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16.12.2010 15:50

Überraschung im Wissenstest

Gunnar Bartsch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Jugendliche mit Migrationshintergrund wissen genauso viel über Demokratie wie deutsche. Das zeigt eine aktuelle Studie der Universitäten Würzburg, Hamburg und Mannheim. Das Ergebnis hat die Forscher überrascht. Schließlich haben sie vor Kurzem in einer ähnlichen Untersuchung an Grundschülern noch deutliche Wissensunterschiede zwischen diesen Gruppen festgestellt.

    Wer die Migrationsdebatten in diesem Jahr verfolgt hat, konnte bisweilen den Eindruck gewinnen, dass Migranten selten dazu bereit seien, deutsche Normen und Gesetze zu akzeptieren. Ihre Wertvorstellungen und Auffassungen von politischer Machtverteilung seien nicht vereinbar mit dem Grundgesetz, hieß es von vielen Seiten. Eine Studie der Universitäten Würzburg, Hamburg und Mannheim bei über 1.500 Jugendlichen aus Bayern und Hamburg zeigt hingegen, dass Jugendliche mit einem Migrationshintergrund über demokratische Prozesse genauso gut Bescheid wissen wie Jugendliche deutscher Herkunft.

    Das Besondere an diesen Ergebnissen ist: Während bei Kindern mit Migrationshintergrund noch deutliche Wissensrückstände bestehen, gleichen sich diese Unterschiede zu deutschen Jugendlichen am Beginn der Jugendphase aus. Für die Wissenschaftler ein überraschendes Ergebnis: „Wir hatten nicht erwartet, dass die Jugendlichen annähernd gleich viel über demokratische Prozesse wissen“, kommentiert der Würzburger Bildungsforscher und Projektleiter Professor Heinz Reinders den Befund.

    Der Test und die Ergebnisse

    Für die Studie mussten die Jugendlichen einen Wissenstest mit Fragen rund um das Thema „Demokratie“ bearbeiten. Dabei ging es beispielsweise um die die Häufigkeit von Bundestagswahlen, die gesetzgebenden Institutionen in Deutschland oder um Meinungs- und Religionsfreiheit. Für die Antworten gab es Punkte auf einer Skala von 0 (kein Wissen) bis 10 (hohes Wissen).

    Jugendliche mit Migrationshintergrund erreichten auf dieser Skala einen Durchschnittswert von 6,2 Punkten. „Sie können noch viel über Demokratie lernen“, erläutert Reinders den Befund. Allerdings: „Auch deutsche Jugendliche erreichen nur einen Wert von 6,3. Und dieser Unterschied ist im statistischen Sinn völlig unbedeutend“, so Reinders weiter. Selbst Jugendliche mit türkischer Herkunft, die in der neuesten PISA-Studie besonders schlecht abschneiden, stehen ihren Altersgenossen im politischen Wissen in nichts nach. Sie erreichen bei dem Test einen Wert von 6,1, was statistisch gesehen ebenfalls dem allgemeinen Durchschnitt aller Jugendlichen entspricht.

    Wie Jugendliche Medien nutzen

    Auf der Suche nach Erklärungen für dieses Ergebnis haben sich die Wissenschaftler angesehen, auf welchen Wegen sich die Jugendlichen über Politik informieren. „Die gehen natürlich alle in die Schule und lernen in entsprechenden Fächern etwas über das demokratische System Deutschlands“, so Reinders. Allerdings weisen Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund andere Schwerpunkte bei der Mediennutzung auf.

    Bei deutschsprachigen Medien ist die Rangordnung klar: 71,6 Prozent aller Jugendlichen informieren sich häufig oder sehr häufig über Politik durch das Fernsehen, 40 Prozent nutzen hierzu das Internet und 38 Prozent lesen Tageszeitungen.

    Hier zeigen sich allerdings deutliche Unterschiede im Nutzungsverhalten je nach Herkunft. Während Jugendliche mit Migrationshintergrund zu 76 Prozent insbesondere das deutschsprachige Fernsehen einschalten, sind es bei deutschen Jugendlichen nur 65 Prozent, ein statistisch bedeutsamer Unterschied. Auch das Internet als Informationsquelle ist bei Migrantenjugendlichen (49 Prozent) beliebter als bei deutschen Gleichaltrigen (27 Prozent). Demgegenüber lesen deutsche Jugendliche häufiger Tageszeitungen (40 gegenüber 35 Prozent).

    Reinders sieht in der Art des Medienkonsums durchaus Zusammenhänge zu den in der PISA-Studie festgestellten Unterschieden in der Lesekompetenz. „Wenn ich nicht so gut darin bin, deutsche Texte zu lesen, dann bieten sich das Fernsehen und kurzweiligere Internetseiten natürlich eher an als Zeitungen“, meint Reinders und ergänzt, dass gleichwohl die Feststellung wichtig sei, dass die Migrantenjugendlichen deutschsprachige Medien intensiv nutzten.

