idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo
Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
09.10.2009 15:46

Ernährungsexperte Professor Dr. Volker Pudel verstorben

Stefan Weller Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universitätsmedizin Göttingen - Georg-August-Universität

    Der langjährige Leiter der Ernährungspsychologischen Forschungsstelle an der Universitätsmedizin Göttingen ist am 7. Oktober 2009 gestorben.

    (umg) Professor Dr. rer. nat. Volker Pudel ist gestorben. Der renommierte Ernährungsexperte und langjährige Leiter der früheren Ernährungspsychologischen Forschungsstelle in der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Göttingen, ist am Mittwoch, den 7. Oktober 2009 im Alter von 65 Jahren nach langer schwerer Krankheit verstorben.

    Professor Dr. Volker Pudel gilt in Deutschland als ausgewiesener Experte für Fragen zum Ernährungsverhalten, den psychologischen Zusammenhängen von Essen und Appetit sowie zu Übergewicht und Adipositas. Seit April 2007 war er im Ruhestand. Sein Tod ist für die Ernährungspsychologische Forschung an der Universitätsmedizin Göttingen ein großer Verlust und hinterlässt eine tiefe Lücke. Die Universitätsmedizin Göttingen trauert um einen bemerkenswert innovativen und erfolgreichen Forscher und leidenschaftlichen Hochschullehrer.

    Professor Dr. Volker Pudel wurde am 1. März 1944 in Bad Kreuznach geboren. Er studierte an der Universität Göttingen Psychologie und schloss 1970 mit Diplom ab. Im selben Jahr begann er im Sonderforschungsbereich SFB 33 "Nervensystem und biologische Information" in der Arbeitsgruppe für Ernährungsforschung mit Grundlagenforschung zum Ernährungsverhalten und experimentellen Analysen des menschlichen Appetits. 1972 wurde er an der naturwissenschaftlichen Fakultät mit einer Arbeit zum Thema "Appetitverhalten unter experimenteller Kontrolle" promoviert. 1976 habilitierte er sich an der medizinischen Fakultät in Göttingen für das Fach Klinische Psychologie. Das Thema seiner Habilitationsarbeit lautete "Ernährungspsychologische Grundlagen des menschlichen Appetitverhaltens - mit besonderem Bezug zum Lebensalter und zur einfachen Adipositas". Die Leitung der Ernährungspsychologischen Forschungsstelle mit Sitz in der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie übernimmt er 1978. Vier Jahre darauf wurde er zum außer-planmäßigen Professor ernannt. Zum April 2007 verabschiedete er sich mit einem großen Symposium unter der ernährungspsychologischen Leitfrage "Warum essen Menschen anders, als sie sich ernähren sollten?" von seinen universitären Aufgaben und ging in den Ruhestand.


    INNOVATOR DER ERNÄHRUNGSWISSENSCHAFT
    Die wissenschaftliche Arbeit von Professor Volker Pudel ist durch eine enorme Breite, Themenvielfalt und einen ausgeprägten Innovationsgeist gekennzeichnet. Wie ein roter Faden zieht sich die Auseinandersetzung mit den psychologischen Aspekten von menschlichem Ernährungsverhalten und der Regulation von Appetit und Sättigung durch sein Werk. Ein erster Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Leistung ist die Habilitationsarbeit. Sie wird 1976 als Monographie mit dem Titel "Zur Psychogenese und Therapie der Adipositas" veröffentlicht. In dieser Arbeit fasst Prof. Pudel das damals verfügbare Wissen über die psychologischen Aspekte der Adipositas zusammen. Außerdem stellt er mehrere wichtige Konzepte vor, die das wissenschaftliche Denken über die Adipositas für mehr als ein Jahrzehnt prägen werden. So setzt sich als erstes bahnbrechendes Konzept in den 80er Jahren die Auffassung durch, dass das Essverhalten von adipösen Menschen wesentlich stärker als bei normalgewichtigen Menschen durch äußere Reize, wie den Anblick oder den Geruch von leckerem Essen bestimmt wird. Innere Reize wie Hunger oder Sättigung spielen dagegen nur eine untergeordnete Rolle.

    Darüber hinaus machte das so genannte "Trickteller-Experiment" damals Furore und führte zu neuen Erkenntnissen über die Regulation des Essverhaltens. Das Ergebnis der noch jungen Ernährungspsychologie: Ein leerer Teller wirkt für viele ganz offenbar wie ein Stoppsignal. Bleibt das Signal aus, weil der Teller über einen Trick immer wieder von unten nachgefüllt wird, aßen die Versuchspersonen bis zu 80 Prozent mehr. Es ist Volker Pudels Verdienst, dieses ursprünglich in den USA entwickelte Konzept in Deutschland bekannt gemacht und vor allem durch experimentelle Arbeiten weiterentwickelt und untermauert zu haben.

