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16.10.2008 12:27

Wie die Massengesellschaft uns krank machen kann: Evolutionäre Einsichten helfen psychische Krankheiten verstehen

Dr. Josef König Pressestelle
Ruhr-Universität Bochum

    RUB-Forscher veröffentlicht psychiatrisches Lehrbuch

    Die Wurzel psychischer Erkrankungen liegt nicht nur im Hirnstoffwechsel und in schlechten Kindheitserfahrungen: Unser Geist, angepasst an die Umweltbedingungen längst vergangener Zeiten, kommt mitunter auch mit der Massengesellschaft nicht klar. Stress und psychische Leiden sind die Folge. Einsichten in diese Zusammenhänge vermittelt das "Textbook of Evolutionary Psychiatry", das Prof. Dr. Martin Brüne (RUB-Klinik für Psychiatrie) jetzt veröffentlicht hat. Es kombiniert Erkenntnisse aus der traditionellen psychiatrischen Forschung mit Ergebnissen aus der Evolutionären Psychologie und der Verhaltensforschung.

    Angepasst an überschaubare Gemeinschaften alter Zeiten

    Welche Faktoren lassen uns psychisch krank werden? Standardantworten der psychiatrischen Forschung beschränken sich auf Veränderungen im Hirnstoffwechsel, genetische Faktoren oder ungünstige frühkindliche Erfahrungen wie emotionaler Missbrauch und Vernachlässigung. "Diese Faktoren sind zweifellos bedeutsam für die Verursachung psychischer Erkrankungen - sie verraten aber nur die halbe Wahrheit", meint Prof. Brüne. "Eine umfassendere Erklärung gestörter emotionaler Prozesse und von Verhaltensauffälligkeiten erfordert ein tieferes Verständnis der menschlichen Natur in ihren Bezügen zu stammesgeschichtlichen Vorgängen." In vielerlei Hinsicht ist der menschliche Geist an längst vergangene Umwelten angepasst - nicht aber an anonyme Massengesellschaften, die für den Einzelnen enormen Stress bedeuten können. Wir sind stammesgeschichtlich gesehen vielmehr an überschaubare Gemeinschaften angepasst mit engem Kontakt zu wichtigen Bezugspersonen von der Kindheit bis ins hohe Alter. Es besteht also ein Missverhältnis zwischen Anpassungen und gegenwärtigen Umweltbedingungen.

    Verständnis erzielen und Behandlungsmöglichkeiten eröffnen

    Diese Aspekte der Anfälligkeit für Krankheiten - auch psychischer Krankheiten - wird in Standardwerken der Psychiatrie kaum berücksichtigt. "Kenntnisse dieser Zusammenhänge sind aber nicht nur bedeutsam für das Verständnis psychischer Krankheiten, sie eröffnen auch neue Einsichten in Möglichkeiten der Behandlung", so Brüne.

    Textboxen erleichtern die Übersicht

    Sein Buch ist in drei Teile gegliedert: Der erste Teil vermittelt dem Leser das nötige Basiswissen über die Evolution des Menschen (und des menschlichen Gehirns), Genetik, Bindungsforschung und Psychopathologie. Im zweiten Teil werden die wichtigsten psychiatrischen Krankheitsbilder behandelt, einschließlich einer integrativen Darstellung der evolutionären Hintergründe psychischer Erkrankungen. Der dritte Teil umfasst spezielle Aspekte der Psychiatrie wie Suizidalität, Gerichtspsychiatrie und Psychotherapie. Die wichtigsten Aussagen jedes Kapitels sind in gesonderten Textboxen nachzulesen. Die Teile 1 und 3 enthalten zudem Ausführungen spezieller Aspekte wie Prävention psychischer Erkrankungen und Missbrauch der Psychiatrie, die in Standardwerken in der Regel nicht behandelt werden. Das Buch richtet sich in erster Linie an Studierende der Medizin und Psychologie, Neurowissenschaftler und Ärzte in Weiterbildung für Psychiatrie und Psychotherapie sowie interessierte Fachärzte.

    Titelaufnahme

    Martin Brüne: Textbook of Evolutionary Psychiatry. The Origins of Psychopathology. Oxford University Press 2008, ISBN 978-0-19-920768-8

    Weitere Informationen

    Prof. Dr. Martin Brüne, Forschungsleitender Oberarzt, LWL-Universitätsklinik Bochum, Klinik der Ruhr-Universität Bochum, Alexandrinenstr. 1, 44791 Bochum, Tel. 0234/5077-155, Fax: 0234/5077-234, E-Mail: martin.bruene@wkp-lwl.org, Internet: http://www.psychiatrie-bochum.de


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Medizin, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

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