Psychiater warnen bei der Versorgung psychisch Kranker vor Rückfall in die 80iger Jahre

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21.11.2008 07:30

Psychiater warnen bei der Versorgung psychisch Kranker vor Rückfall in die 80iger Jahre

Dr. Thomas Nesseler Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)

    Presse-Information Nr. 24 / 21. November 2008

    Noch 5 Tage: Kommende Woche beginnt die DGPPN-Jahrestagung

    DGPPN-Kongress 2008: Europas größte wissenschaftliche Tagung zu psychischen Erkrankungen

    Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) hat im Vorfeld ihrer großen Jahrestagung, die kommende Woche von Mittwoch, den 26., bis Samstag, den 29. November 2008, in Berlin stattfindet und zu der über 7.000 Teilnehmer erwartet werden, vor einem Rückfall in die 80iger Jahre bei der Versorgung von Patienten in psychiatrischen Kliniken gewarnt.

    Hintergrund ist der Entwurf eines Krankenhausfinanzierungsreformgesetzes (KHRG), der derzeit im parlamentarischen Beratungsverfahren ist und in dem die Personalausstattung für Kliniken neu geregelt werden soll, in denen Menschen mit psychischen Erkrankungen behandelt werden. Zuletzt hatte der Gesetzgeber 1991 in der Psychiatrie-Personalverordnung (PsychPV) festgelegt, wie viel medizinisches Personal in stationären psychiatrischen Einrichtungen notwendig ist, um die Mindestversorgung einer bestimmten Zahl von Patienten sicherstellen zu können. "Der Gesetzgeber plant nun, die Mindestanforderungen für die Personalausstattung in psychiatrischen Kliniken um 10 Prozent zu kappen und somit auf 90 Prozent des ursprünglichen Zielwertes festzuschreiben", erklärt Professor Dr. med. Karl H. Beine, Vorstandsmitglied der DGPPN und Leiter der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Universität Witten/Herdecke. "Die Auswirkungen für unsere Patienten wären verheerend. Der bereits vielerorts vorhandene Versorgungsmangel in Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik würde weiter eskalieren."

    Seit Einführung der Psychiatrie-Personalverordnung wurde die notwendige Personalausstattung in den meisten psychiatrischen Kliniken nicht erreicht - nur wenige Einrichtungen verfügen heute über ausreichend Ärzte und Pflegepersonal. Grund für die Misere war vor allem eine Deckelung der finanziellen Budgets für Krankenhäuser. Deshalb können psychiatrische Kliniken ihren Versorgungsauftrag kaum mehr erfüllen. "Um eine ausreichende medizinische Betreuung in psychiatrischen Kliniken zu gewährleisten, legte die Psychiatrie-Personalverordnung 1991 fest, wie viele Stunden ihrer Arbeitszeit Psychiater direkten Patientenkontakt haben sollten. Mittlerweile ist der direkte Arzt-Patientenkontakt auf nur noch 50 Prozent des ehemals festgeschriebenen Zielwertes abgesunken. Dagegen ist der Arbeitsaufwand für Bürokratie und Verwaltung sprunghaft angestiegen und nimmt mittlerweile 25 Prozent der gesamten Arbeitszeit in Anspruch", beklagt Professor Beine. "Bei einer Umsetzung des Gesetzentwurfs würde der heutige Versorgungsmangel festgeschrieben werden und sich die Situation zudem weiter verschärfen. Schon heute können viele unserer Patienten nicht mehr medizinisch versorgt sondern nur noch verwaltet werden."

    Mangelnde Personalausstattung in psychiatrischen Kliniken:
    Unter allen Krankheiten weisen psychiatrische Erkrankungen die höchsten Steigerungsraten auf. Laut DAK-Gesundheitsreport nahmen die durch psychische Erkrankungen verursachten Arbeitsunfähigkeitstage zwischen 1997 und 2004 um 68,7 Prozent zu - fast dreimal so schnell, wie die auf Platz 2 stehenden Infektionskrankheiten. Depressionen, Suchterkrankungen, Ängste und andere psychische Störungen sind mittlerweile für 10 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitstage in Deutschland verantwortlich. "Dieser Entwicklung müssen wir uns stellen. Sie steht im krassen Gegensatz zu den Rahmenbedingungen in psychiatrischen Kliniken, die bereits problematisch sind und jetzt noch weiter verschlechtert werden sollen", so Beine. "Vor 17 Jahren wurde festgeschrieben, dass Psychiater mindestens 80 Minuten pro Woche direkten Kontakt mit ihren Patienten haben sollten. Heute liegen wir bei durchschnittlich 40 Minuten." In der modernen Psychiatrie ist das Arzt-Patienten Gespräch in den allermeisten Fällen zentraler Bestandteil der Therapie. Gerade hier wirkt sich eine mangelnde Personalausstattung unmittelbar auf die Behandlung der Patienten aus. "Bei körperlichen Erkrankungen kommen immer mehr Technik und moderne Geräte zum Einsatz. Um die kranke Seele zu erkennen und zu behandeln, braucht man vor allem Zeit und Personal", erläutert der Experte. "Und daran mangelt es schon jetzt. Die mangelnde Personalausstattung in psychiatrischen Kliniken hat die Grenze dessen, was medizinisch vertretbar ist, bereits überschritten."

    Abstriche bei Einzel-, Gruppe- und Familiengesprächen:
    Auch der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker (BApK) sieht die Versorgung in psychiatrischen Kliniken zunehmend gefährdet. "Durch Einsparungen bei Ärzten und Pflegepersonal werden die therapeutischen Maßnahmen auf dem bereits reduzierten Niveau festgeschrieben oder sogar weiter verringert", kritisiert die Verbandsvorsitzende Gudrun Schliebener. "Abstriche gibt es vor allem bei Einzel-, Gruppen- und Familiengesprächen sowie der Angehörigenarbeit. "Letztendlich läuft es darauf hinaus, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung nicht angemessen behandelt werden. Der Gesetzgeber muss sich fragen lassen, ob ihm die Konsequenzen dieser Politik bewusst sind."

    Die Fragen nach einer adäquaten Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen stehen ebenfalls im Mittelpunkt des DGPPN-Kongresses, der die kommende Woche von Mittwoch, den 26., bis Samstag, den 29. November 2008, im ICC Berlin stattfindet und zu dem die Veranstalter über 7.000 Teilnehmer erwarten. Das Tagungsprogramm beinhaltet über 500 Einzelveranstaltungen. Damit ist der Kongress in Europa die größte wissenschaftliche Tagung auf dem Gebiet der Diagnostik und Therapie psychischer Erkrankungen. Neben dem wissenschaftlichen Programm bietet die DGPPN ebenfalls eine Vielzahl von kostenlosen Informationsveranstaltungen für interessierte Bürger an. Das ausführliche Programm zum DGPPN-Kongress 2008 im Internet unter: www.dgppn-kongress.de

    Presseanmeldung zum DGPPN-Kongress:
    Online-Akkreditierung bis spätestens Freitag, 21. 11.2008, 10 Uhr unter: http://www.dgppn.de/de_kongress2008_167.html
    Akkreditierung nach dem 21.11.2008: Direkt am Kongress-Counter, ICC Berlin, Messedamm, 14057 Berlin


    Weitere Informationen:

    http://www.dgppn-kongress.de
    http://www.dgppn.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Medizin, Psychologie
    überregional
    Pressetermine, Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


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