Thesen zum RUB-Symposion "Zukunft der Bildung"

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09.12.1996 00:00

Thesen zum RUB-Symposion "Zukunft der Bildung"

Dr. Josef König Dezernat Hochschulkommunikation
Ruhr-Universität Bochum

    Bochum, 09.12.1996 Nr. 231

    Bildungskatastrophe und Jahrhundertwende

    Krisen, Reformprojekte und Loesungsstrategien

    Thesen zum RUB-Symposion ,Zukunft der Bildung"

    Das deutsche Bildungssystem sei an sein Ende angelangt: Nicht nur, weil das Geld ueber das Mass an Bildung entscheide, sondern, weil noch so gute Bildung keine Berufschanchen mehr garantiere. Laengst vorbei seien die Zeiten, da jeder Magister ,Professor gar" wurde, heute werde er eher arbeitslos, behaupten Verantwortliche und Medien, die sich ueber das deutsche Bildungssystem aeussern. Da ist regelmaessig von der ,Bildungskatastrophe" die Rede, von ,faulen Lehren und Professoren", ,desinteressierten Schuelern" und im ,Kern verfaulten Universitaeten". In einem gross angelegten Symposion ,Zukunft der Bildung: Reformprojekte an Jahrhundertwenden - 1800, 1900, 2000. Geisteswissenschaft - Jugend - Beruf. Krisen und Loesungsstrategien" in der RUB (Freitag, 13. und Samstag, 14. Dezember 1996, IBZ ,Beckmannshof") werden Reformansaetze vorgestellt und mit Verantwortlichen aus Hochschule, Politik und Wirtschaft diskutiert. Organisiert wird die Tagung vom Institut fuer Paedagogik in Verbindung mit dem Magisterreformmodell der RUB.

    In einem Thesenpapier erlaeutert Prof. Dr. Detlef K. Mueller (RUB) die Thematik des Symposions:

    Der deutsche Sonderweg seit dem 19. Jahrhundert

    Die preussische Bildungsreform am Beginn des 19. Jahrhunderts: - Universitaetsreform, Schulreform, Berechtigungswesen - setzte institutionelle Voraussetzungen zur Entwicklung eines Bildungssystems, das sich von dem aller anderen Industrienationen abhob: statt der elitaeren Internatsbildung in England und Frankreich das gesamtschulartige, im Prinzip fuer alle sozialen Schichten offene humanistische Gymnasium mit der systemimmanent angebotenen Chance eines flexiblen Abgangs, statt der elitaeren Fachanstalten bzw. Eliteuniversitaeten in Frankreich und England ueber das gesamte Land verteilte Universitaeten mit freiem Zugang fuer alle erfolgreichen Absolventen (Abiturienten) der Gymnasien. An diesen Universitaeten war durch die Gleichstellung der Philosophischen Fakultaet mit den traditionellen Fakultaeten der Theologie, Medizin und der Rechtswissenschaft, fuer die sie seit dem 17. Jahrhundert bis zu den Bildungsreformen am Beginn des 19. Jahrhunderts zunaechst nur die Funktion der spaeteren gymnasialen Oberstufe wahrgenommen hatte und mit der Einfuehrung eines neuen akademischen Lehramtes der Weg eroeffnet worden, durch Bildung und Wissenschaft und deren Vermittlung zum hoeheren Buergertum zu gehoeren bzw. aufzusteigen, den Juristen und Medizinern gleichgestellt zu werden. Dieses Prinzip der sozialen Anerkennung eines erreichten Bildungsniveaus bestimmte von oben nach unten alle Ebenen des deutschen Berechtigungswesens und war bis zum heutigen Zeitpunkt die Basis aller Besoldungsstufen im oeffentlichen Dienst, letztlich auch in Handel und Industrie.

    Sicherheit der Berufsperspektive

    Dem Prinzip nach gewaehrte ein erworbener Bildungsgrad eine Berufsoption - allerdings sogleich mit der Grenze, dass der individuelle Leistungserfolg innerhalb dieser Position den einmal ausgewiesenen Bildungsstand nur schwer ueberschreiten konnte. Von immer wiederkehrenden Qualifikationskrisen abgesehen, die durch einen systemimmanenten Widerspruch zwischen Absolventen mit Qualifikationen und angebotenen Arbeitsplaetzen (als generationsspezifisches Problem) zyklisch entstanden, aber selbst in Zeiten hoechster Krisen nie zu einer langfristigen Abwertung oder gar Arbeitslosigkeit oder einer der Qualifikation nicht entsprechenden Unterbeschaeftigung fuehrten, gewaehrleistete diese Verbindung zwischen Bildung und Berufschancen eine Sicherheit der Berufs- und Lebensperspektive.

