Zentralinstitut für Seelische Gesundheit - genomweite europäische Kooperationsstudie kommt der Entstehung der Schizophrenie näher

idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo
Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
02.07.2009 15:44

Zentralinstitut für Seelische Gesundheit - genomweite europäische Kooperationsstudie kommt der Entstehung der Schizophrenie näher

Sigrid Wolff Referat Öffentlichkeitsarbeit
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim

    Genetische Studien belegen, dass bei der Schizophrenie 80% der Varianz auf genetische Faktoren zurückzuführen sind. In der jetzt in Nature veröffentlichten genetischen Studie arbeiteten Forschungszentren weltweit zusammen und durchsuchten das Genom systematisch nach Varianten, die das Risiko an einer Schizophrenie zu erkranken modulieren. Die genomweiten Untersuchungen erbrachten wichtige Ergebnisse: Im Chromosom 6 wurden Assoziationen mit Markern gefunden, die für das Immunsystem bedeutsam sind. Identifiziert wurden genetische Varianten die in Stoffwechselwege für Gehirnentwicklung, Gedächtnis und Kognitionen eingebunden sind.

    München/Bonn/Mannheim, 02.07.2009 - Schizophrene Störungen zählen zu den komplex bedingten psychiatrischen Erkrankungen, die im Zusammenspiel genetischer und umweltbedingter Faktoren entstehen. Genetische Studien belegen, dass bei schizophrenen Störungen 80% der Varianz auf genetische Faktoren zurückzuführen sind.

    Dieses Wissen ist nicht neu. Allerdings stehen erst seit Kurzem die notwendigen molekulargenetischen Untersuchungstechniken zur Verfügung, die es ermöglichen, das Genom systematisch nach Varianten zu durchsuchen, die das Risiko an einer Schizophrenie zu erkranken modulieren. Ein weiterer wichtiger Fortschritt liegt in der intensiven Zusammenarbeit der psychiatrisch genetisch forschenden Wissenschaftler begründet. Dank internationaler Kooperation stehen erstmals umfangreiche Stichproben von Patienten und Kontrollpersonen zur Verfügung, die genomweiten Studien eine ausreichende statistische Aussagekraft garantieren. Insgesamt wurden bei 2.663 schizophrenen Patienten und 13.498 Kontrollpersonen die genomweiten Untersuchungen gemeinsam ausgewertet und die besten Befunde bei insgesamt 4.999 weiteren Patienten und 15.555 Kontrollpersonen nachuntersucht.

    In der jetzt zur Veröffentlichung in Nature anstehenden genetischen Untersuchung zur Schizophrenie arbeiteten Forschungszentren weltweit zusammen. Allein in Deutschland waren 3 Gruppen beteiligt, die sich bereits im Nationalen Genomforschungsnetz zusammengeschlossen hatten, um die genetischen Grundlagen der Schizophrenie aufzuklären: Arbeitsgruppen am Institut für Humangenetik der Universität Bonn (Arbeitsgruppenleitung: Professor Markus Nöthen und Privat-Dozent Sven Cichon), an der Psychiatrischen Universitätsklinik der LMU München (Arbeitsgruppenleitung: Professor Dan Rujescu) sowie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim (Abteilungsleitung: Professor Marcella Rietschel). Diese drei Zentren waren schon im vorigen Jahr an der Entdeckung neuer, seltener genetischer Variationen, die zur Schizophrenie beitragen maßgeblich beteiligt und - wie Herr Prof. Rujescu sagt "ist es uns wiederum gelungen, weitere neue, häufig vorkommende genetische Risikofaktoren zu finden". "Endlich kommen wir dem Ziel näher, bestehende Hypothesen zur Schizophrenie mit molekulargenetischen Methoden wissenschaftlich belegen zu können", so beschreibt Professor Nöthen das Besondere dieser weltweiten genetischen Studie.

