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09.02.2001 13:00

Heidelberger Althistoriker Prof. Dr. Angelos Chaniotis mit Landesforschungspreis ausgezeichnet

Dr. Michael Schwarz Kommunikation und Marketing
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

    Ministerpräsident Erwin Teufel: "Forschung hat in Baden-Württemberg einen zentralen Stellenwert" - Rektor Prof. Dr. Jürgen Siebke gehörte zu den ersten Gratulanten - Prorektor Prof. Dr. Heinz Horner: "Weiterer Baustein zu dem einzigartigen Forschungsprofil der Universität Heidelberg in den Geisteswissenschaften"

    Prof. Dr. Angelos Chaniotis vom Seminar für alte Geschichte der Universität Heidelberg gehört zu den Trägern des bedeutenden Landesforschungspreises Baden-Württemberg 2000, den Wissenschaftsminister Klaus von Trotha heute in Stuttgart verlieh. Der Preis ist mit jeweils 100 000 Euro für Arbeiten in den Bereichen Grundlagenforschung und angewandte Forschung dotiert. Zu den ersten Gratulanten gehörte Rektor Prof. Dr. Jürgen Siebke. Forschungs-Prorektor Prof. Dr. Heinz Horner kommentierte in Heidelberg: "Die Ruprecht-Karls-Universität fühlt sich geehrt durch diese Auszeichnung, die einen weiteren Baustein zu dem einzigartigen Forschungsprofil der Universität Heidelberg in den Geisteswissenschaften hinzufügt." Die Ehrung zeige, dass an einer traditionsreichen Universität Raum für hervorragende Leistungen in den Geisteswissenschaften sei - "in einer Zeit, in der Technik im Vordergrund der öffentlichen Diskussion steht", sagte Horner.

    Ministerpräsident Erwin Teufel erklärte aus Anlass der Preisvergabe: "Dies ist das höchste Preisgeld eines Bundeslandes in diesem Bereich. Die Forschung hat in Baden-Württemberg einen zentralen Stellenwert. Das zeigt sich unter anderem auch an dem hohen Anteil der Forschungs- und Entwicklungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt in Baden-Württemberg in Höhe von 3,8 Prozent."

    Der Landesforschungspreis 2000 für angewandte Forschung geht an Prof. Dr. Thomas Schimmel vom Institut für Angewandte Physik der Universität Karlsruhe, zugleich Abteilungsleiter des Instituts für Nanotechnologie am Forschungszentrum Karlsruhe. Den Landesforschungspreis für Grundlagenforschung teilen sich Prof. Dr. Angelos Chaniotis vom Seminar für alte Geschichte der Universität Heidelberg und Prof. Dr. Michael Frotscher vom Anatomischen Institut der Universität Freiburg.

    Minister von Trotha: "Neue Ideen in der Wissenschaft brauchen Freiräume"

    "Neue Ideen in der Wissenschaft brauchen Freiräume, um wirksam werden zu können. Das Preisgeld ermöglicht herausragenden Forscherpersönlichkeiten, Vorhaben ihrer Wahl umzusetzen, um sie von der Theorie in die Wirklichkeit zu führen", erklärte Minister Klaus von Trotha bei der Preisverleihung in der Staatsgalerie Stuttgart.

    Prof. Chaniotis hat der Geschichte des antiken Griechentums neue Facetten gegeben

    Prof. Chaniotis hat durch seine Arbeit der Geschichte des antiken Griechentums neue Facetten gegeben. Ein Schwerpunkt seiner Forschung ist die Interpretation von Quellenfunden, meist kurze Texte wie zum Beispiel Grabinschriften, aber auch Verträge oder Beschlüsse. Er sucht seine Fragestellungen nicht nur innerhalb der Altertumswissenschaft, sondern auch in den modernen Kultur- und Sozialwissenschaften. Dieser Weg wird in der Alten Geschichte bisher nur von sehr wenigen Forschern konsequent beschritten. Seine Erklärungen geben unter anderem darüber Aufschluss, unter welchen Bedingungen scheinbar karge, heute weitgehend unbewohnte Berglandschaften in der antiken griechischen Welt wichtige Wirtschaftsräume sein konnten. Mit dem Landesforschungspreis kann Prof. Chaniotis seine Texte und Interpretationen im Internet einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.

    Ein Einblick in die Arbeit des Heidelberger Forschers

    Wer sich heute gedanklich auf eine Reise in die griechische Vergangenheit begibt, kann auf einen wissenschaftlichen Fundus zurückgreifen, der Aufschlüsse über bestimmte Aspekte des Lebens vor vielen hundert oder tausend Jahren gibt. Zeugen der Vergangenheit sind vor allem in Stein gemeißelte Textstücke. Im literarischen Bereich ist die Forschung bereits weit fortgeschritten, da die Quellen seit langem bekannt sind. Um neue Erkenntnisse zu gewinnen, ist die Wissenschaft allerdings auf den Fund neuer Quellen angewiesen. Bis zu 1000 Inschriften werden schätzungsweise jährlich bei Ausgrabungen entdeckt. Diese Fundstücke, meist kurze Texte wie Grabinschriften, aber auch Verträge oder Beschlüsse sind ein Gebiet des Altertumsforschers Prof. Angelos Chaniotis.

    Ein wichtiges Merkmal der Arbeit von Professor Chaniotis ist sein disziplinübergreifender Ansatz. Er sucht seine Fragestellungen und Forschungsmethoden nicht nur innerhalb der Altertumswissenschaften, sondern auch in den modernen Kultur- und Sozialwissenschaften, deren Modelle er für seine Forschung nutzt. Textstücke, die für viele seiner Kollegen uninteressant erscheinen, setzt er wie Puzzelteile zusammen und erkennt dadurch neue Gesamtzusammenhänge. Regelmäßig begleitet er dazu Ausgrabungen in Aphrodisias in der heutigen Türkei.

