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10.08.2009 09:56

Babylonisches aus Babelsberg: Bochumer Filmhistoriker untersucht Sprachversionsfilme der 1930er Jahre

Dr. Josef König Pressestelle
Ruhr-Universität Bochum

    Buchveröffentlichung aus DFG-Projekt

    Das Aufkommen des Tonfilms stellte das Publikum und die Filmindustrie vor eine große Herausforderung: Plötzlich war ein Film nicht mehr überall verständlich, sondern auf das Publikum beschränkt, das seine Sprache verstand. Man wusste sich zu helfen: In den 1930er Jahren wurden viele Filme parallel gleich in mehreren Sprachversionen gedreht, entweder mit mehrsprachigen oder mit unterschiedlichen Schauspielern aus den jeweiligen Zielländern. Dieses bisher wenig erforschte Kapitel der Filmgeschichte hat der Bochumer Medienwissenschaftler Dr. Chris Wahl nun aufgearbeitet.

    Aus seinem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Einzelprojekt ging der Band "Sprachversionsfilme aus Babelsberg" hervor, der jetzt im Buchhandel erhältlich ist.

    Aufwändige Lösung

    Wer weiß heute schon noch, dass einer der erfolgreichsten Filme der deutschen Filmgeschichte, "Die Drei von der Tankstelle" (1930), mit Heinz Rühmann, Willy Fritsch und Lilian Harvey zeitgleich mit seinem Erscheinen in Deutschland mit ebensolchem Erfolg auch in Frankreich in die Kinos gelangte - in einer französischen Version, in der fast alle Schauspieler durch französische Pendants ersetzt waren? Dieser so genannte Sprachversionsfilm etablierte sich kurzzeitig als aufwändigste Lösung der Probleme, die der Tonfilm mit sich brachte. "Zwei ganz wesentliche Schwierigkeiten für das Publikum des frühen Tonfilms waren die fragliche Einheit von Leinwandkörpern und Lautsprecherstimmen und die Tatsache, dass viele Filme in einer fremden Sprache zu ihnen kamen", berichtet Chris Wahl. Die Konfrontation des zeitgenössischen Bochumer Publikums mit diesen Schwierigkeiten wird in seinem Buch in einer kleinen Fallstudie erstmals beleuchtet.

    Textvariationen, Stimmcharakter und Akzente

    Die Ufa als mächtigstes europäisches Filmstudio der Zeit perfektionierte die Technik des Sprachversionsfilms und wandte sie - im Gegensatz zur amerikanischen Konkurrenz - über die gesamten 1930-Jahre an. Chris Wahl hat nun erforscht, wie es zur Herstellung von Sprachversionsfilmen kam und mit welchen Methoden die Ufa diese Filme produzierte und vertrieb. Frankreich war der wichtigste Auslandsmarkt der Ufa innerhalb eines weltweiten Vertriebsnetzes. Der Versuch, mit englischsprachigen Versionen den amerikanischen Markt zu erobern, scheiterte jedoch. Wahl ergründet auch die Relevanz von Stimmcharakter und Akzenten in der frühen Tonfilmzeit, den Zusammenhang von Tonfilmoperetten und Schallplattenindustrie in den 1930er Jahren sowie die textuelle Ebene der Sprachversionsfilme. Nicht nur innerhalb der Dialoge wurden Variationen durchgeführt, um die Filme dem jeweiligen Geschmack und den Gewohnheiten des Zielpublikums anzupassen.

    DVD mit unveröffentlichtem Filmmaterial

    Für die Zeit von 1933 bis 1936, also nach dem Machtantritt Hitlers, beschreibt Chris Wahl eine schleichende Aufgabe der wirtschaftlichen zugunsten einer ideologischen Ausrichtung der Ufa innerhalb ihrer internationalen Produktion. Folgerichtig wurde die Herstellung der Sprachversionsfilme 1936 eingestellt - mit zwei Ausnahmen: einem deutsch-spanischen Film 1938 und einem deutsch-italienischen 1939. Hier spielte die politische Freundschaft zu diesen Ländern eine Rolle, denn beide Sprachen hatten bis dahin nicht zum Repertoire der Ufa gehört. Zum Schluss spannt Chris Wahl den Bogen von den 30er in die 50er Jahre, indem er die zahlreichen Remakes der Ufa-Sprachversionsfilme thematisiert, sowie in die Gegenwart, beispielsweise anhand der "polyglotten Verbrüderungsfilme" wie "Joyeux Noël" (2005). Eine Filmografie, eine Bibliografie und drei Indizes machen das Buch gleichzeitig zum Nachschlagewerk. Auf einer mitgelieferten DVD findet sich zum Teil unveröffentlichtes Filmmaterial.

    Titelaufnahme

    Chris Wahl: Sprachversionsfilme aus Babelsberg. Die internationale Strategie der Ufa 1929-1939. edition text + kritik, München 2009. ISBN 978-3-88377-948-5

    Weitere Informationen

    Dr. Christoph Wahl, Institut für Medienwissenschaft der Ruhr Universität, 44780 Bochum, Tel.: 0234/32-25353, E-Mail: christoph.wahl@rub.de

    Redaktion: Meike Drießen


    Bilder

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Geschichte / Archäologie, Kulturwissenschaften, Medien- und Kommunikationswissenschaften
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

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