Stolpersteine erinnern an Berliner Mathematiker

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08.09.2008 09:25

Stolpersteine erinnern an Berliner Mathematiker

Rudolf Kellermann MATHEON, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Sekretariat MA 3-1
DFG Forschungszentrum MATHEON Mathematik für Schlüsseltechnologien

    Berliner Mathematiker wollen mit der Verlegung von vier Stolpersteine an die ermordeten Berliner Wissenschaftler Dr. Kurt Grelling und seine Ehefrau Margareta Grelling, Dr. Robert Remak und Dr. Margarete Kahn erinnern.

    Im Jahr der Mathematik wollen Berliner Mathematiker auch an die Ermordung von vier ihrer Kollegen durch das Nazi-Regime vor mehr als 60 Jahren erinnern. Auf Initiative des DFG-Forschungszentrums MATHEON werden am Sonnabend, 13. September, ab 9:00 Uhr vier "Stolpersteine" in Gedenken an die ermordeten Berliner Mathematiker Dr. Kurt Grelling und seine Ehefrau Margareta Grelling, Dr. Robert Remak und Dr. Margarete Kahn vor ihren einstigen Berliner Wohnhäusern verlegt. Das MATHEON bündelt damit eine Initiative der mathematischen Institute der drei Berliner Universitäten sowie des Zuse-Instituts Berlin und des Weierstraß-Instituts für Angewandte Analysis und Stochastik. Die Patenschaften für die Stolpersteine haben Iris Grötschel, Ehefrau des Generalsekretärs der Internationalen Mathematiker-Vereinigung und langjährigen MATHEON-Sprechers Prof. Martin Grötschel, die die Anregung zu dieser Aktion gab, sowie die MATHEON-Mitglieder Prof. Peter Deuflhard, Prof. Alexander Mielke und Prof. Günter M. Ziegler übernommen. Wir würden uns freuen, Sie zur Verlegung der Stolpersteine begrüßen zu dürfen.
    Die vier Stolpersteine werden am 13. September in den Gehweg vor den ehemaligen Wohnorten eingelassen. Beginn ist um 9.00 Uhr in Lichterfelde in der Königsberger Str. 13 für Dr. Kurt Grelling und für Margareta Grelling, etwa 9.30 Uhr in der Manteuffelstr. 22 a für Dr. Robert Remak, ebenfalls in Lichterfelde, und gegen 10.00 Uhr für Dr. Margarete Kahn in der Rudolstädter Str. 127 in Wilmersdorf. Sowohl der Künstler Gunter Demnig als auch die Paten werden anwesend sein. Mit seinem Projekt "Stolpersteine" verfolgt der Künstler Gunter Demnig das Ziel, an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern. Stolpersteine sind etwa 10x10 cm große Gedenktafeln aus Messing, die ins Trottoir vor den Häusern eingelassen werden, in welchen die Opfer ihre letzte Wohnstatt hatten. Für die einzelnen Tafeln können Patenschaften übernommen werden.
    In Deutschland wurden viele jüdische Mathematiker schon 1933 oder kurz danach ihrer Arbeitsmöglichkeiten beraubt. Wenige Jahre später war auch ihr Leben bedroht. Wie Recherchen im Auftrag der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 1998 ergaben, wurden mindestens 144 deutschsprachige Mathematiker von den Nationalsozialisten verfolgt, davon allein 53 aus Berlin. Die meisten von ihnen wurden drangsaliert weil sie jüdischer Abstammung waren, einige wenige auch aus politischen Gründen. Sie mussten emigrieren, viele wurden ermordet. Wie die Ausstellung "Jüdische Mathematiker in der deutschsprachigen akademischen Kultur" zeigt, waren diese Mathematiker vor ihrer Vertreibung ebenso wie jüdische Mathematiker vorangegangener Generationen von großer Bedeutung für ihr Fach. Die Wanderausstellung, die zum Jahr der Mathematik mit Mitteln der Deutsche Telekom Stiftung realisiert wurde, tourt seit Beginn des Jahres durch Deutschland. Vom 14. September bis 2. Oktober ist sie in der Universitätsbibliothek der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zu sehen. Der Eintritt ist frei. Anfang 2009 kommt die Ausstellung nach Berlin.