    "Die Ergebnisse deuten auf mehrere Regionen im Genom hin, die mit hoher Wahrscheinlichkeit an der Entstehung der Schizophrenie beteiligt sind", kommentiert Privat-Dozent Cichon. Auf Chromosome 6 wurden Assoziationen mit mehreren Markern gefunden, die die Region des "MHC" (= major histocompatibility complex) Komplexes umspannen. Diese Region enthält viele Gene, die für das Immunsystem des Menschen eine große Bedeutung besitzen. "Diese Befunde unterstützen eine schon seit langem bestehende Hypothese, dass das Immunsystem eine Rolle bei der Entstehung schizophrener Psychosen spielen könnte" meint Professor Rietschel. Diese Hypothese beruht sowohl auf klinischen Beobachtungen, z.B. dass Virusinfekte im zweiten Trimenon der Schwangerschaft mit einer erhöhten Rate an Geburten später schizophren Erkrankter einhergeht, als auch auf früheren Berichten von Kopplungs- und Assoziationsbefunden von Schizophrenie mit Markern aus dieser Region.

    Weiterhin wurden in dieser Studie deutliche Hinweise für die Beteiligung genetischer Varianten in den Genen für Neurogranin auf Chromosom 11q24.2 und für den Transkriptionsfaktor TCF4 auf Chromosom 18q21.2 an der Entstehung der Schizophrenie gefunden. Diese Gene sind in Stoffwechselwege eingebunden, die eine Rolle bei der Gehirnentwicklung, dem Gedächtnis und der Kognition spielen. Störungen des Gedächtnisses und der Kognition sind, neben denen der Allgemeinheit bekannten Phänomene Wahn und Halluzination, die wesentlichen Symptome, die das Krankheitsbild einer Schizophrenie kennzeichnen. Die Autoren hoffen, dass ihre Befunde Ansatzpunkte für die Entwicklung neuartiger Therapien liefern werden.

    Kontakt:
    Institut für Humangenetik der Universität Bonn
    Abteilung für Genomik, Forschungszentrum Life&Brain
    Professor Markus Nöthen
    Privat-Dozent Sven Cichon
    E-Mail:
    markus.noethen@uni-bonn.de
    sven.cichon@uni-bonn.de

    Psychiatrische Universitätsklinik der LMU München
    Abteilung für Molekulare und Klinische Neurobiologie
    Professor Dan Rujescu
    E-Mail: dan.rujescu@med.uni-muenchen.de

    Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
    Professor Marcella Rietschel
    Abteilung Genetische Epidemiologie in der Psychiatrie
    J5, 68159 Mannheim
    Tel: 0621 / 1703-6051
    E-Mail: marcella.rietschel@zi-mannheim.de

    Publikation:
    Common variants conferring risk of schizophrenia. Hreinn Stefansson1*, PhD, Roel A. Ophoff2,3*,PhD, Stacy Steinberg1*, PhD, Ole A. Andreassen4, MD PhD, Sven Cichon5, PhD, Dan Rujescu6, MD, Thomas Werge7, PhD, Olli P. H. Pietiläinen8,9, B.Sc, Ole Mors10, MD PhD, Preben B. Mortensen11, MD D.Med.Sc, Engilbert Sigurdsson12, 13, MD M.Sc, Omar Gustafsson1, PhD, Mette Nyegaard14, PhD, Annamari Tuulio-Henriksson15, PhD, Andres Ingason1, B.Sc, Thomas Hansen7, MSc, Jaana Suvisaari15, MD PhD, Jouko Lonnqvist15, MD PhD, Tiina Paunio16, MD PhD, Anders D. Børglum10,14, MD PhD, Annette Hartmann6, PhD, Anders Fink-Jensen17, MD D.Med.Sc, Merete Nordentoft18, MD PhD DrMedSc, David Hougaard19, MD DrMedSc, Bent Norgaard-Pedersen19, MD DrMedSc, Yvonne Böttcher1, PhD, Jes Olesen20, MD PhD, René Breuer21, M.Sc, Hans-Jürgen Möller22, MD, Ina Giegling6, PhD, Henrik B. Rasmussen7, DVM PhD, Sally Timm23, MD, Manuel Mattheisen5, MD, István Bitter24, MD PhD, János M. Réthelyi24, MD PhD, Brynja B. Magnusdottir12,13, PhD, Thordur Sigmundsson12,13, MD, Pall Olason1, PhD, Gisli, Masson1, PhD, Jeffrey R. Gulcher1, MD PhD, Magnus Haraldsson12,13, MD, Ragnheidur Fossdal1, B.Sc, Thorgeir E. Thorgeirsson1, PhD, Unnur Thorsteinsdottir1,13, PhD, Mirella Ruggeri25, MD PhD, Sarah Tosato25, MD, , MD, Barbara Franke26, PhD, Eric Strengman2, M.Sc, Lambertus A. Kiemeney27, PhD, GROUP, Ingrid Melle4, MD PhD, Srdjan Djurovic28, PhD, Lilia Abramova29, PhD DrSci, Vasily Kaleda29, PhD, Julio Sanjuan30, MD PhD, Rosa de Frutos31, PhD, Elvira Bramon32, MRCPysch PhD, Evangelos Vassos32, 33, MD PhD, Gillian Fraser34, BA, Ulrich Ettinger32,33, PhD, Marco Picchioni32, MRCPsych, Nicholas Walker35, MD, Timi Toulopoulou33, PhD, Anna C. Need36, PhD, Dongliang Ge36, PhD, Joeng Lim Yoon37, M.Sc, Kevin V. Shianna36, PhD, Nelson B. Freimer3, MD, Rita M. Cantor3, 37, PhD, Robin Murray32,33, FRCPsych DSc, Augustine Kong1, PhD, Vera Golimbet29, PhD DrSci, Angel Carracedo38, MD PhD, Celso Arango39, MD PhD, Javier Costas40, PhD, Erik G. Jönsson41, MD PhD, Lars Terenius41, PhD, Ingrid Agartz41, MD PhD, Hannes Petursson12,13, MD PhD, Markus M. Nöthen5, MD, Marcella Rietschel21, MD PhD, Paul M. Matthews42, MA (Oxon) MD DPhil FRCP, Pierandrea Muglia43,Leena Peltonen8,9, MD PhD, David St Clair34, MD PhD, David B. Goldstein36, MD PhD, Kari Stefansson1,13**, MD PhD, David A. Collier, PhD32,44.

