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20.11.2000 12:08

"Lorenz Oken - ein politischer Naturphilosoph"

Dr. Wolfgang Hirsch Abteilung Hochschulkommunikation/Bereich Presse und Information
Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Jena. (20.11.00) Mit dem Jenaer Naturforscher, Arzt und Philosoph Lorenz Oken (1779-1851) befasste sich am vergangenen Wochenende eine Tagung an der Friedrich-Schiller-Universität.

    In der Veranstaltung des Sonderforschungsbereichs "Ereignis Weimar - Jena. Kultur um 1800" in Zusammenarbeit mit dem Haeckelhaus und der Stadt Offenburg (Baden) ging es darum, Okens Bedeutung für die Entstehung der modernen Naturwissenschaften wie auch für die Vormärz-Bewegung zu untermauern und die inhaltlichen Eckpfeiler für eine geplante Publikation zu seinem 150. Todestag einzuschlagen. "Oken ist derjenige Naturforscher, der das typologische Programm eines Johann Wolfgang von Goethe mit aller Konsequenz umsetzte", resümiert Veranstalter Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach. "Er schuf die Konturen, in denen sich die Kultur der Naturwissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konstituierte."

    Der in Bohlsbach bei Offenburg geborene Bauernsohn Oken studierte Medizin in Freiburg/Breisgau, habilitierte sich in Göttingen und kam 1807 als Professor nach Jena. Bemerkenswert sind seine naturphilosophischen Arbeiten, die sich in einem Lehrbuch und in der von ihm begründeten naturwissenschaftlich-enzyklopädischen Zeitschrift "Isis" niederschlugen. Die Denkhaltung Okens war pantheistisch geprägt. Nach seinem spekulativ-romantischen Weltmodell bauen sich Organismen durch optisch-elektrische Kräfte aus dem Urschleim auf; alles Sichtbare ist der erstarrte Gedanke Gottes, dessen Selbstbewusstsein das Licht zeugt. Diese Theorien, die uns heute eher abseitig erscheinen, beförderten jedoch in der Goethe-Zeit die experimentellen-naturwissenschaftlichen Forschungen ungemein.

    Oken selbst beteiligte sich daran mit anatomisch-physiologischen Arbeiten, die ihn zu einem Begründer der exakten Entwicklungsgeschichte in Deutschland machten. Seine "Wirbeltheorie des Schädels" stand im Gegensatz zu Goethes Anschauung, und ein Gelehrtenstreit um die evolutionsbiologische Bedeutung des Zwischenkieferknochens entbrannte. Weitaus schärfer jedoch waren Lorenz Okens politische Auseinandersetzungen mit dem höfisch-weimarischen Establishment, als er sich in der "Isis" mit politischen Aufsätzen offen zu freiheitlich-demokratischem Gedankengut bekannte und 1817 am Wartburgfest teilnahm. Zwei Jahre später musste er deshalb seine Jenaer Professur aufgeben und wechselte über München schließlich 1832 nach Zürich, wo er erster Rektor der neu gegründeten Universität wurde.

    Lorenz Oken selbst schreibt in seiner "Isis", dass er den Geist Jenas in der nationalen Dimension fortführen wolle. Er ist der Naturforscher, der auch Ende des 19. Jahrhunderts sowohl in der deutschen wie auch der englischen Naturforschung auf große Anerkennung stieß. "Nur, der Oken, der hier Erwähnung findet ist der Entdecker, der Naturforscher, der die Zuordnung von Dottersack und Nabelschnur fand und dessen Ideen einer Zuordnung von Wirbel und Schädelknochen im Konzept einer seriellen Homologie fortgeführt werden" erläutert Olaf Breidbach. "Oken ist zudem derjenige, der mit seiner Allgemeinen Naturgeschichte für alle Stände erstmals auch im deutschen Sprachraum eine umfassende, schon über ihre Illustration wirkende Darstellung des Naturalen vorlegte. Brehm wird sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Anlage seiner ,Thierlebens' auf ihn berufen." Und Oken ist nicht zuletzt als einer der politischen Philosophen in Erinnerung, der zusammen mit seinem Gegenpart Fries für die studentische Freiheitsbewegung in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhundert bedeutsam war.

    Ansprechpartner:
    Prof. Dr. Dr. Olaf Breidbach
    Institut für die Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik
    Tel.: 03641/949500, Fax 949502
    E-Mail: b6brol@pluto.rz.uni-jena.de

    Friedrich-Schiller-Universität
    Referat Öffentlichkeitsarbeit
    Dr. Wolfgang Hirsch
    Fürstengraben 1
    07743 Jena
    Tel.: 03641/931031
    Fax: 03641/931032
    e-mail: h7wohi@sokrates.verwaltung.uni-jena.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Geschichte / Archäologie, Medizin, Philosophie / Ethik, Religion
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


    Lorenz Oken


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