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30.04.1998 00:00

Georg-Forster-Preis für humanwissenschaftliche Doktorarbeit

Ingrid Hildebrand Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universität Kassel

    Pressemitteilung der GhK 38/98, 29. April 1998

    Kirche in ziviler Gesellschaft.

    Studien zur Konfliktgeschichte von katholischer Kirche und demokratischer Öffentlichkeit

    Georg-Forster-Preis für humanwissenschaftliche Doktorarbeit

    Kassel. Den vom Kasseler Hochschulbund gestifteten Georg-Forster-Preis 1997 erhielt am 29. April der Kasseler Theologe und Humanwissenschaftler Hermann-Josef Große Kracht für seine Doktorarbeit mit dem Titel "Kirche in ziviler Gesellschaft. Studien zur Konfliktgeschichte von katholischer Kirche und demokratischer Öffentlichkeit".

    Mit dem Georg-Forster-Preis zeichnet der Kasseler Hochschulbund alle zwei Jahre eine herausragende wissenschaftliche oder künstlerische Arbeit aus der Universität Gesamthochschule Kassel (GhK) aus.

    Georg Forster (1754-1794), der viele Jahre als Professor in Kassel wirkte und nach dem der mit 6000 DM dotierte Preis benannt ist, gehört zu den maßgeblichen frühen Wegbereitern republikanischen Denkens und des modernen Rechtsstaates. Als Aufklärer und Verfechter der 'Gleichheit' aller Menschen gilt er bis heute als einer der "Kronzeugen" für die nach wie vor aktuellen Bemühungen, das 'Projekt der Moderne' und die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Demokratie in weltweiter Perspektive zum Durchbruch zu verhelfen.

    In der akademischen Feierstunde zur Verleihung des Preises hielt der bekannte, in Frankfurt am Main und Luzern lebende Fundamentaltheologe und Habermas-Spezialist Prof. Dr. Edmund Arens den Festvortrag. Unter dem provozierenden Titel "Ist Theologie Luxus?" sprach Arens sich für eine "lebensbereichernde theologische Artenvielfalt" aus. Er ging auf die gegenwärtige Infragestellung wissenschaftlicher Theologie ein und skizzierte Orte und Leitlinien öffentlicher Gottesrede.

    Große Krachts Arbeit setzt sich mit der viel diskutierten Frage auseinander, ob die katholische Kirche den politischen Erfordernissen der Neuzeit immer noch ablehnend gegenübersteht oder ob sie auf dem Weg ist, ein vorurteilsfreies Verhältnis zu den Prinzipien von Demokratie und Öffentlichkeit aufzubauen; mehr noch, ob sie sich selbst als integrales Element in der modernen (Zivil-)Gesellschaft versteht. Mit seiner Promotion am Fachbereich Erziehungswissenschaft/Humanwissenschaften der GhK hat Große Kracht eine Untersuchung zur konfliktreichen Geschichte von Katholizismus und politischer Moderne vorgelegt. Seine detailreiche Rekonstruktion der Kirchengeschichte vom Zeitalter der Reformation über den absolutistischen Fürstenstaat zum hochdifferenzierten Verfassungsstaat der Gegenwart mündet in die Erörterung neuerer Verlautbarungen, in denen ein verändertes, positives Verhältnis der Kirche zu Demokratie und Menschenrechten erkennbar wird. Große Kracht arbeitet diese - oft nur zaghaft angedeutete - Neuorientierung in der kirchlichen Sozialverkündigung detailiert heraus. Als eine "Großbewegung zur Verteidigung und zum Schutze der Würde des Menschen", so der jetzige Papst in seiner bisher jüngsten Sozialenzyklika, könne Kirche sich in die moderne Gesellschaft produktiv einbringen. Die "bewegungspolitische" zivilgesellschaftliche Perspektive, wie sie in Ansätzen während den "friedlichen Revolutionen" des Jahres 1989 deutlich geworden ist, müßte weiter entwickelt werden. So gäbe es eine Fülle von Aufgabenfeldern "einer zivilgesellschaftlichen Diakonie". Zum Beispiel im sozialisatorisch-pädagogischen wie auch im politisch-kulturellen Bereich könnten die Kirchen viel bewirken, indem sie relevante Themen und Anschauungen aus ihrer eigenen Überlieferungstradition und in ihrer eigenen substantiellen Artikulationsform in den öffentlichen Diskurs einbringen. Damit könnten nach Auffassung Große Krachts "wesentliche Beiträge zur Vitalisierung der politisch-moralischen Grundlagen einer zivilen Demokratie" geleistet werden. Zudem könnten der katholischen Kirche jenseits ihrer traditionellen Demokratievorbehalte, so die These von Große Kracht, wichtige Aufgaben für die Regenerierung der sozialmoralischen Grundlagen einer erst "in Ansätzen verwirklichten zivilgesellschaftlichen Demokratie" zufallen. Mit Hilfe ihrer moralischen Ressourcen und ihrer lebensweltlichen Praxis sei "Kirche als partikulare Interpretationsgemeinschaft in der zivilen Demokratie" im gesellschaftlichen Diskurs unverzichtbar, denn sie vermöge die an Profiten und kalte Effizienz orientierte "vermachtete Öffentlichkeit" immer wieder aufzubrechen. In diesem Zusammenhang entfaltet Große Kracht in kritischer Auseinandersetzung mit der Demokratie- und Öffentlichkeitstheorie von Jürgen Habermas weiterführende demokratietheoretische Perspektiven, auf deren Basis sich die Kirche in ihrer gesellschaftlichen Praxis bewußt in den politischen Rahmen einer zivilgesellschaftlichen Demokratie einordnen kann.

    Für die Jury des jetzt in Kassel vergebenen Forster-Preises, bestehend aus den Professoren Dr. Dr. H. Rolfes, Dr. D. Krause-Vilmar und Dr. H. Zwergel (Fachbereich 1 der GhK), liefert Große Krachts Untersuchung in ihrer interdisziplinären Ausrichtung einen "wegweisenden Beitrag zur Erneuerung der Staats- und Demokratietheorie der katholischen Kirche". Zudem bereichere sie die "aktuellen sozialphilosophischen Theoriedebatten um das Selbstverständnis einer demokratisch-egalitären Zivilgesellschaft". Diese sei ohne eine spezifische Unterstützung durch die großen religiösen Gesinnungs- und Interpretationsgemeinschaften dauerhaft kaum überlebensfähig.

    Die Arbeit Große Krachts ist mittlerweile unter dem Titel "Kirche in ziviler Gesellschaft. Studien zur Konfliktgeschichte von katholischer Kirche und demokratischer Öffentlichkeit" als Buch im Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn, erschienen (ISBN 3-506-73436-9).

    Peer Schröder


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
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    überregional
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    Deutsch


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