Konturen und Konjunkturen der Politikwissenschaft seit dem Mittelalter beleuchtet Prof. Dr. Wilhelm Bleek (Fakultät für Sozialwissenschaft der RUB, Lehrstuhl für Politikwissenschaft I). Seine Bilanz "Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland" (550 S.) erscheint morgen im Verlag C.H. Beck. Das zentrale Ergebnis der Studie ist, dass das Fach mehr als andere akademische Disziplinen die freiheitlichen Strukturen des politischen Systems zur Grundvoraussetzung hat.
Bochum, 28.03.2001
Nr. 83
Kon(junk)turen der Politikwissenschaft
Bilanz einer jahrhundertealten Disziplin
RUB-Wissenschaftler legte erste Gesamtdarstellung vor
Konturen und Konjunkturen der Politikwissenschaft seit dem Mittelalter beleuchtet Prof. Dr. Wilhelm Bleek (Fakultät für Sozialwissenschaft der RUB, Lehrstuhl für Politikwissenschaft I). Seine Bilanz "Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland" (550 S.) erscheint morgen im Verlag C.H. Beck. Das zentrale Ergebnis der Studie ist, dass das Fach mehr als andere akademische Disziplinen die freiheitlichen Strukturen des politischen Systems zur Grundvoraussetzung hat. Das Werk wird künftig für jede wissenschaftsgeschichtliche Beschäftigung mit dieser Disziplin unentbehrlich sein.
Vorbehalte konservativer Kräfte
Nach dem zweiten Weltkrieg herrschten in der deutschen Universitätslandschaft Vorbehalte gegen die Politikwissenschaft: Sie galt insbesondere unter Historikern als "neue, aus Amerika importierte" Disziplin, die die Siegermacht USA hier aufoktroyiert habe. Häufig wird die Geburtsstunde des Fachs gleichgesetzt mit der Geburtsstunde der Bundesrepublik. Wilhelm Bleek zeigt in seiner Studie, dass die Geschichte der Politikwissenschaft zurückreicht bis ins Mittelalter.
Artistenstudium mit Politiklehre
Politik war ein Bestandteil des Artistenstudiums, die ersten Universitäten haben sie vor über sechs Jahrhunderten auch in Deutschland gelehrt. Seitdem hat die Disziplin eine wechselhafte Geschichte erlebt: Sie spielte eine zentrale Rolle beim Aufbau des modernen Territorialstaates in der frühen Neuzeit; in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 waren die Professoren der Politik sehr einflussreich. Die Wende zum Obrigkeitsstaat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts leitete den Niedergang der älteren Politiklehre ein.
Instrumentalisierte Politische Wissenschaften
Ihr Erbe bewahrten deutsche sowie ausländische Nachfolge- und Nachbardisziplinen (Öffentliches Recht, Nationalökonomie, Geschichtswissenschaft und Soziologie). Die amerikanische Political Science trug maßgeblich dazu bei, das Fach in Westdeutschland nach 1945 wiederzugründen. In den Diktaturen des nationalsozialistischen Dritten Reiches und der kommunistischen DDR gab es keine eigenständige, kritische Politikwissenschaft, sondern Politische Wissenschaften, die die Herrschenden instrumentalisiert hatten. Wilhelm Bleek verdeutlicht, dass die freiheitlichen Strukturen des politischen Systems die zentrale Grundvoraussetzung sind für die akademische Disziplin Politikwissenschaft.
Politologie: An 85 Unis lehren 400 Profs 50000 Studierende
Heute ist sie fest in der deutschen Universitätslandschaft etabliert, ihre Stellung unangefochten. Nach der Vereinigung 1990 haben die Hochschulen der neuen Bundesländer umgehend das Fach eingeführt. An den 85 staatlichen Universitäten und Gesamthochschulen lehren derzeit etwa 400 Professorinnen und Professoren Politikwissenschaft, ca. 50.000 Studierende (Haupt-, Nebenfach und Lehramt) sind derzeit in dieser Disziplin eingeschrieben. Mit seiner Bestandsaufnahme legt Wilhelm Bleek ein unentbehrliches Handbuch zur Geschichte des Faches vor. Er leistet damit einen erheblichen Beitrag, den Standort der Politikwissenschaft zu bestimmen in ihren Beziehungen zu den Nachbarfächern, zur Gesellschaft und schließlich zur Politik.
Titelaufnahmen
Bleek, Wilhelm: Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland", 550 S., DM 78,50, C.H. Beck 2001, ISBN: 3-406-47173-0
Weitere Informationen
Prof. Dr. Wilhelm Bleek, Fakultät für Sozialwissenschaft der RUB, Sektion Politikwissenschaft, Lehrstuhl für Politikwissenschaft I, GC 04/144, Tel. 0234/32-22976, Fax: 0234/32-14508, eMail: wilhelm.bleek@ruhr-uni-bochum.de; Internet: http://www.ruhr-uni-bochum.de/pw1/
Merkmale dieser Pressemitteilung:
Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik, Recht
überregional
Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
Deutsch
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