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04.05.2010 13:27

Richtig oder Falsch – Helfen einfache Faustregeln bei komplexen moralischen Entscheidungen?

Dr. Petra Fox-Kuchenbecker Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

    Max-Planck-Wissenschaftler beteiligen sich an internationalem Netzwerk zur Erforschung moralischer Werte

    Wissenschaftler des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung haben einen mit 200.000 US Dollar dotierten Forschungspreis der Universität Chicago gewonnen. Zusammen mit 18 weiteren Preisträgern aus Philosophie, Neurowissenschaften und Ökonomie beteiligen sie sich am internationalen Forschungsnetz The New Science of Virtues Project.

    Moralische Entscheidungen folgen oft einfachen Entscheidungsmustern
    Informationsflut und Zeitdruck bestimmen mehr und mehr unseren Alltag. Gefragt sind schnelle Entscheidungen – aber sind dies auch die „richtigen“ Entscheidungen? Orientierung bieten moralische Werte. Sie geben Standards vor, anhand derer Menschen ihr eigenes Handeln ausrichten und bewerten können und so schnelle Entscheidungen über Richtig und Falsch ermöglichen. „Es scheint bei vielen Menschen ein intuitives Wissen darüber zu geben, was Richtig und was Falsch ist. Wertvorstellungen und Tugenden können also helfen, zu schnellen Entscheidungen in komplexen Alltagssituationen zu kommen – ähnlich, wie wir es von sogenannten Faustregeln her kennen,“ erläutert der Psychologe Julian Marewski, der zusammen mit Edward Cokely und Adam Feltz die Studie am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung leitet. „Gute Entscheidungen sind oft das Ergebnis einfacher heuristischer Prozesse, insbesondere wenn es sich um komplexe Sachverhalte handelt. Wir gehen davon aus, dass auch moralische Entscheidungsprozesse diesem Muster folgen und wollen die daraus entstehenden sozialen, ökonomischen und gesellschafts-politischen Implikationen aufzeigen“, ergänzt Gerd Gigerenzer, Direktor des Forschungsbereichs Adaptives Verhalten und Kognition am MPI für Bildungsforschung.

    Kleine Ursache, große Wirkung
    Welch gravierenden Einfluss die Anwendung von Heuristiken auf das Ergebnis komplexer Entscheidungsprozesse haben kann, zeigt folgendes Beispiel. Seit 1955 sind 50.000 US Bürger gestorben, während sie auf die Transplantation eines Spenderorgans warteten. Denn obwohl die meisten Amerikaner das Spenden von Organen gutheißen, willigt nur rund jeder Vierte auch tatsächlich in eine Organspende ein. In Frankreich dagegen liegt die Spenderrate bei annähernd 99,9%. Verantwortlich für diesen Unterschied scheinen nicht kulturelle oder moralische Unterschiede zu sein. Vielmehr scheinen Amerikaner und Franzosen derselben Faustregel (Heuristik) zu folgen die besagt: Weiche nicht vom Standard ab. Während per Gesetz jeder US-Amerikaner ein Nicht-Spender ist, der aktiv einer Organspende zustimmen muss, sind alle Franzosen Spender, die einer Organspende selbst widersprechen müssen.

    Heuristiken sind Strategien, die mit nur wenigen Informationen arbeiten und den Rest ignorieren. Sie helfen dem Gehirn, komplexe Probleme in kurzer Zeit zu lösen. Die Studie wird moralische Entscheidungsprozesse mit wissenschaftlichen Methoden untersuchen und die Ergebnisse mit den Erkenntnissen der Heuristikforschung zusammenführen.

    „The Heuristics of Virtue – Integrating Virtue Ethics and the Science of Virtues”

    Studienleiter:
    Edward Cokely, Ph.D., Psychologie, MPI für Bildungsforschung, (Principal Investigator)
    Adam Feltz, Ph.D., Philosophie, Schreiner University, Texas, (Co-Principal Investigator)
    Dr. Julian Marewski, Psychologe, MPI für Bildungsforschung, (Co-Principal Investigator)

    Teammitglieder:
    Florian Artinger, M.Sc., Ökonomie&Management, MPI für Bildungsforschung
    Nadine Fleischhut, M.A., Philosophie, MPI für Bildungsforschung
    Mirta Galesic, Ph.D., Psychologie, MPI für Bildungsforschung
    Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Psychologe, Direktor am MPI für Bildungsforschung
    Prof. Dr. Monika Keller, Psychologin, MPI für Bildungsforschung
    Jeffrey R. Stevens, Ph.D., Biologie, MPI für Bildungsforschung

    MPI für Bildungsforschung
    Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wurde 1963 in Berlin gegründet und ist als interdisziplinäre Forschungseinrichtung dem Studium der menschlichen Entwicklung und Bildung gewidmet. Das Institut gehört zur Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V., einer der führenden Organisationen für Grundlagenforschung in Europa.


    Weitere Informationen:

    http://www.mpib-berlin.mpg.de
    http://www.mpg.de
    http://scienceofvirtues.org/
    http://scienceofvirtues.org/Arete/Cokely.aspx


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Biologie, Pädagogik / Bildung, Psychologie
    überregional
    Forschungsprojekte, Kooperationen
    Deutsch


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