyse:
    http://www.ufz.de/data/UFZ_XII_FT12_Klimaentwicklg4360.pdf
    http://www.isonet-online.de/

    Im Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ erforschen Wissenschaftler die Ursachen und Folgen der weit reichenden Veränderungen der Umwelt. Sie befassen sich mit Wasserressourcen, biologischer Vielfalt, den Folgen des Klimawandels und Anpassungsmöglichkeiten, Umwelt- und Biotechnologien, Bioenergie, dem Verhalten von Chemikalien in der Umwelt, ihrer Wirkung auf die Gesundheit, Modellierung und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Ihr Leitmotiv: Unsere Forschung dient der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen und hilft, diese Lebensgrundlagen unter dem Einfluss des globalen Wandels langfristig zu sichern. Das UFZ beschäftigt an den Standorten Leipzig, Halle und Magdeburg 900 Mitarbeiter. Es wird vom Bund sowie von Sachsen und Sachsen-Anhalt finanziert.
    Die Helmholtz-Gemeinschaft leistet Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft durch wissenschaftliche Spitzenleistungen in sechs Forschungsbereichen: Energie, Erde und Umwelt, Gesundheit, Schlüsseltechnologien, Struktur der Materie, Verkehr und Weltraum. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit 25.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 15 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 2,3 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ihre Arbeit steht in der Tradition des großen Naturforschers Hermann von Helmholtz (1821-1894).


    Weitere Informationen:

    http://www.ufz.de/index.php?de=640 - weitere Infos & Fotos


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Biologie, Chemie, Geowissenschaften, Meer / Klima, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Evgeniy Kolesnikov fotografierte die gleiche Stelle 60 Jahre später. Die gefallenen Stämme liegen noch, dazwischen wächst die Taiga.


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    Probennahme: Ausschneiden von Torfprofilen im Dauerfrostgebiet Tunguska.


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