    Ein paar Worte führen zu einer ganzen Stadt

    Ein Beispiel für den Erfolg der Interpretationen von Prof. Chaniotis ist die Entdeckung der Stadt Syneta. Mit Hilfe einer Zeile einer Inschrift war es ihm gelungen, die Verbindung zwischen dem Namen eines Gottes und dem bislang unbekannten Ort herzustellen. Weitere interessante Entdeckungen in Aphrodisias waren zahlreiche Graffiti, Zeichnungen an den Wänden, die von den alten Griechen und Römern erstellt wurden. Auch sie geben interessante Hinweise zu der Denkweise der Menschen in der damaligen Zeit. Unter anderem fanden die Forscher in der Türkei jüdische Darstellungen, zum Teil überdeckt von christlichen: Anlass für Prof. Chaniotis, die religiösen Auseinandersetzungen, aber auch den religiösen Dialog zwischen Christen, Juden und Heiden im 4. Jahrhundert n. Chr. zu rekonstruieren.

    Vom Verwaltungsrecht bis zum Alltagsleben

    Angelos Chaniotis beschränkt sich bei seiner Arbeit weder auf ein Thema noch auf eine eng umgrenzte Epoche. Ihn interessieren nicht nur die großen Zentren wie Athen und Sparta, sondern vor allem die Randgebiete der griechischen Welt wie Kreta und Kleinasien. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Zeit von 300 v. Chr. bis 300 n. Chr., der hellenistischen Zeit und der Kaiserzeit zwischen Alexander und Konstantin dem Großen. Er behandelt gleichermaßen Verfassung, Verwaltung, Recht einschließlich Sakralrecht, rechtliche, diplomatische und kriegerische Beziehungen zwischen einzelnen Stadtstaaten, Heerwesen, Wirtschaft, Sozialordnung, Alltagsleben, Mentalität, Sitten, Geschichtsschreibung und Geschichtsbetrachtung, Feste, Theater und theatralische Aufführungen in politischem Leben, Religion und Moral. Zugleich zeigt er deutlich die Verflechtungen zwischen Politik und Kult, Religion und Recht, Recht und Gesellschaft oder Sozialordnung und Wirtschaftsorganisation auf.

    Sehr intensiv hat Angelos Chaniotis sich auch mit dem Geschichtsbild in der griechischen Antike beschäftigt. Er stieß auf ein bis dahin unbekanntes Phänomen: Inschriften zeigten, dass es Ehrentexte für Historiker gab. Dabei entdeckte er das Phänomen der wandernden Historiker, beruflich spezialisierter Gelehrter, die von Stadt zu Stadt reisten und dort Vorträge hielten. Doch sie wurden nicht dafür geehrt, dass sie die wirkliche Geschichte erzählt hätten, sondern für ihre freundschaftliche Gesinnung gegenüber der Stadt. Sie waren Lobhistoriker und scheinen die verbreitetste Form von Geschichtsschreibung in jener Zeit zu repräsentieren.

    Mit Spannung das Altertum vermitteln

    Charakteristisch für die Arbeit von Prof. Chaniotis ist die gegenseitige Inspiration von Forschung und Lehre. "Die Vorlesung, die ich im nächsten Semester halte, hat den Titel '14 Tage und einige unruhige Nächte im perikleischen Athen'. Eigentlich keine normale Vorlesung, sondern ein Versuch, wie in einem Roman auf spannende Weise verschiedene Situationen im klassischen Athen zu rekonstruieren: das Leben eines Sklaven, der in einem Bergwerk arbeitet, ein Fremder, der einen Spaziergang in Athen macht, oder eine Frau, die ihr Kind pflegt", erläutert Prof. Chaniotis.

    Neben seinen Aufgaben in der Lehre veröffentlicht Prof. Chaniotis zahlreiche Arbeiten als Herausgeber oder Mitherausgeber. Ein Sammelwerk ist die Veröffentlichung griechischer Inschriften, die unter anderem viele Erkenntnisse für angrenzende Wissenschaften wie die Religionswissenschaft bereitstellen. Jedes Jahr erscheint ein Band, in dem Prof. Chaniotis neue Texte und deren Interpretationen aus dem griechischen Festland und den Ägäischen Inseln zusammenfasst. "Arbeiten dieser Art sind zwar sehr nützlich, allerdings nicht besonders glamourös, weshalb es schwer ist, Geldgeber zu finden. Mit den Geldern des Landesforschungspreises kann ich diese Projekte fortführen und darüber hinaus einer breiten Öffentlichkeit im Internet präsentieren", freut sich Prof. Chaniotis.

    Weitere Informationen zum Landesforschungspreis stehen im Internet unter http://www.mwk-bw.de.

    Rückfragen bitte an:
    Prof. Dr. Angelos Chaniotis
    Tel. 06221 542232, Fax 542234
    angelos.chaniotis@urz.uni-heidelberg.de

    oder:
    Dr. Michael Schwarz
    Pressesprecher der Universität Heidelberg
    Tel. 06221 542310, Fax 542317
    michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de

    Rückfragen zum Landesforschungspreis:
    Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
    Tel. 0711 2793005, Fax 2793081
    presse@mwk-bw.de


    Weitere Informationen:

    http://www.mwk-bw.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Geschichte / Archäologie
    überregional
    Personalia, Studium und Lehre
    Deutsch


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