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14.09.2009 14:33

Wenn das Immunsystem versagt

Dr. Julia Rautenstrauch Geschäftsstelle
Deutsche Gesellschaft für Immunologie

    Störungen des Immunsystems führen zu erhöhter Infektanfälligkeit, zu Autoimmunerkrankungen wie z. B. entzündlichem Rheuma, zu Allergien und manchmal auch zu Krebs. Ein intaktes Immunsystem hingegen gewährt körperliche Gesundheit und Wohlbefinden. Welche vielfältigen Ursachen zu Störungen des Immunsystems führen, erläuterte Kongresspräsident Professor Reinhold E. Schmidt, Klinik für Immunologie und Rheumatologie der Medizinischen Hochschule Hannover, beim 2nd European Congress of Immunology in Berlin.

    Weltweit am häufigsten sind Unterernährung, schlechte Hygienebedingungen und eine Infektion mit dem Humanen Immundefizienz Virus (HIV). Aber auch Alter, Medikamente (z.B. Cortison, Zytostatika), Bestrahlung, Operationsstress und bösartige Tumoren des Knochenmarks und der Lymphknoten verursachen vorübergehende oder lang anhaltende Schädigungen des Immunsystems. Im Vergleich dazu sind angeborene Defekte des Immunsystems eher selten. Sie erlauben allerdings als Experimente der Natur Einblicke in den Aufbau und die Funktionsweise des menschlichen Immunsystems. Ihre Häufigkeit wird mit ca. 1 in 500 Menschen geschätzt.

    Neben den Körperoberflächen, die die meisten Krankheitserreger zuverlässig abweisen, gibt es nach Überwinden dieser Barriere ein natürliches Immunsystem (bestehend aus weißen Blutkörperchen wie z.B. Makrophagen, Granulozyten, NK-Zellen, dendritische Zellen), das über eine Art "Rasterfandung" verschiedene Krankheitserreger als gefährlich erkennt und sofort eine Entzündungsreaktion (Schwellung, Rötung, Schmerz, Fieber) in Gang setzt. Die allermeisten Krankheitserreger überstehen diese Reaktion nicht; nur die aggressivsten unter ihnen überwinden die Barriere des natürlichen Immunsystems und benötigen zur erfolgreichen Bekämpfung das sog. adaptive Immunsystem (bestehend aus weißen Blutkörperchen der T-Zellen und B-Zellen), ein Back-up System, das neben der gezielten Erregerbeseitigung auch noch ein Gedächtnis als Schutz für die Zukunft entwickelt.

    Unterstützt von mehreren nationalen Registern wurde in den letzten Jahren ein europäisches Register für primäre (angeborene) Immundefekte (PID) aufgebaut, das inzwischen anonymisierte Informationen von über 9.000 PID Patienten enthält (www.esid.org). Die Daten werden auf Antrag für wissenschaftliche Analysen bereitgestellt. Etwa 65% dieser angeborenen Immundefekte betreffen Störungen der Antikörperbildung, 15-20% sind schwere kombinierte Immundefekte aufgrund von Störungen der T-Zell Entwicklung und Funktion. Beim Rest handelt es sich um seltenere Defekte der Zellen der natürlichen Immunität und des Komplementsystems.
    Weit über 150 verschiedene Gendefekte (Mutationen, Deletionen, Insertionen u.a.) sind bisher bei angeborenen Immundefektpatienten beschrieben worden; sie sind direkt für die Entstehung einer defekten Immunantwort verantwortlich. Fast täglich kommen neue Defekte hinzu. Auf dem 2. Europäischen Immunologie-Kongress in Berlin (13. bis 16.9.2009) werden allein im Workshop "T cell deficiencies" vier neue Gendefekte als Ursache für schwere Störungen der T-Zellfunktion vorgestellt.
    Darüber hinaus wird es am Sonntagnachmittag dem 13. September 2009 ein CSL-Behring finanziertes, und am Dienstagnachmittag dem 15. September 2009 ein Baxter finanziertes Satellitensymposium über angeborene Immundefekte geben. Viele dieser schweren angeborenen T-Zelldefekte können heute durch Stammzelltransplantation geheilt werden. Bei den B-Zelldefekten, die in der Regel weniger schwer verlaufen, kann durch regelmäßige Zufuhr von Antikörperpräparationen aus dem Blut gesunder Plasmaspender die Infektanfälligkeit drastisch gesenkt werden.

