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28.10.2008 11:23

Neue Forschungsallianz zur Erhaltung des kulturellen Erbes

Christoph Herbort-von Loeper M.A. Geschäftsstelle, Büro Berlin
Leibniz-Gemeinschaft

    Zur Gründung der "Forschungsallianz Kulturerbe" haben die Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft, der Leibniz-Gemeinschaft und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) heute im Alten Museum (Museumsinsel Berlin) ein "Memorandum of Understanding" unterzeichnet.

    Ziel ist es, die Rahmenbedingungen für den Kulturgüterschutz deutlich zu verbessern, den Aufbau des wissenschaftlichen Nachwuchses zu stärken und die nationalen und internationalen Netzwerke auszubauen. Anknüpfend an die führende Rolle der Konservierungswissenschaften in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg, gilt es nun, für die Stärkung und Weiterentwicklung dieses Forschungszweigs ein zukunftsweisendes Fundament zu legen. Den nationalen status quo zu erfassen, ist ein erster Schritt, um gezielt den Bedarf feststellen zu können. Voraussetzung für die Stärkung der Disziplin ist allerdings auch, in der Öffentlichkeit und in der Politik ein Bewusstsein für die Bedeutung dieser Fachrichtung zu schaffen.

    Mit der Gründung dieser Allianz wird Neuland betreten. Zum ersten Mal kooperieren eine der weltweit größten Sammlungen von Kulturgütern und ihrer wissenschaftlichen Betreuung (Stiftung Preußischer Kulturbesitz), eine der führenden anwenderorientierten technologischen Forschungsinstitutionen in Deutschland (Fraunhofer-Gesellschaft) und eine einzigartige querschnittsorientierte Wissenschaftsorganisation (Leibniz-Gemeinschaft).
    Auf der Basis der neuen Zusammenarbeit sollen innovative Restaurierungs- und Konservierungstechniken entwickelt und das kulturelle Erbe besser geschützt werden.

    Alte Schriftstücke, Bilder berühmter Künstler, mittelalterliche Holzskulpturen, Denkmäler - die Bedeutung von Kulturgütern reicht weit über ihren finanziellen Wert hinaus. Sie zu erhalten ist eine große Herausforderung. Da die Fragestellungen dabei häufig überaus
    komplex sind, verlangen sie nach Lösungsansätzen, an denen neben Technikern und Restauratoren auch Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen (Kulturwissenschaft, Konservierungswissenschaft, Natur- und Geisteswissenschaften) beteiligt sind. Die unterzeichnenden Institutionen werden ihre Kompetenzen auf diesem Gebiet bündeln und den Wissensaustausch zwischen Forschung und Restaurierungspraxis verbessern. Die Mitglieder der Forschungsallianz werden sich zukünftig regelmäßig zum Erfahrungsaustausch und Fortschreiben der Forschungsagenda treffen. Gemeinsam wollen sie dafür Sorge tragen, dass das Kulturgut eine nachhaltige Zukunft hat.

    Themen sind unter anderem:
    - Entwicklung zerstörungsfreier Test- und Prüfverfahren
    - Dekontaminierung von mit Pestiziden belastetem Kunst- und Kulturgut
    - Alterungsverhalten und Beständigkeit der Materialien des Kunst- und Kulturguts des 20. Jahrhunderts
    - Weiterentwicklung der Plasmatechnologie für Reinigung und Konservierung von Kunst- und Archivgut
    - Weiterentwicklung mikroskopischer, oberflächentopographischer und multispektraler Authentifizierungsverfahren (Illegaler Kunsthandel, Kunstfälschung)
    - Auswirkung des Klimawandels auf Kulturgüter
    - Entwicklung von Konzepten zu Klimatechnik und Energieeffizienz in Museen und Archiven
    - Entwicklung moderner Verfahren für Dokumentation und Erhaltung von Baudenkmalen und archäologischen Stätten.

    Die Geburtsstunde der wissenschaftlichen Konservierung war vor 120 Jahren in Berlin: 1888 wurde an den Königlich-Preußischen Museen das erste Chemische Museumslabor der Welt eingerichtet mit Friedrich Rathgen als Direktor. Von Beginn an war das Rathgen-Forschungslabor dualistisch ausgerichtet - auf die Erhaltung sowohl des beweglichen musealen und archivalen als auch des unbeweglichen, denkmalpflegerischen Kulturerbes in Deutschland und weltweit.

    Die Bedeutung der neuen Allianz liegt für die beteiligten Institutionen insbesondere darin:

    Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz: "Unsere Sammlungen sind Teil des kulturellen Gedächtnisses. Sie machen kulturelles Schaffen aus allen Teilen der Welt, von den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis zur Gegenwart, erfahrbar. Die Stiftung agiert als Scharnier zwischen Kunst und Kultur einerseits und Forschung und Bildung andererseits. Allein in den Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz finden sich unterschiedlichste Materialien und Techniken, die zahlreiche Lösungsansätze zum Erhalt der Kulturgüter nötig machen. Mit der Gründung der Allianz soll die deutsche Forschung in diesem Bereich wieder eine führende Rolle im weltweiten Vergleich erlangen."

    Ernst Theodor Rietschel, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft: "Dass die Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft künftig im Forschungsministerium ressortieren ist eine bedeutsame Anerkennung der Forschungsleistungen der Museen. Dadurch ist sichergestellt, dass "Heritage Science" künftig bundesseitig noch stärker in den Blick genommen wird. Die Leibniz-Gemeinschaft sieht daher in der Forschungsallianz auch ein Sprachrohr, das den Stellenwert der Konservierungsforschung in Politik und Öffentlichkeit verdeutlicht."