    Deutsche Medien stehen an oberster Stelle

    Damit räumt die Untersuchung auch mit Klischees über Migranten auf, die angeblich nur Fernsehsender ihres Herkunftslandes einschalten beziehungsweise „heimatliche“ Zeitungen lesen. Zumindest bei Jugendlichen sind türkisches, russisches oder italienisches Fernsehen via Satellitenschüssel deutlich weniger beliebt. Zwar bezieht mit 59 Prozent noch die Mehrzahl von ihnen politische Informationen aus dem Fernsehen des Herkunftslandes, allerdings bleibt dieser Wert deutlich hinter den bereits genannten 76 Prozent zurück, die deutsche Fernsehsendungen schauen.

    Auch Tageszeitungen des Herkunftslandes werden mit 29 Prozent deutlich seltener als deutsche gelesen. Auch für diese Unterschiede macht Reinders die Sprachkompetenz verantwortlich. Türkisches oder spanisches Fernsehen zu verstehen, setze eben die entsprechenden sprachlichen Fähigkeiten voraus. Es sei nichtsdestotrotz „ein spannender Befund der Studie“, dass deutschsprachige Medien von Migrantenjugendlichen häufiger genutzt werden.

    Deutsche Politiker sind wenigen bekannt

    Das überraschende Ergebnis der Studie, dass sich zwischen den beiden Gruppen keine Unterschiede im politischen Wissen finden lassen, hat den Wissenschaftlern keine Ruhe gelassen. Deshalb haben sie auch noch untersucht, wie bekannt deutsche Politiker bei den Jugendlichen sind.

    So erkannten zwar 93,2 Prozent der deutschen Jugendlichen Angela Merkel auf einem Bild. Mit 82,2 Prozent waren es bei den Migrantenjugendlichen deutlich weniger. „Ich denke nicht, dass einige andere Politiker wissen wollen, wie unbekannt sie bei Jugendlichen sind“, sagt Reinders mit einem Augenzwinkern. Den zum Zeitpunkt der Befragung amtierenden Bundespräsidenten Horst Köhler erkannten nur fünf Prozent der deutschen und zwei Prozent der nicht-deutschen Jugendlichen. Auch die mittlerweile nicht mehr als Regierungschefs tätigen Ole von Beust und Günther Beckstein wurden nur von sieben Prozent der nicht-deutschen beziehungsweise zehn Prozent der deutschen Jugendlichen richtig erkannt. Insgesamt waren die Gesichter der erfragten Politiker deutschen Jugendlichen etwas vertrauter. Auch kennen deutsche Jugendliche im Schnitt 2,5 Parteien, während Jugendliche mit Migrationshintergrund im Schnitt nur 1,5 Parteien nennen konnten.

    Alles in allem, resümiert Reinders, sei zwar das Wissen über Politikernamen und Parteien bei Migrantenjugendlichen geringer. Wie aber eine Demokratie funktioniert, wüssten alle Jugendlichen unabhängig von ihrer Herkunft in gleichem Maße. Weil eine frühere Studie mit Grundschülern gezeigt hatte, dass Migrantenkinder in der Grundschule noch deutlichen Aufholbedarf im politischen Wissen haben, hat dieser fehlende Unterschied bei Jugendlichen die Wissenschaftler überrascht. „Wir müssen da offen zugeben, dass wir hierfür noch keine schlüssige Erklärung haben. Wir waren einfach zu überrascht“, so Reinders.

    Die Studie

    Befragt wurden 1.577 Sechstklässler an Hauptschulen (40,3 Prozent), Realschulen (22,8 Prozent), Gesamtschulen (3,3 Prozent) sowie Gymnasien (8,6 Prozent) in Bayern und Hamburg im Frühjahr 2010. Die Stichprobe umfasst 53 Prozent Mädchen und 47 Prozent Jungen, 59 Prozent aller befragten Jugendlichen haben einen Migrationshintergrund. Innerhalb der Migrantenjugendlichen stellt den größten Teil die Gruppe türkischer Herkunft (37,9 Prozent), gefolgt von Jugendlichen aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens (11,2 Prozent).

    Kontakt
    Prof. Dr. Heinz Reinders, T: (0931) 31-85563, E-Mail: heinz.reinders@uni-wuerzburg.de


    Weitere Informationen:

    http://www.bildungsforschung.uni-wuerzburg.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Gesellschaft, Medien- und Kommunikationswissenschaften, Pädagogik / Bildung
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Prof. Heinz Reinders


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