    Zahlenmäßig viel häufiger als die wissenschaftlich interessanten PIDs sind erworbene Immundefekte, verursacht z.B. durch chronische Virusinfektionen (wie HIV und Hepatitis C), Unterernährung, Polytrauma und Stress nach Operationen, Diabetes, Lymphknotenkrebs, Narkose-Einflüsse u.a.m.. Viele dieser sekundären Immundefizienzformen sind heute behandelbar. Auch auf diesem Gebiet bietet der ECI-Kongress in Berlin 2009 viele neue Erkenntnisse.

    Schließlich sind die Übergänge zwischen Immundefekt-Erkrankungen und Autoimmunkrankheiten fließend, da einige genetische T- und B-Zelldefekte neben Infektanfälligkeit auch Autoimmunphänomene verursachen. Um diese komplexen Zusammenhänge besser zu erforschen und allmählich in den klinischen Alltag zu überführen, braucht es spezialisierte Zentren an denen interdisziplinäre Teams von Kinderärzten, Internisten, Immunologen, Molekularbiologen, Infektiologen, Hämatologen und Pathologen sowohl bei der Erforschung der PID-Ursachen als auch bei der Entwicklung neuer Therapieverfahren eng zusammenarbeiten. Ein solches "Integriertes Forschungs- und Behandlungszentrum" für chronische Immundefizienz (CCI) entsteht zurzeit mit Unterstützung des BMBF am Universitätsklinikum Freiburg. Weitere Immundefizienz-Schwerpunkte gibt es in Hannover, Ulm, Dresden, Krefeld, München und Berlin.

    EFIS (European Federation of Immunological Societies) ist der Dachverband der nationalen immunologischen Fachgesellschaften in Europa. Zu EFIS zählen 28 nationale Fachgesellschaften in 31 europäischen Ländern mit insgesamt 13.000 Mitgliedern. Gemeinsame Plattform ist der European Congress of Immunology, der all drei Jahre stattfindet - in diesem Jahr unter dem Motto: "Immunity for Life - Immunology for Health" vom 13. bis 16. September in Berlin. Der Kongress bietet über vier Tage ein umfassendes Programm zum aktuellen Wissensstand in der Immunologie. Das Themenspektrum in den mehr als 30 Symposien und 60 Workshops reicht von der Grundlagenforschung bis zur angewandten Immunologie. Im Mittelpunkt stehen die Erkenntnisse zur angeborenen und erworbenen Immunität, die verschiedenen Aspekte immunologischer Erkrankungen sowie die neuesten Möglichkeiten von Immun-Interventionen. Kongresspräsident Professor Reinhold E. Schmidt, Klinik für Immunologie und Rheumatologie der Medizinischen Hochschule Hannover, lädt Journalisten sehr herzlich dazu ein.

    Organisatoren des Symposiums und Ansprechpartner für Rückfragen:

    Prof. Bodo Grimbacher

    Immunology/Molecular Pathology
    Royal Free Hospital & University
    College Medical School
    Pond Street
    London NW3 2QG
    Tel.: 0044/20-7794-0500 ext. 34399
    E-Mail: bgrimbac@medsch.ucl.ac.uk

    Prof. Hans-Hartmut Peter

    Rheumatologie/Klin. Immunologie
    Med. Universitätsklinik Freiburg
    Hugstetter Str. 55
    79106 Freiburg
    Tel.: 0761/270-3448
    E-Mail: peterhh@medizin.ukl.uni-freiburg.de

    Prof. Dr. med. Reinhold E. Schmidt

    Klinik für Immunologie und Rheumatologie
    Medizinische Hochschule Hannover
    Carl-Neuberg-Str. 1
    30625 Hannover
    Tel.: +49-511-532-6656
    Fax: +49-511-532-9067
    E-Mail: immunologie@mh-hannover.de
    Internet: www.mh-hannover.de/kir.html

    Dr. med. Julia Rautenstrauch
    Pressereferentin ECI 2009 Berlin

    MedCongress GmbH
    Geschäftsführer:
    Dr. Julia Rautenstrauch, Hans-Joachim Erbel
    Postfach 70 01 49
    70571 Stuttgart
    Tel: +49 711 72 07 12 0
    Fax: +49 711 72 07 12-29
    Gerichtsstand: Amtsgericht Stuttgart HRB 22288
    jr@medcongress.de
    www.medcongress.de


    Weitere Informationen:

    http://www.eci-berlin2009.com


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Biologie, Chemie, Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin, Umwelt / Ökologie
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Prof. Reinhold E. Schmidt, Hannover


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