Frühneuzeitliche Wege der Selbstbefriedung, die weit in die jüngste Geschichte hineinwirken

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05.02.2011 20:47

Frühneuzeitliche Wege der Selbstbefriedung, die weit in die jüngste Geschichte hineinwirken

Klaus P. Prem Presse - Öffentlichkeitsarbeit - Information
Universität Augsburg

    Eine Zwischenbilanz ihrer Arbeit zogen die Forscherinnen und Forscher des BMBF-geförderten Augsburg-Mainz-Stuttgart-Verbundprojekts "Übersetzungsleistungen von Diplomatie und Medien im vormodernen Friedensprozess" jüngst am Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg.

    Augsburg/WW/KPP - Wie im frühneuzeitlichen Europa Kriege entstanden und geführt wurden, ist recht gut erforscht. Die Erforschung des Friedens und der Friedenskultur steckt dagegen noch in den Anfängen. Diese Lücke schließen zu helfen, hat sich ein vom Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg (IEK), dem Institut für Europäische Geschichte in Mainz und der Staatsgalerie Stuttgart getragenes Forschungsprojekt vorgenommen. Seit 2009 in erheblichem Umfang durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert, hat dieses Verbundvorhaben die an ihm beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jüngst in Augsburg zu seinem zweiten Koordinationsworkshop versammelt.

    Am IEK zogen die an dem Verbundprojekt "Übersetzungsleistungen von Diplomatie und Medien im vormodernen Friedensprozess" beteiligten Forscherinnen und Forscher eine Zwischenbilanz ihrer bisherigen Arbeit und entwickelten neue Untersuchungsperspektiven. Die in Augsburg erarbeitete Dokumentation der Verhandlungs- und Vertragssprachen von mehr als 2000 Friedensschlüssen zwischen 1450 und 1789 wurde weiter vervollständigt und analysiert. Die Untersuchung der wechselnden Anforderungen an Diplomaten, einschlägige Sprachen zu beherrschen, und der komplizierten Entstehung des Dolmetscherwesens erfuhr weitere Vertiefung. Andere Teilprojekte des von den Augsburger Professoren Johannes Burkhardt (em. Ordinarius für Geschichte der Frühen Neuzeit) und Wolfgang E. J. Weber (Geschäftsführender Direktor des IEK) geleiteten Unternehmens legten neue Erkenntnisse zur Verbreitung der Friedensverträge in der europäischen Öffentlichkeit, zu deren politisch-juristischer Verarbeitung und Tradierung, zur Entstehung, Erscheinungsform und Wirkung bestimmter Vertragssammlungen sowie zum Alltag und zur professionellen Tätigkeit der Diplomaten vor.

    Schon seit 1500 die Angelegenheit von Expertengruppen

    Die wichtigsten frühneuzeitlichen europäischen Friedenssprachen waren nach diesen systematisch und exemplarisch erarbeiteten Befunden Latein und Französisch, aber auch Deutsch. Neben einsprachigen und in den Sprachen der jeweils Beteiligten je spezifisch ausgefertigten Verträgen gab es auch eine hohe Zahl von Friedensvereinbarungen, die in eigenen Textspalten zwei Vertragssprachen einander gegenüberstellten. Die Kenntnis der großen Friedensschlüsse zumindest bei den europäischen Eliten war größer als vielfach vermutet. Sie wurde auch durch entsprechende bildliche Darstellungen unterstützt. Schon früh entstanden effizienzträchtige Verfahren, Regeln und Muster der Friedensstiftung und der Friedensvertragsformulierung. Diplomatie, Übersetzung und Friedenskommunikation wurden schon seit um 1500 routinisiert und professionalisiert und somit zu Angelegenheiten von Expertengruppen. Während anfangs die zeremonielle Bestätigung des Konfliktendes und der damit verknüpften Regelungen im Vordergrund stand, kam es später zunehmend stärker auf die politisch-rechtlichen Vereinbarungen und damit den Vertragstext in seinem genauen Wortlaut selbst an, ohne dass auf feierliche Unterzeichnungen, öffentliche Bekanntmachung und ästhetisch-symbolische Gestaltung der jeweiligen Verträge vollständig verzichtet wurde.

    Bis in die Gegenwart hineinwirkende Mittel der Selbstbefriedung

    Davon erhalten haben sich bis heute z. B. die feierliche Inszenierung von Vertragsabschlüssen und die Unterzeichnung derartiger Verträge mit besonders kostbarem Schreibgerät. "Europa", so Weber, "verstand es trotz seiner vielfältigen herrschaftlichen und konfessionellen Zerrissenheit bereits in der Frühen Neuzeit also, sich Wege und Mittel der Selbstbefriedung zu erarbeiten, die weit in die jüngste Geschichte hinein wirkten, auch wenn sie unserem historischen Gedächtnis schon fast entschwunden sind."
    ___________________________

    Ansprechpartner:

    Prof. Dr. Wolfgang E. J. Weber
    Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg
    86135 Augsburg
    Telefon 0821/598-5842
    wolfgang.weber@iek.uni-augsburg.de


    Weitere Informationen:

    http://www.uni-augsburg.de/institute/iek/html/iek_projekte_Übersetzungsleistunge... - Projekthomepage


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie, Kulturwissenschaften
    überregional
    Forschungsprojekte, Kooperationen
    Deutsch


    „Friedens-Gedaechtnuß/ fuer die Evangelische Schuljugend in Augspurg/ bey widerholtem Danck- und Frieden-Fest/ den 14. Augusti 1652. außgetheilet“ Zum 100jährigen Jubiläum des Passauer Friedensvertrags werden unter dem Reichsadler König Ferdinand I. (der 1552 den Vertrag unterzeichnete) und der 1652 regierende Kaiser Ferdinand III. als Friedensfreunde dargestellt. Auf der linken Seite sieht man die evangelische Schuljugend. Die Reiter rechts versinnbildlichen die überwundenen Kriegsschrecken Pest, Hunger und Tod.


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