    Ulrich Buller, Forschungsvorstand der Fraunhofer-Gesellschaft: "Ein wichtiges Anliegen der Allianz ist der Nachwuchs und die Aus- und Weiterbildung, die die Fraunhofer-Gesellschaft mit den Allianzpartnern in den beiden vor kurzem gegründeten Kompetenzzentren in Kloster Weyarn und Kloster Bronnbach vorantreiben will."

    Beispiele bisheriger Zusammenarbeit:

    - das Rathgen-Forschungslabor (SPK) hat mit dem Fraunhofer-Institut UMSICHT, Oberhausen, in den Jahren 2001-2004 Untersuchungen zur Dekontamination holzschutzmittelbelasteter Kulturgüter durch Extraktion mit überkritischem Kohlendioxid durchgeführt.
    - das Fraunhofer-Institut für Silikatforschung, Gruppe Kulturgüterschutz, Bronnbach, arbeitete 1996 bis 2008 mit dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum der Leibniz-Gemeinschaft an Methoden zur Erhaltung von technischem Kulturgut und Industriedenkmälern aus Eisen und Stahl.
    - Seit 2008 besteht eine Zusammenarbeit zwischen der Staatsbibliothek zu Berlin (SPK) und dem Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung (IAP), Potsdam-Golm, zur Stabilisierung zerfallsgeschädigter Zeitungsseiten.

    Die Partner der Forschungsallianz:

    Die Fraunhofer-Gesellschaft ist die führende Organisation für angewandte Forschung in Europa. 15 Fraunhofer-Institute und die beiden neu gegründeten Fraunhofer-Kompetenzzentren in Weyarn und Bronnbach beteiligen sich direkt an der Allianz. Sie bringen ihr Know-how vor allem im Bereich der Innovation und des Technologietransfers ein. Viele Institute sind bereits aktiv in Projekte aus dem Kulturgutsektor eingebunden und haben dafür spezifische Lösungsansätze entwickelt. Die Fraunhofer-Gesellschaft bietet ein breites Spektrum von Verfahren, Materialien und Know-how, um die Vielfalt der Fragestellungen zu behandeln: von der Laserreinigung kostbarer Objektdetails über die Dekontaminierung von Schadstoff belasteten Hölzern bis zur Erfassung und Optimierung der Klimabedingungen in Museumsräumen.

    Die Leibniz-Gemeinschaft ist ein Zusammenschluss von 82 Forschungseinrichtungen, die wissenschaftliche Fragestellungen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung bearbeiten. Sie wird mit ihren acht Forschungsmuseen in der Allianz vertreten sein. Die Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft besitzen zahlreiche Kulturgüter von nationalem und internationalem Rang. Das Spektrum reicht von Plastiken und Gemälden über technische Großobjekte bis hin zu biologischem Material. Zum Erhalt der Objekte nutzen und entwickeln sie modernste Restaurierungs- und Konservierungsmethoden - teils in Eigenregie, teils mit externen Partnern.

    Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zählt zu den größten Kultureinrichtungen weltweit: Die Staatlichen Museen zu Berlin, die Staatsbibliothek zu Berlin, das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, das Ibero-Amerikanische Institut und das Staatliche Institut für Musikforschung gehören ihr an. Die organisatorische Verbundenheit dieser fünf Einrichtungen hebt die übliche Trennung von Sparten und Materialien auf und begünstigt Fächer übergreifende Projekte und Denkansätze. Mit dem Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen verfügt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zudem über das älteste konservierungswissenschaftliche Institut der Welt. Es ist als naturwissenschaftliches Institut, das sich mit der Materialanalyse und der Erhaltung kulturgeschichtlicher Objekte befasst, der konservierungswissenschaftliche Ansprechpartner der Staatlichen Museen. Seine Expertise in allen die Konservierung und Erhaltung von mobilem und immobilem Kunst- und Kulturgut betreffenden Fragen stellt es auch internationalen Fachgremien zur Verfügung.

    Ansprechpartner:
    Für die Fraunhofer-Gesellschaft:
    Dr. Johanna Leissner
    Scientific Representative for Fraunhofer
    IBP, IAP, ICT, IGB, IST, ISC & MOEZ
    Rue du Commerce 31
    B-1000 Bruxelles
    Telefon 0032 2 506 42 43
    Fax. + 32 2 506 42 49
    johanna.leissner@zv.fraunhofer.de
    http://www.fraunhofer.de

    Für die Leibniz-Gemeinschaft:
    Dr. Stefan Brüggerhoff
    Stellv. Direktor Forschung
    Forschungsleiter Denkmalschutz / Materialkunde
    Telefon: +49 (234) 968 4032
    Fax: +49 (234) 968 4040
    Stefan.Brueggerhoff@bergbaumuseum.de
    Deutsches Bergbau-Museum
    Herner Straße 45
    44787 Bochum
    http://www.bergbaumuseum.de

    Für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz:
    Dr. Stefan Simon
    Direktor
    Rathgen-Forschungslabor
    Staatliche Museen zu Berlin Stiftung Preußischer Kulturbesitz
    Telefon +49 (30) 3267490
    Fax: +49 (30) 3267412
    s.simon@smb.spk-berlin.de
    http://www.smb.museum/rf


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Bauwesen / Architektur, Geschichte / Archäologie, Kulturwissenschaften, Werkstoffwissenschaften
    überregional
    Kooperationen, Wissenschaftspolitik
    Deutsch


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