    1CNS Division,deCODE genetics,Sturlugata 8,IS-101,Reykjavik,Iceland.
    2Department of Medical Genetics and Rudolf Magnus Institute of Neuroscience, University Medical Center Utrecht, Universiteitsweg 100, 3584 CG, Utrecht, The Netherlands.
    3UCLA Center for Neurobehavioral Genetics, Charles E. Young Drive South, Los Angeles, California 90024, USA.
    4Dept. of Psychiatry, Ullevål University Hospital and Institute of Psychiatry, University of Oslo, Kirkeveien 166, N-0407 Oslo, Norway.
    5Department of Genomics,Life & Brain Center, University of Bonn, Sigmund-Freud-Strasse 25, D-53127 Bonn, Germany.
    6Division of Molecular and Clinical Neurobiology, Department of Psychiatry, Ludwig-Maximilians-University, Nußbaumstrasse 7, 80336 Munich, Germany.
    7Research Institute of Biological Psychiatry, Mental Health Centre Sct. Hans Copenhagen University Hospital, DK-4000 Roskilde, Denmark.
    8Institute of Molecular Medicine, Biomedicum Helsinki, Haartmaninkatu 8, 00290 Helsinki, Finland.
    9Wellcome Trust Sanger Institute, Hinxton, UK.
    10Centre for Psychiatric Research, Aarhus University Hospital, Risskov, Skovagervej 2, 8240 Risskov, Denmark.
    11National Centre for Register-based Research, Aarhus University, Taasingegade 1, DK-8000 Aarhus, Denmark.
    12Department of Psychiatry, National University Hospital, Hringbraut, 101 Reykjavik, Iceland.
    13University of Iceland, School of Medicine, Laeknagardi, 101 Reykjavik, Iceland
    14Department of Human Genetics, The Bartholin Building, Aarhus University, DK-8000 Arhus C, Denmark.
    15Department of Mental Health and Alcohol Research, National Public Health Institute, Mannerheimintie 166, FIN-00300 Helsinki, Finland.
    16Department for Molecular Medicine, National Public Health Institute, Biomedicum, Haartmaninkatu 8, 00290 Helsinki, Finland.
    17Mental Health Centre Rigshospitalet, Copenhagen University Hospital, DK-2100 Copenhagen Ø, Denmark.
    18Psychiatric Centre Bisbebjerg, Building 13A, Bispebjerg Hospital, Bispebjerg Bakke 23, 2400 Copenhagen NV, Denmark.
    19Section of Neonatal Screening and Hormones, Dept. Clinical Chemistry and Immunology, The State Serum Institute, Artillerivej 5, 2300 Copenhagen S, Denmark.
    20Department of Neurology, 57 Nordre Ringvej, Glostrup Hospital, Glostrup, DK-2600 Copenhagen, Denmark.
    21Department of Genetic Epidemiology in Psychiatry, Central Institute of Mental Health, University of Heidelberg, J5, D-68159 Mannheim, Germany.
    22Department of Psychiatry, Ludwig-Maximilians-University, Nußbaumstrasse 7, 80336 Munich, Germany.
    23Mental Health Centre Frederiksberg, Copenhagen University Hospital, DK-2000 Frederiksberg, Denmark.
    24Semmelweis University, Department of Psychiatry and Psychotherapy, Budapest, Hungary.
    25Section of Psychiatry and Clinical Psychology, University of Verona, Verona, 37134 Verona, Italy.
    26Department of Human Genetics, Radboud University Nijmegen Medical Centre, PO Box 9101, 6500 HB Nijmegen, The Netherlands.