    Kurzbiografien
    Robert Erich Remak wurde am 14. Februar 1888 in Berlin geboren. Sein Großvater war der erste Jude, der sich in Preußen habilitierte, ohne seinen jüdischen Glauben abzulegen. Remak ist bekannt für die Remaksche Zerlegung einer Gruppe. Er arbeitete außerdem in der Potentialtheorie und der Geometrie der Zahlen. Robert Remak studierte an der Berliner Universität bei Ferdinand Georg Frobenius und promovierte dort 1911 mit der Dissertation "Über die Zerlegung der endlichen Gruppen in indirekte unzerlegbare Faktoren". Nach seiner Habilitation arbeitete er zwischen 1929 und 1933 als Privatdozent an der Berliner Universität. Nach der Machtergreifung durch Hitler verlor Remak wegen seiner jüdischen Herkunft seine Stellung, wurde 1938 festgenommen und war mehrere Wochen im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Nach der Entlassung emigrierte er in die Niederlande, wo er aber nach der Besetzung durch deutsche Truppen erneut festgenommen, nach Auschwitz deportiert und dort 1942 ermordet wurde.

    Kurt Grelling wurde am 2. März 1886 in Berlin als Sohn des jüdischen Rechtsanwalts und Mitgründers der "Deutschen Friedensgesellschaft" Richard Grelling geboren. Kurt Grelling war Mathematiker, Logiker und Philosoph. Er studierte ab 1905 an der Universität Göttingen und arbeitete zusammen mit dem Philosophen Leonard Nelson über die Russell'sche Antinomie. In ihrer gemeinsamen Publikation im Jahre 1908 veröffentlichten sie neue Paradoxien, speziell die semantische Antinomie, welche heute meistens die Grelling'sche Antinomie genannt wird. Grelling promovierte 1910 in Mathematik bei David Hilbert in Göttingen. Ab 1923 arbeitete er an der Walter-Rathenau-Oberrealschule in Berlin-Neukölln als Gymnasiallehrer. Diese Stelle verlor er 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft. 1937 flüchtete Kurt Grelling nach Brüssel, wo er mit Paul Oppenheim einige Artikel über die Analyse wissenschaftlicher Erklärungen und über Gestaltpsychologie schrieb. Nach der Invasion Nazi-Deutschlands in Belgien wurde Kurt Grelling festgenommen, nach Frankreich deportiert und dort interniert. Ein Versuch von Paul Oppenheim und Carl Gustav Hempel, ihm ein Visum für die USA zu verschaffen, wurde durch Verzögerungspolitik der US-Einwanderungsbehörde zunichte gemacht, die bei ihm eine Neigung zum Kommunismus vermutete. Kurt Grelling wurde nach Auschwitz verschleppt und dort wahrscheinlich bei seiner Ankunft am 18. September 1942 ermordet.
    Mit Kurt Grelling gemeinsam wurde seine nicht-jüdische Ehefrau Margareta Grelling (geborene Berger, geb. am 10. Januar 1898 in Berlin, Eheschließung am 21. März 1925 in Berlin) ermordet. Sie hatte sich geweigert, sich von ihm zu trennen oder gar scheiden zu lassen.

    Margarete Kahn wurde am 27. August 1880 in Eschwege als Tochter des jüdischen Fabrikanten Albert Kahn geboren. Sie studierte Mathematik, Physik und philosophische Propädeutik in Berlin und Göttingen. Ihre Promotion verfasste sie 1909 zum Thema "Eine allgemeine Methode zur Untersuchung der Gestalten algebraischer Kurven" bei David Hilbert in Göttingen. Sie war als Studienrätin in Kattowitz, Dortmund und ab 1929 in Berlin-Tegel tätig. Von dieser Tätigkeit wurde sie 1933 zwangsbeurlaubt und 1936 entlassen. Sie musste Zwangsarbeit als Fabrikarbeiterin bei der Firma "Nordland Schneeketten" leisten. Margarete Kahn wurde am 28. März 1942 nach Trawniki deportiert und gilt als dort "verschollen".

    Weitere Informationen:
    Prof. Martin Grötschel, Tel.: 030-84185 210, E-Mail: groetschel@zib.de
    Prof. Günter M. Ziegler, Tel.: 030-314 25730, E-Mail: ziegler@math.tu-berlin.de


    Weitere Informationen:

    http://www.matheon.de
    http://www.stolpersteine.com
    http://www.jahr-der-mathematik.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Mathematik
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Pressetermine
    Deutsch


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