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06.03.2001 11:58

Umweltschutz nach '45: Die Nachfahren der fröhlichen Wilden

Ulrike Bohnsack Presse- und Informationsstelle, Standort Duisburg
Gerhard-Mercator-Universität Duisburg (bis 31.12.2002)

    "Die Grünen haben die Ökologie nicht erfunden", sagt der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Jochen Zimmer von der Mercator-Universität
    Duisburg, "dieses Selbstverständnis ist eine Selbsttäuschung." Prof. Zimmer leitet im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt das mit einer über halben Million Mark geförderte Forschungsprojekt zur Geschichte des "Natur- und Umweltschutzes nach 1945". Auch im allgemeinen Verständnis begann die Umweltbewegung in den 70er Jahren. Die Jahrzehnte davor sind schwarze Löcher.

    Wallende Gewänder, Jesuslatschen, Zottelhaare: "Ein merkwürdiges Völkchen" befanden die Bauern in Friedrichsfeld, als sich eines Tages eine
    Gruppe Männer und Frauen ganz in ihrer Nähe niederließen, Häuser errichteten, von den Früchten der Erde lebten und dem konventionellen
    "zivilisierten" Leben abschworen, weil sie "freie Menschen auf freier Erde" sein wollten. Als Freisassen eGmbH Duisburg gründeten sie "den Staat der
    Zukunft", schafften den von oben verordneten Schulzwang ab, das Geld gleich dazu (nicht ohne eine eigene Währung zu kreieren) und praktizierten
    Nacktkultur und freie Liebe. Im Umland hatten die Weltverbesserer bald ihren Namen weg: fröhliche Wilde.

    Die Medien hätten den Freisassen wohl viel Aufmerksamkeit geschenkt, wenn - ja wenn es ein halbes Jahrhundert später gewesen wäre. Denn in den
    70er Jahren schienen solche Ideen neu: aussteigen, alternativ leben, zurück zur Natur. Es ist die Dekade, in der (Zehn-)Tausende gegen
    Atomkraftwerke, ungesicherte Giftmülldeponien oder chemische Großprojekte auf die Straße gehen, in der vor allem die berühmt-berüchtigten
    "Schlachten am Bauzaun" von Wyhl, Brokdorf oder Gorleben Umweltgeschichte schreiben und in der, wie es gemeinhin heißt, die Umweltbewegung
    ihre Anfänge findet.

    "Ein Trugschluss", sagt Prof. Dr. Jochen Zimmer. Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Duisburger Uni und der Berliner Hochschule der Künste hat er
    die Archivbeständen der deutschen Natur- und Umweltschutzbewegungen, -organisationen und -vereinigungen in Ost und West durchforstet. Das
    Material wird seit Januar in den Räumen der ehemaligen Kreissparkasse in Hofgeismar bei Kassel ausgewertet. Bis Mitte 2003 soll die Ideen- und
    Sozialgeschichte der Umweltbewegungen seit '45 aufgearbeitet sein. Das beinhaltet neben dem Erschließen, Erfassen, Katalogisieren der Dokumente auch die Vernetzung der bestehenden Natur- und Umweltschutzarchive. Die wichtigsten Bild-, Ton- und Texterzeugnisse sollen dazu auf CD Rom
    publiziert werden.

    "Die Geschichte des Umweltprotests muss neu geschrieben werden", steht für Prof. Zimmer fest. Die 70er mögen den Beginn der
    Umweltschutzbewegung als Massenprotest markieren, mehr aber nicht. Denn schon lange bevor Demonstranten "AKW - nee!" skandierten oder
    Greenpeace-Aktivisten Schornsteine erklommen, wehrten sich Menschen gegen Umweltzerstörung. So protestierte etwa Sokrates gegen die
    Abholzung des Peleponnes für den Athener Flottenbau, oder verhinderten 1826 Bonner Bürger mit ihren Fäusten, dass ihr geliebter Drachenfels
    abgetragen wurde.

    "Auch Ökologische Politik und Politiker gibt es in Deutschland schon seit über 200 Jahren: Konservative Grüne wie die 'Deutschen Romantiker', rote
    Grüne wie den 'Touristenverein', die 'Naturfreunde' oder anarchistische Grüne wie die 'Freisassen'", räumt Prof. Zimmer mit dem Mythos auf, die
    Umweltbewegung sei eine Erfindung der 70er. "1912 brachte Wilhelm Liebknecht gar den ersten Entwurf für ein Naturschutzgesetz in den
    Preußischen Landtag ein. Selbst braune Grüne hat es nicht wenige gegeben. SS-Führer Himmler züchtet zunächst in Landkommunen freilaufende
    Hühner und ließ später im KZ Dachau Nistkästen anbringen und biodynamischen Honig erzeugen."

    Und nach dem Krieg? Das Wirtschaftswunder, die Teilung Deutschlands und die Wiederbewaffnung sind die Themen der 50er und 60er Jahre. Für
    Umwelt- und Naturschutz wurde anscheinend nicht gestritten. Zeitdokumente besagen anderes: So hatten gerade in der DDR Heimatschutzgruppen
    großen Zulauf, und im Westen besetzten in bester Greenpeace-Manier Naturfreunde, Falken und FDJ'ler gemeinsam das als Bombenabwurfgebiet
    missbrauchte Helgoland, den Knechtsand oder den von Sprengung bedrohten Loreley-Felsen.

    Dass sich in der Vergangenheit noch niemand daran gesetzt hatte, die Geschichte der Umweltbewegung gerade zu rücken, ist laut Prof. Zimmer "auf
    die Ignoranz der Historikerzunft gegenüber den Veränderungen der Natur zurückzuführen". Aber es ist auch noch nicht allzu lange her, dass
    Umweltschützer als Öko-Spinner, Körnerfresser, Müslis oder Fortschrittsfeinde bezeichnet wurden. Übrigens: selbst im Beschimpftwerden waren die
    Freisassen ihren "grünen" Nachfahren voraus. "Fröhliche Wilde" sagten die einen, andere formulierten es drastischer: "Rhabarberleute, Grasfresser!"

    (Freisassen-Fotos auf Anfrage.)


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Biologie, Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Meer / Klima, Politik, Recht, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungsprojekte
    Deutsch


     

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