idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo
Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
27.01.2011 20:01

Out of Africa - früher als bisher angenommen

Michael Seifert Hochschulkommunikation
Eberhard Karls Universität Tübingen

    Neue Funde belegen, dass der „Anatomisch Moderne Mensch“ Afrika viel früher verlassen hat, als bisher angenommen

    BITTE BEACHTEN SIE UNBEDINGT DIE SPERRFRIST VON „SCIENCE“: KEINE VERÖFFENTLICHUNG VOR DEM 27. JANUAR 2011, 20 UHR (MEZ)

    Ein internationales Wissenschaftlerteam um Prof. Hans-Peter Uerpmann von der Eberhard Karls Universität Tübingen hat die bisher verbreitete Ansicht widerlegt, dass anatomisch moderne Menschen vor etwa 70.000 Jahren von Afrika über Arabien nach Südasien eingewandert seien. Die neuen Daten belegen, dass dies schon gut 50.000 Jahre früher geschah und dass moderne Menschen schon vor etwa 125.000 Jahren den Südosten Arabiens erreicht hatten. ‚Anatomisch moderne’ Menschen – unsere direkten Vorfahren – entstanden vor etwa 200.000 Jahren in Afrika und haben in der Folgezeit den Rest der Welt bevölkert.

    Die neue Studie, die am 28. Januar in Science erscheint, berichtet über Funde eines langjährigen Grabungsprojekts am Jebel Faya in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das von Prof. Uerpmann geleitete Grabungsprojekt erreichte dort 2006 paläolithische (altsteinzeitliche) Schichten. Die sich anschließenden Laboruntersuchungen in Tübingen, Oxford und London führten zu den jetzt publizierten Resultaten.

    Prof. em. Anhthony Marks von der Southern Methodist University in Dallas (USA) und Dr.Vitaly Usik vom Archäologischen Institut der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften in Kiew untersuchten die paläolithischen Steinwerkzeuge vom Jebel Faya in Tübingen und kamen zu dem Ergebnis, dass diese technologisch denjenigen gleichen, die in Ostafrika von frühen modernen Menschen hergestellt wurden. Sie unterscheiden sich klar von solchen, die zu vergleichbaren Zeiten weiter nördlich in Arabien, in der Levante oder in Iran erzeugt worden sind. Dies ist ein klarer Hinweis darauf, dass frühe moderne Menschen direkt von Afrika nach Arabien eingewandert sind, und nicht wie früher angenommen durch das Niltal nach Norden und von dort weiter über den Nahen Osten nach Asien und Europa.

    Zwei wesentliche Hindernisse liegen auf dem Weg zwischen Ostafrika und dem Jebel Faya: zum einen das südliche Rote Meer und zum anderen das flache, wasserlose Nedj-Plateau, das sich von der innerarabischen Wüste bis zum Indischen Ozean erstreckt. Prof. Adrian Parker von der Oxford Brookes Universität hat Daten zu Veränderungen des Meeresspiegels und des Klimas der Region untersucht. Er kommt zu dem Schluss, dass in der frühen Vergangenheit der direkte Verbindungsweg während kurzer Zeitspannen begehbar gewesen sein muss: Während der Eiszeiten waren große Wassermassen im Inlandeis gebunden, was zur Absenkung des Meeresspiegels geführt hat. In solchen Zeiten verengt sich die Meeresstraße „Bab al-Mandab“ am Südende des Roten Meeres beträchtlich, sodass sie leichter zu überwinden war. Andererseits führten natürliche Klimaveränderungen am Ende von Eiszeiten zu verstärkten Niederschlägen über dem Nedj-Plateau und machten diese Gegend bewohnbar. Prof. Parker erklärt: „Vor 130.000 Jahren war der Meeresspiegel noch rund 100 Meter tiefer als heute, während das Nedj-Plateau bereits passierbar war. Es gab einen kurzen Zeitraum, in dem frühe moderne Menschen in der Lage waren, den direkten Weg zwischen Ostafrika und Jebel Faya zu benutzen.“

    Dr. Simon Armitage vom Royal Holloway College der Universität London errechnete das Alter der Steinwerkzeuge vom Jebel Faya mit Hilfe einer Methode, die Lumineszenz-Datierung genannt wird. Seine Altersbestimmung zeigt, dass moderne Menschen bereits vor etwa 125.000 Jahren am Jebel Faya waren – unmittelbar nach der Zeit, in der sowohl die Meerenge Bab al-Mandab wie auch die Wüste des Nedj-Plateaus passierbar waren. Er sagt: „Archäologie ohne genaue Altersbestimmungen ist wie ein Puzzle, dem die Verbindungsstücke fehlen – man hat viele Einzelinformationen, aber man kann sie nicht zu einem Gesamtbild zusammenbringen.“

    Am Jebel Faya enthüllen die Datierungen zusammen mit den Grabungsbeobachtungen und Artefaktstudien ein faszinierendes Bild des frühen modernen Menschen, der – unterstützt durch globale Meeresspiegelschwankungen und Klimaveränderungen in Arabien – Afrika viel früher verlassen hat als bisher angenommen. Diese Ergebnisse werden zu einer Neubewertung der Mittel und Wege führen, mit deren Hilfe der moderne Mensch zur „Globalen Spezies“ geworden ist.

    Informationen zur Grabung und zu den Autoren:

    Die Untersuchungen am Jebel Faya wurden von Hans-Peter Uerpmann gemeinsam mit Margarethe Uerpmann und Sabah A, Jasim geleitet. Die archäologische Bewertung der paläolithischen Steinwerkzeuge erfolgte in Tübingen durch Anthony Marks und Vitaly Usik. Umweltgeschichtliche Untersuchungen vor Ort und im Labor in Oxford wurden von Adrian Parker durchgeführt, während Simon Armitage in London die Lumineszenz-(OSL)-Datierung durchführte. Die Grabungen wurden von der Regierung des Emirats Sharjah finanziert. Zu den Laboruntersuchungen haben außer den beteiligten Universitäten das ROCEEH-Projekt der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, die Humboldt-Stiftung und die Deutsche Forschungsgemeinschaft beigetragen.

    Adressen:
    Prof. i. R. Dr. Hans-Peter Uerpmann: Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie, Universität Tübingen, Rümelinstr. 23, D-72074 Tübingen.

    Dr. Margarethe Uerpmann: Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie, Universität Tübingen, Rümelinstr. 23, D-72074 Tübingen.

    Dr. Sabah A. Jasim: Directorate of Antiquities, Department of Culture and Information, Government of Sharjah, United Arab Emirates.

    Prof. em. Anthony E. Marks: Department of Anthropology, Southern Methodist University, 3225 Daniel Avenue, Heroy Building 408, Dallas, TX 75275, U.S.A.

    Dr. Vitaly Usik: Archaeological Museum, Institute of Archaeology, National Academy of Sciences, B. Khmelnitsky Str. 15, 01030 Kiew, Ukraine.

    Professor Adrian Parker: Department of Anthropology and Geography, School of Social Sciences and Law, Oxford Brookes University, Headington, Oxford, OX3 0BP, United Kingdom.

    Dr. Simon Armitage: Department of Geography, Royal Holloway College, University of London, Egham, Surrey, TW20 0EX, United Kingdom.

    Kontakt:
    Prof. Dr. Hans-Peter Uerpmann
    Universität Tübingen
    Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie
    hans-peter.uerpmann [at] uni-tuebingen.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Geowissenschaften, Geschichte / Archäologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).

    Cookies optimieren die Bereitstellung unserer Dienste. Durch das Weitersurfen auf idw-online.de erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung
    Okay