    27Department of Epidemiology & Biostatistics and Department of Urology , Radboud University Nijmegen Medical Centre, PO Box 9101, 6500 HB Nijmegen, The Netherlands.
    28Department of Medical Genetics, Ulleval University Hospital and Institute of Psychiatry, University of Oslo, Kirkeveien 166, N-0407 Oslo, Norway.
    29Mental Health Research Center, Russian Academy of Medical Sciences, Zagorodnoe sh. 2/2, 117152 Moscow, Russia.
    30Unidad de Psiquiatría, Facultad de Medicina, Universidad de Valencia, CIBERSAM, Spain.
    31Departamento de Genética. Facultad de Biología. Universidad de Valencia, CIBERSAM, Spain.
    32Division of Psychological Medicine, Institute of Psychiatry, King's College, London SE5 8AF, UK.
    33Social, Genetic and Developmental Psychiatry Centre, Institute of Psychiatry, King's College, London SE5 8AF, UK.
    34Department of Mental Health, University of Aberdeen, Royal Cornhill Hospital, Aberdeen AB25 2ZD, UK.
    35Ravenscraig hospital, Inverkip Road, Greenock PA16 9HA, UK.
    36Institute for Genome Sciences & Policy, Center for Population Genomics & Pharmacogenetics, 4011 GSRB II 103 Research Drive, Duke University, DUMC Box 3471, Durham,North Carolina 27708, USA.
    37Department of Human Genetics, UCLA, 695 Charles Young Drive South, Los Angeles, California 90095, USA.
    38Fundación Pública Galega de Medicina Xenómica-Complexo Universitario Hospitalario de Santiago, and CIBER de Enfermedades Raras (CIBERER), IML- Universidade de Santiago de Compostela, Spain.
    39Hospital General Universitario Gregorio Marañón, Centro de Investigación Biomédica en Red de Salud Mental, CIBERSAM, Madrid, Spain.
    40Fundación Pública Galega de Medicina Xenómica, and CIBER de Enfermedades Raras (CIBERER), Santiago de Compostela, Spain.
    41Department of Clinical Neuroscience, HUBIN project, Karolinska Institutet and Hospital, R5:00, SE-171 76 Stockholm, Sweden.
    42Clinical Imaging Centre, Clinical Pharmacology and Discovery Medicine, GlaxoSmithKline, Hammersmith Hospital, London W12 ONN, UK.
    43Medical Genetics, GlaxoSmithKline R&D, Via A. Fleming 4, 37135 Verona, Italy.
    44Psychiatric Laboratory, Department of Psychiatry, West China Hospital, Sichuan University, Sichuan, China.
    45Department of Psychiatry, Rudolf Magnus Institute of Neuroscience, University Medical Center Utrecht, The Netherlands.
    46Academic Medical Centre University of Amsterdam, Department of Psychiatry, Amsterdam, The Netherlands.
    47Maastricht University Medical Centre, South Limburg Mental Health Research and Teaching Network, Maastricht, The Netherlands.
    48University Medical Center Groningen, Department of Psychiatry, University of Groningen, The Netherlands.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Medizin
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).

    Cookies optimieren die Bereitstellung unserer Dienste. Durch das Weitersurfen auf idw-online.de erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung
    Okay