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07.05.1996 00:00

Die anatomische Sammlung in Jena

Axel Burchardt Abteilung Hochschulkommunikation/Bereich Presse und Information
Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Die anatomische Sammlung der Jenaer Universitaet, Anatomische Lehrsammlung und "Museum anatomicum Jenense" nach Neugestaltung wiedereroeffnet

    Die anatomische Sammlung der Jenaer Universitaet blickt heute auf eine ueber 200jaehrige Tradition und wechselvolle Geschichte zurueck. Keimzelle ist das Ende des 18. Jahrhunderts entstandene Herzogliche Museum, das in elf Zimmern des alten Jenaer Stadtschlosses zum Nutzen und Gebrauch der Jenaischen Hohen Schule aufgestellt wurde. Dieses sogenannte "Carl-August-Museum" war aus der Herzoglich-Saechsischen Kunst- und Naturalienkammer, die 1779 von Weimar nach Jena verlegt wurde, und dem NaturalienKabinett eines universell Gelehrten der Jenaer Universitaet, Johann Ernst Immanuel Walch (1725-1778), hervorgegangen. Das Museum gliederte sich nach der damals herrschenden Anschauung von den drei "Reichen der Natur" in ein botanisches, ein zoologisches und ein mineralogisches Kabinett. Die Gruendung geht auf den damaligen naturwissenschaftlich interessierten Landesherren Carl August und seinen geheimen Rat, Johann Wolfgang von Goethe, sowie den Leibarzt des Herzogs und Professor fuer Anatomie und Chirurgie in Jena, Justus Christian Loder, zurueck. Diesem wurde auch die Oberaufsicht ueber das Museum uebertragen. Professoren, die damals Anatomie lehrten, demonstrierten ihre Sammlungsgegenstaende Studenten und gebildeten Laien als Mittel der Belehrung und Ergoetzung. OEffentliche Schaubuehne war das "Anatomische Theater", das in Jena im Jahre 1750 auf dem "Rondel am suedwestlichen Eck der Stadtmauer" errichtet wurde. Auch Loder legte sich eine anatomische Sammlung zu, die in den 25 Jahren seines Wirkens auf ueber 4 000 Objekte anwuchs. Als er Jena im Jahre 1803 verliess und seine Sammlung mitnahm, sorgten der Herzog, vor allem aber sein Staatsminister Goethe fuer eine neue Sammlung und verhalfen so der Anatomie zu neuem Leben. Aus Resten der Loder'schen Sammlung und Stuecken des "Carl-August-Museums" sowie durch Ankauf privater Sammlungen wurde im Jahre 1804 das anatomische Kabinett neu begruendet und als anatomisches Museum eingerichtet. Es durfte von der Universitaet genutzt werden, unterstand aber als herzogliche Einrichtung einer staatlichen Oberaufsichtsbehoerde und musste bei Abgang eines Professors in Jena verbleiben. Im Jahre 1858 wurde das "Anatomische Theater", das in zunehmendem Masse auch fuer studentische Praeparieruebungen genutzt wurde, aus dem bisherigen Rundgebaeude auf dem Loebdergraben in das bis dahin als Bibliothek genutzte, zum Collegium Jenense gehoerige Gebaeude verlegt. Auch die Sammlungsobjekte, die im Jenaer Schloss untergebracht waren, wurden in das neue, bis heute genutzte Anatomiegebaeude verlegt. So entstand die sogenannte anthropotomische-zootomische Sammlung. Diese umfasste neben dem 1804 gegruendeten anatomischen Kabinett zwei weitere schaetzenswerte Sammlungen: die 1808 gegruendete osteologisch-zoologische Sammlung und die zootomische Sammlung, die mit der Gruendung der Veterinaerschule im Jahre 1816 entstanden war. Anatomisches, osteologisch-zoologisches und zootomisches Kabinett bildeten von nun an die drei Saeulen einer fuer die Lehre deskriptiver und vergleichender Anatomie hochgeschaetzen Sammlung.

