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24.10.2008 15:55

Automatisch bessere Bildung? Potenziale und Bedingungen einer Abschaffung der Hauptschule

Birgitt A. Cleuvers PR und Projektmanagement
Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS)

    Kann das Ende der Hauptschule die Probleme des deutschen Bildungssystems lösen? Grenzen und Erfolgsfaktoren der Abschaffung einer Schulform - Dr. Dieter Dohmen, Direktor des FiBS, zur Rolle der Hauptschule, der Integration von Schülern und der Erhöhung des Bildungsniveaus.

    In der aktuellen Diskussion über Ziele, Wirksamkeit und Nutzen des mehrgliedrigen Schulsystems gilt die Abschaffung der Hauptschule als ein möglicher Ausweg aus der deutschen Bildungsmisere. Nach einer aktuellen Analyse von Dr. Dieter Dohmen, dem Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Berlin, die von der derzeitigen Bedeutung dieser Schulform in Bund und Ländern ausgeht, können durch eine Abschaffung allein jedoch nur wenige Probleme im Bildungssystem gelöst werden. In einer Stellungnahme verweist er zugleich auf den zusätzlichen dringlichen Handlungsbedarf hinsichtlich der generellen Erhöhung des Bildungsniveaus, der Senkung der Schulabbrecherquoten und der Integration von Jugendlichen in den Ausbildungsmarkt - Ziele, für die auch hinreichende finanzielle Mittel bereitgestellt werden sollten.

    Betrachtet man die Rolle der Hauptschule in den Bundesländern, so könnte sie unterschiedlicher nicht sein: In den neuen Bundesländern sowie in Bremen gibt es sie nicht (mehr), in anderen Ländern spielt sie nur eine marginale Rolle oder soll sogar abgeschafft werden, in Bayern und Baden-Württemberg hingegen besuchen noch 39 % bzw. 28 % der Fünftklässler die Hauptschule und sie wird gerne als Schulform für die praktisch Begabten bezeichnet.

    Mit Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre lässt sich aber in allen Bundesländern ein Bedeutungsverlust feststellen, der sich auch in den sinkenden absoluten und relativen Schülerzahlen abbildet. Nur noch jedem vierten Schüler empfehlen Grundschullehrer den Besuch einer Hauptschule, und lediglich 15 % der Eltern wünschen sich für ihr Kind diesen Bildungsweg. Die Chancen für Hauptschulabsolventen, sich auf dem Lehrstellen- und Arbeitsmarkt zu platzieren, stehen oft schlecht, und daher wehren sich besonders gebildete Eltern gegen einen Hauptschulbesuch ihrer Kinder. Bildungsökonom Dr. Dieter Dohmen fasst die Folgen der Entwicklung so zusammen: "Die Hauptschule wird zu einem Sammelbecken für Kinder aus sozial schwachen Familien und Schüler mit Migrationshintergrund. Angesichts der demographischen Entwicklung und des sich verändernden Übergangsverhaltens ist es deshalb nur konsequent, die Existenz dieser Schulform grundsätzlich zu überdenken. Dies kann man ohne ideologischen Zungenschlag gut begründen, aber man sollte im Blick behalten, dass es zentrale Problemlagen gibt, die durch eine Abschaffung der Hauptschule nicht automatisch gelöst werden."

    Welche Möglichkeiten, die Hauptschule abzuschaffen, gäbe es aber und mit welchen Effekten wären sie verbunden? Einerseits könnten Haupt- und Realschulen unter Beibehaltung der Gymnasien zusammengeführt werden, andererseits könnten alle Schulformen in eine Gemeinschaftsschule übergehen. Durch beide Varianten könnte - zumindest vordergründig - das Problem sozioökonomisch determinierter Zuweisungen in die Hauptschulen reduziert werden. Wenn dadurch eine stärkere soziale Durchmischung an den Schulen erreicht würde, könnte dies zu einer Verringerung der sozialen Ungerechtigkeit im deutschen Bildungssystem führen. Jedoch sind nach Ansicht des Institutsleiters Sekundarschullehrer und -lehrerinnen noch völlig unzureichend auf eine solche Durchmischung in Schulen und Klassen vorbereitet. Der Erfolg der Zusammenlegung der Schulformen hinge daher entscheidend von einer Neuausrichtung der Lehrerausbildung ab.

    Ein wesentliches Problem des deutschen Bildungssystems bliebe aber durch die Abschaffung der Hauptschule allein auf jeden Fall ungelöst: die hohen Schulabbrecherquoten. Da über die Hälfte der Schulabbrecher von den Förderschulen kommt, kann das auf dem Bildungsgipfel bestätigte Ziel einer Halbierung der Schulabbrecherquote nur erreicht werden, wenn weitere Maßnahmen folgen. So ist auch die Funktion und Wirksamkeit der Förderschulen zu überprüfen und die Zahl der Überweisung soweit wie möglich zu reduzieren. Weiterhin spielt dabei auch die Perspektivlosigkeit junger Menschen eine Rolle. "Wenn Jugendliche den Eindruck haben, dass sie ohnehin keine Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, egal, ob mit oder ohne Hauptschulabschluss, woher sollen sie dann die Motivation nehmen sich anzustrengen?", meint Dohmen. "Hier sind die Gesellschaft, Ausbildungsbetriebe und Schulen gefordert. Wenn der Hauptschulabschluss eine Zukunft haben soll, muss er auch wieder mit Qualifikation gleich gesetzt und nachgefragt werden." Eine wichtige Grundlage für eine Integration in Schule und Arbeitsmarkt sowie für das Bildungsniveau der nachfolgenden Generationen sieht der Bildungsökonom seit Jahren im Ausbau des frühkindlichen Bildungssystems, insbesondere im Hinblick auf eine Förderung sozioökonomisch schwächerer Familien. Als der größte Nutznießer eines besseren Bildungssystems sollte seiner Auffassung nach vor allem der Bund stärker in seine finanzielle Verantwortung genommen werden.

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    Hier finden Sie den vollständigen Kommentar:
    Dieter Dohmen, Ende der Hauptschule - weitere Reformen nötig

    FiBS-Forum Nr. 41, Download unter www.fibs.eu (Sonderdruck) oder
    Ifo Schnelldienst, 17/2008 (61. Jg.), S. 16-20.

    Kontakt: Birgitt A. Cleuvers (FiBS), Tel. 0 30 - 84 71 22 3-20
    Wir freuen uns über einen Hinweis auf Ihre Berichterstattung. Vielen Dank!


    Weitere Informationen:

    http://www.fibs.eu


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    fachunabhängig
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftspolitik
    Deutsch


     

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