Die Diskussion um Gleichberechtigung von Mann und Frau ist ein Dauerthema. Wie sieht es mit der Gleichberechtigung an der Universität Konstanz aus? "Im Gespräch" hat sich bei Marion Woelki, Leiterin des Gleichstellungsreferats, nach Details erkundigt.
Frau Woelki, haben speziell Männer an der Universität Konstanz Probleme?
Mir ist an der Uni Konstanz keine Problematik bekannt, die nur Männer betrifft. Natürlich hören wir ab und an das übliche Gemecker nach dem Motto "Warum werden nur Frauen gefördert?", aber das sehr undifferenziert, da nicht gesehen wird, dass es auch Familienförderung in großem Umfang gibt. Wir vom Gleichstellungsreferat können weder auf Erfahrungen dazu zurückgreifen noch sind mir Studien bekannt. Trotzdem ist es so, dass auch Männer von unserer Arbeit profitieren, obwohl unsere Aufgabe die Gleichstellung von Frauen ist - und zwar diejenigen, die Väter sind.
Inwiefern?
Wir haben uns vor zwei Jahren als familiengerechte Hochschule zertifizieren lassen. Dabei haben wir uns 15 Ziele mit 45 Maßnahmen für verschiedene Zielgruppen gesetzt.
Können Sie Beispiele nennen?
Für Studierende erarbeiten wir gerade Modelle, wie sie in Teilzeit ihr Studium leisten und organisieren können. Hinzu kommt, dass wir ein Konzept für eine vernetzte Beratung erarbeiten, damit die Studierenden künftig nicht so viele verschiedene Stellen anlaufen müssen. Und wir wollen die Kommunikation verbessern: Über ein Netzwerk sollen Eltern miteinander in Kontakt treten und Informationen austauschen können. Für Studentinnen mit Kindern, die weniger flexibel und weniger mobil sind, gibt es innerhalb des Mentoring-Programms ein spezielles Förderprogramm.
Haben Sie auch spezielle Förderprogramme für Nachwuchswissenschaftlerinnen mit Kindern?
Ja, in der Regel ab der Postdoc-Phase aufwärts. Unsere Kleinkindergruppe haben wir von zehn auf 40 Plätze erweitert, ein weiterer Ausbau in der Übergangslösung zum Kinderhaus ist für September geplant. Für die Notfallbetreuung haben wir zwei Kinderkrankenschwestern. Sie betreuen die Kinder zu Hause, damit die Eltern wichtige Termine wahrnehmen können. Außerdem haben wir flexible Plätze mit flexiblen Öffnungszeiten und einer Betreuungszeit bis maximal 20 Uhr. Weiter bieten wir ein Projekt zum Thema "Förderung Dualer Karrieren" an. Oft ist es so, dass exzellente Leute auch exzellente Partner haben. Wenn jemand bei uns an der Uni anfängt und sein(e) Partner/in eine Stelle sucht, gibt es auch einen Stellenpool mit der Möglichkeit ihn/sie vorübergehend im akademischen Bereich zu beschäftigen, in der Hoffnung, dass sich das verstetigen kann. Mit anderen Hochschulen haben wir ein Netzwerk in der Region gegründet, außerdem wollen wir ein solches mit wichtigen Arbeitgebern in der Region aufbauen.
Haben Sie sich für die nächsten Jahre Ziele gesetzt, was den Anteil von Frauen in gewissen Bereichen anbelangt?
Ja. Im Rahmen der Exzellenzinitiative wollen wir in den nächsten fünf Jahren einen Frauenanteil von 50 Prozent bei den Doktorandinnen, 40 Prozent bei den Habilitationen und 30 Prozent bei den Professuren erreichen. Langfristig gesehen wollen wir in allen drei Bereichen auf 50 Prozent kommen. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg: Von denjenigen, die Elternzeit nehmen, sind immer noch circa 90 Prozent Frauen, und selbst wenn Familienpflichten partnerschaftlich aufgeteilt werden, gehen sie häufig stärker zu Lasten von Frauen. Hinzu kommt, dass Frauen statistisch gesehen circa zwei Jahre jünger als ihre Partner sind. Die Entscheidung, was ein Paar macht, wird meist zugunsten desjenigen getroffen, der "weiter" ist. Um den Karriereknick für Frauen zumindest abzuschwächen, erarbeiten wir derzeit ein Konzept für Teilzeitmodelle.
Das hört sich so an, als müssten Sie Ihre Kraft und die Ihrer sieben Mitarbeiterinnen zu 150 Prozent der Förderung von Frauen widmen?