    Neben vielen experimentellen Untersuchungen zur Regulation der menschlichen Nahrungsaufnahme betreute Professor Pudel unter anderem eine der ersten repräsentativen Studien zur Prävalenz des Übergewichts in der Bundesrepublik Deutschland. Seit Ende der 80er Jahre befasste sich Professor Pudel auch zunehmend mit der Entwicklung von Maßnahmen zur Prävention und Therapie von Adipositas. So startet in dieser Zeit ein erstes großes von Pudel entwickeltes computergestütztes Kur-Programm zur Ernährungsberatung in Zusammenarbeit mit einer großen Krankenkasse. Schon sehr früh setzt Professor Pudel auf eine individualisierte computerbasierte Ernährungsberatung. Alle seine Programme profitierten zudem von der medialen Strahlkraft und Präsenz ihres Erfinders: Volker Pudel arbeitete bewusst mit den Massenmedien zusammen, damit breite Bevölkerungskreise von den neuen Erkenntnissen profitieren können.

    Ein weiterer wissenschaftlicher Schwerpunkt von Professor Pudel lag auf der Analyse der "Ess-Brech-Sucht" oder "Bulimia nervosa". Zu Beginn der 80er Jahre initiiert er die erste größere Studie zur Bulima nervosa in Deutschland. Seine Arbeiten zur Bulimia nervosa haben wesentlich dazu beigetragen, dass diese Essstörung besser verstanden werden konnte. Doch nicht nur die Forschungsfelder Adipositas und Essstörungen sind mit dem Namen Volker Pudel besetzt. Spätestens seit Ende der siebziger Jahre beschäftigte er sich auch intensiv mit den ver-schiedensten Aspekten des "normalen Essverhaltens", mit der Epidemiologie des Essverhaltens, von Ernährungseinstellungen und Ernährungswissen. Die Forschungsergebnisse dieses Arbeitszweiges wurden erstmals im Ernährungsbe-richt 1980 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung zusammenfassend dar-gestellt. Es folgten analoge Aspekte hinsichtlich des Essverhaltens von Kindern und Jugendlichen im Ernährungsbericht 1984. Von 1980 bis zum Ernährungsbericht 2000 waren die von Prof. Pudel verantworteten Kapitel zum Ess- und Ernährungsverhalten der deutschen Bevölkerung ein regelmäßiger Bestandteil des Ernährungsberichts der Bundesregierung.

    BREITE ÖFFENTLICHE WIRKUNG
    Breitenwirkung und Public Health in der Ernährungsberatung und Ernährungsaufklärung waren ein zentrales Anliegen für Professor Volker Pudel. Er verstand es wie kein anderer, wissenschaftliche Erkenntnisse in attraktive und verständliche Botschaften für den Verbraucher zu übersetzen. Anfang der 90er Jahre entwickelte Pudel zusammen mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk und der größten Krankenversicherung in Baden-Württemberg ein multimediales Gesundheitsprogramm, das unter dem Motto "Mehr Lust auf Leben" Hunderttausende zum Mitmachen bewegte. Der "Spiegel" attestierte Pudel eine "Positive Wucht". Das Programm ist seither regelmäßig in mehreren Bundesländern im Einsatz und erhielt mehrfach sehr positive Beurteilungen.

    AUSZEICHNUNGEN UND ÄMTER
    Die wissenschaftliche Expertise von Professor Pudel kommt auch in einer Vielzahl von Auszeichnungen und Ämtern zum Ausdruck. Über zehn Jahre hinweg von 1988 bis 1998 war er Vizepräsident und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Er ist unter anderem Mitglied im Vorstand der Akademie für Ernährungsmedizin in Hannover, Mitglied im wehrmedizinischen Beirat des Bundesministeriums für Verteidigung, Vorsitzender des Kuratoriums der Heinz-Lohmann-Stiftung, Mitglied im Denkwerk Zukunft und ordentliches Mitglied der europäischen Akademie der Wissenschaft und Künste. 1989 wurde Professor Pudel mit dem internationalen Ernährungspreis der Schweizer Stiftung für Ernährungsforschung und Ernährungsaufklärung ausgezeichnet. 2001 erhielt er den Dr. Rainer Wild-Preis für seine herausragenden Arbeiten auf dem Gebiet der gesunden Ernährung und seinen ganzheitlichen Forschungsansatz. Im Jahr 2003 verlieh ihm die Deutsche Adipositas-Gesellschaft den Therapie-Preis.

    Zu seinen wissenschaftlichen Schülern zählen Professor Dr. Joachim Westenhöfer, der an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg Ernährungs-psychologie lehrt, und Privatdozent Dr. Thomas Ellrott, der das Institut für Ernährungspsychologie an der Göttinger Universitätsmedizin leitet. Das Institut für Ernährungspsychologie wurde 2007 in der Nachfolge der Ernährungspsychologischen Forschungsstelle gegründet.

    WEITERE INFORMATIONEN:
    Universitätsmedizin Göttingen - Georg-August-Universität
    Institut für Ernährungspsychologie
    Priv.-Doz. Dr. Thomas Ellrott (Leitung),
    Telefon 0551 / 39-6741, Sekretariat Telefon 0551 / 39-22742,
    Humboldtallee 32, 37073 Göttingen
    Mail: tellrot@med.uni-goettingen.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin, Psychologie
    überregional
    Personalia
    Deutsch


    Prof. Dr. Volker Pudel


    Zum Download

    x

    Trickteller-Experiment


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).

    Cookies optimieren die Bereitstellung unserer Dienste. Durch das Weitersurfen auf idw-online.de erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung
    Okay