    Tendenzen in Ost- und Westdeutschland nach 1945

    Wie unterschiedlich die Prozesse der Schul- und Universitaetsreformen in beiden deutschen Staaten auch nach 1945 verlaufen waren, (bildlich gesprochen ob Freie Universitaet in Westberlin oder Humboldt-Universitaet in Ostberlin), dieses deutsche Bildungs- und Berechtigungssystem war gemeinsam erhalten geblieben. Wer den Anforderungen des Bildungsprinzips entsprach, dem gewaehrte die Gesellschaft lebenslange Stellungen. Gewiss nicht jeder Magister ,wurde Professor gar", aber auch als Lehrer in Mecklenburg-Vorpommern oder in einer oberbayrischen Kleinstadt war er Bildungsbuerger mit anerkanntem Sozialstatus, hohem Gehalt bzw. sozialen Privilegien und grosser Lebensqualitaet.

    1995 wurde das Ende des ,Sonderwegs" eingelaeutet

    Die Ende vorigen Jahres erschienene Denkschrift der Bildungskommission NRW ,Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft", durch den Ministerpraesidenten des Landes in Auftrag gegeben, erhaelt als ihre zentrale Aussage die eindeutige Diagnose: Dieses Bildungssystem ist an seinem Ende angelangt, der deutsche Sonderweg ist beendet - in 0st und West, in den alten wie in den neuen Bundeslaendern. Statt ueberschaubare, fuer Eltern und Schueler erkennbare, fuer alle zugaengliche Bildungsangebote mit jeweils gleichwertigen Abschluessen und den mit ihnen verbundenen Berechtigungen wird in der Denkschrift die Autonomie der einzelnen Schule gefordert; statt der Qualitaet der Abschluesse wird deren relative Bedeutungslosigkeit fuer den Arbeitsmarkt und das Bildungssystem als unausweichliche Entwicklung hingenommen. Nuechtern, ohne Sentimentalitaet, stellt der Bericht fest: ,Nicht die Arbeit geht der Gesellschaft aus, es besteht vielmehr ein Mangel an hochproduktiver und hochbezahlter Erwerbsarbeit. Ein relativ konstanter Teil der Erwerbstaetigen wird nicht in den Arbeitsmarkt integriert werden koennen'; ,selbst bei optimistisch unterstellten Wachstumsraten [muss] bis weit ueber die Jahrtausendwende hinaus mit einer anhaltend hohen Arbeitslosigkeit gerechnet werden".

    Freizeitkompetenz fuer Arbeitslose

    Vom deutschen Bildungsprinzip verbleibt die Aufforderung an die Kultusminister, fuer die zukuenftigen Arbeitslosen Freizeitkompetenz zu vermitteln, die es dem einzelnen ermoeglichen soll, ,auch Zeiten der Nichtbeschaeftigung ... produktiv zu nuetzen".

    Bildung - ein Artikel fuer Flohmaerkte

    Ja, wir scheinen, wie es in einem Leitartikel der ZEIT vom 17. Mai 1996 heisst, Humboldts Erbe verspielt zu haben. Das deutsche Bildungssystem ,versinkt lautlos im Sumpf, doch wen kuemmert dies schon?" ,Alle sehen zu, entsetzt und gelaehmt: der Staat, der ... weniger in die Bildung als Zukunftsressource investiert als andere reiche Nationen", ,die Gesellschaft, bedrueckt von den Sorgen ums Hier und Heute, verschwendet kaum einen Gedanken an die Zukunft, es sei denn, es geht um die Renten." Und schliesslich die Bildungsinstitutionen selbst, deren Traeger in Resignation oder Privatisierung ausweichen. Bildung wird zum Artikel der ,Flohmaerkte" der Universitaeten, der Schulen und der Einrichtungen der Erwachsenenbildung - historische Reminiszenz oder Freizeitspass; Wissen verkommt zur Meinung, Bildungsprozesse zur Teilhabe am Talkshow-Geschwaetz.

    Adorno und die Krux der Halbbildung

    ,Der Sinn von Bildung kann nicht getrennt werden von der Einrichtung der menschlichen Dinge", Bildung, die davon absieht, formuliert Theodor W. Adorno in seiner "Theorie der Halbbildung", wird zur Ideologie. Bildung und Gesellschaft, d.h. die Einordnung der menschlichen Dinge, sind aufeinander bezogen. Fuer Adorno besteht das spezifisch Gesellschaftliche im UEbergewicht von Verhaeltnissen ueber die Menschen, deren Produkte und nicht deren Subjekte sie seien. Fuer Adorno liegen die Probleme in der Struktur des Bildungssystems und der Gesellschaft, d.h. in der Verweigerung von Chancengleichheit.

    Neue Losung: Perspektiven umdrehen

    Muessen wir nicht diese Perspektive umdrehen? Bevor das Bildungssystem, das inzwischen das Prinzip der Chancengleichheit ins Absurde getrieben hat, reformiert werden kann, bedarf es der Reformulierung und Rekonstitution des deutschen Bildungsprinzips als Anspruchs- und Zieldimension. Bildung erfordert die ungeheure und permanente Anstrengung des einzelnen so sehr wie die soziale Absicherung ihrer gesamtgesellschaftlichen Wertigkeit.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Politik, Recht
    überregional
    Es wurden keine Arten angegeben
    Deutsch


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