    Die anatomische Sammlung heute

    In Jena waren ueber mehrere Generationen Sammlungsobjekte zusammengetragen worden, doch der Wert der Sammlung veraenderte sich mit dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die rasanten Fortschritte, die die normale und pathologische Anatomie bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert vor allem auf mikroskopischen Gebiet erfuhren, liessen das Interesse an den Sammlungen allmaehlich schwinden. Bis zum Beginn des 2. Weltkrieges nutzte man sie noch intensiv fuer wissenschaftliche Arbeiten; dann setzte jedoch eine bedauerliche Rueckentwicklung ein. Grosse Teile der Sammlung wurden ausgelagert und unbrauchbar erscheinende Sammlungsgegenstaende vernichtet. Objekte zur vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere wurden an das Phyletische Museum uebergeben. In der Jenaer Anatomie verblieben vor allem diejenigen Sammlungsgegenstaende, die fuer die Wissensvermittlung der Anatomie des Menschen benoetigt wurden. Die noch vorhandenen, zum Teil sehr wertvollen Reste der einst so grossen Sammlung befinden sich heute in den historisch aeltesten Raeumen der Gruendungsstaette der Universitaet. Diese sind aus dem Refektorium des ehemaligen Dominikanerklosters, das im Jahre 1525 aufgeloest wurde, hervorgegangen. Das in zwei Schiffe geteilte gotische Gewoelbe beherbergte zunaechst drei Jahrhunderte lang Pulte und Regale mit den Schaetzen der Jenaer Universitaetsbibliothek. Im Jahre 1994 begann die Restaurierung dieser unter Denkmalschutz stehenden Raeume und der darin befindlichen Sammlung. Historische Sammlungsschraenke aus dem 19. Jahrhundert wurden wieder instandgesetzt und vorhandene Portraetbuesten restauriert. Auch die alten, handschriftlich verfassten Sammlungsverzeichnisse, die bis in die Goethezeit zurueckreichen, sind zur Sammlung zurueckgefuehrt und restauriert worden. Eine Wappentafel, die seit ueber 100 Jahren das Eingangsportal der Sammlung ziert und seit wenigen Wochen wieder in ihren alten Farben zu bewundern ist, erinnert an den grossen Mediziner Werner Rolfinck (1599-1673), der in Jena die ersten oeffentlichen Leichensektionen durchfuehrte. Aus Anlass der in Jena tagenden 91. Versammlung der Anatomischen Gesellschaft wurde Ende Maerz diesen Jahres die neugestaltete anatomische Sammlung eroeffnet. Sie gliedert sich, ihrem jetzigen Charakter und Verwendungszweck entsprechend, in eine anatomische Lehrsammlung und das "Museum anatomicum Jenense". Die Lehrsammlung wird im "Rolfinck-Saal" in neuen Vitrinen - nach Organsystemen gegliedert - praesentiert. Sie besteht vor allem aus in Konservierungsloesung aufbewahrten Organen und Koerperteilen des Menschen sowie Praeparaten zur normalen und gestoerten vorgeburtlichen Entwicklung. Im "Goethe-Saal" sind die musealen Sammlungsobjekte in historischen Sammlungsvitrinen aufgestellt: ausgewaehlte Stuecke der Skelett- und Schaedelsammlung, Trockenpraeparate, Wachsplatten-Rekonstruktionsmodelle und andere beeindruckende Zeitzeugen der Sammlungsgeschichte. Im Mittelpunkt des "Museum anatomicum Jenense" stehen die sogenannten "Zwischenkiefer-Praeparate". Sie erinnern an Johann Wolfgang von Goethe, der bis ins hohe Alter mit der Anatomie in Jena auf das engste verbunden war. Er hat sich dabei hohe Verdienste erworben, zu denen nicht nur das Auffinden des Zwischenkieferknochens beim Menschen gehoert, sondern auch seine Wirbel-Schaedel-Theorie, die Gruendung der Veterinaerschule und vor allem seine Fuersorge fuer den Wiederaufbau der anatomischen Sammlung, als deren Neubegruender er gilt.

    Kontakt: Institut fuer Anatomie, Dr. Rosemarie Froeber, Tel.: (03641)6 31396


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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin
    überregional
    Es wurden keine Arten angegeben
    Deutsch


     

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