Es ist noch immer so, dass viel zu wenig Frauen einen Karriereweg in der Wissenschaft einschlagen. Der Mythos, der Wissenschaftler opfere sein ganzes Leben der Wissenschaft, schreckt viele ab. Je weiter wir "nach oben" in der Karriere kommen, desto weniger Frauen gibt es: 55 Prozent sind Studentinnen, 35 bis 38 Prozent Doktorandinnen, 28 bis 30 Prozent habilitieren sich, Professorinnen haben wir 16 Prozent. Wir sprechen von einer "leaky pipeline" und möchten gerne deren Löcher stopfen.
Wie wollen Sie vorgehen?
Von unten und von oben. Mit "von unten" meine ich, dass wir Frauen so weit wie möglich unterstützen. Zu Beginn einer Promotion gibt es Fördermöglichkeiten. Eine feste Mittelbaustelle gibt es in Deutschland nicht, das heißt, entweder schaffe ich es bis ganz oben oder ich falle irgendwann raus. Auch durch die Habilitation ist es ein sehr langer Weg - die Abhängigkeit von Drittmittelfinanzierungen ist hoch. Wir möchten die Frauen bei ihrer Karriereplanung auch finanziell beraten und sie mit Hilfe von Training und Coachings individuell bestärken und motivieren.
Was meinen Sie mit "von oben" ansetzen?
Wir hinterfragen die Kultur und Struktur an den Hochschulen, beispielsweise wollen wir eine aktive Rekrutierung von Frauen fördern, sowie Einstellungskriterien hinterfragen. Wir wollen zudem wissen, ob es wirklich eine Chancengleichheit im Bewerbungsverfahren gibt. Über diese Diskussion wollen wir ein größeres Verständnis für weibliche Karrierewege und eine Gendersensibilität erreichen und gleichzeitig motivieren.
Müssen Sie viel Überzeugungsarbeit leisten?
Manchmal schon. Aber es gibt auch Leute, die ein offenes Ohr für unser Anliegen haben. Und jene, die an der Festlegung von Leistungskriterien, aufgrund derer Frauen bisher rausgefallen sind, beteiligt waren, ohne es zu wollen. Unsere Vorstellung ist, dass wir gemeinsam an diesem Thema arbeiten. Dann ist allen geholfen.
Sind Sie manchmal mutlos in Anbetracht der hohen Ziele, die Sie sich gesetzt haben?
Nein. Derzeit bin ich sehr optimistisch. Politisch tut sich gerade viel, die Diskussion um Familienförderung dauert an, und auch in der Exzellenzinitiative haben wir die Gleichstellung hochrangig thematisiert. Und die Deutsche Forschungsgemeinschaft beispielsweise hat so genannte Gleichstellungsstandards rausgegeben. Nur wenn diese eingehalten werden, gibt es Mittel für Forschungsprojekte.
Stellen Sie sich vor, eine Fee würde Ihnen einen Wunsch freistellen. Welchen würden Sie gerne erfüllt bekommen?
Mein größter Wunsch ist, dass wir die Chancen, die wir haben, erfolgreich nutzen können. Der Großteil meiner Mitarbeiterinnen ist seit ein paar Monaten da, und es gab doch den ein oder anderen Widersacher. Wir möchten zeigen, dass es sich gelohnt hat, so viel zu investieren und wir tatsächlich die Universitätskultur zu Gunsten von Frauen verändern konnten.
Zur Person
Marion Woelki ist seit Dezember 1995 Referentin für Gleichstellungsfragen an der Universität Konstanz, seit Oktober 2007 leitet sie das Gleichstellungsreferat an der Universität Konstanz mit aktuell sieben Mitarbeiterinnen. Sie hat Politikwissenschaft und Geographie im Hauptfach an der Universität Tübingen studiert. Ihre Zwischenprüfung in Politikwissenschaft hat sie an einer Arbeit über "Antidiskriminierungsgesetze, am Beispiel des Entwurfs der Grünen" abgelegt. Ein Auslandsstudium an der Bundesuniversität in Rio de Janeiro und ein Forschungsaufenthalt dort haben sich angeschlossen. Thema der Magisterarbeit: "Arbeitsbedingungen und Organisierung von Prostituierten in Brasilien". Die Schwerpunkte von Marion Woelki sind Gender Studies mit den Themen Globalisierung, Frauenorganisation und feministische Geographie sowie Internationale Beziehungen mit den Themen Entwicklungsländerforschung und Lateinamerika. Von 2001 bis 2004 war sie als Fachkraft für den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) an der Universität Cuenca in Ecuador zum Aufbau eines Gender Studies Studiengangs. Seit 2004 ist Marion Woelki Mitglied im Beirat der Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten an den Hochschulen in Baden-Württemberg.
Marion Woelki
Quelle: Bild: Universität Konstanz / Pressestelle
Merkmale dieser Pressemitteilung:
fachunabhängig
überregional
Organisatorisches, Wissenschaftspolitik
Deutsch

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