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18.03.2011 14:04

Unverständliche Wahlprogramme: Die meisten Parteien in Rheinland-Pfalz schreiben am Wähler vorbei

Florian Klebs Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universität Hohenheim

    Verständlichkeitsindex der Universität Hohenheim: SPD formuliert noch am verständlichsten, FDP schneidet am schlechtesten ab / bei Kurztexten führen Linke und SPD

    Ausführliche Darstellung der Studie unter www.uni-hohenheim.de

    Am unverständlichsten formuliere die FDP: Ihr Wahlprogramm in Rheinland-Pfalz sei etwa so leicht verdaulich wie eine politikwissenschaftliche Doktorarbeit, so das Ergebnis eines Verständlichkeitstests von Kommunikationswissenschaftlern der Universität Hohenheim. Das Wahlprogramm der SPD für die Landtagswahl sei für den Durchschnittswähler noch am verständlichsten. Alle anderen Parteien lägen dazwischen. Als Hürden für die Verständlichkeit definierten die Wissenschaftler u.a. komplizierte Schachtelsätze, Fachbegriffe und Fremdwörter. Die Forscher analysierten die Wahlprogramme der Parteien zur Landtagswahl mit der speziellen Software „TextLab“. Die Pressemitteilung zur Analyse ist ein Beitrag im Rahmen des Themenjahrs 2011 „Universität Hohenheim – stark durch Kommunikation“.

    Was bitte ist eine „Fallmanager-Transferleistungsbezieher-Relation“ (Grüne)? Was bedeutet „Fluktuation“ (CDU), „Assimilation“ (Linke), „Heterogenität“ (FDP) oder „interkulturelle Komponenten“ (SPD)? Auch Wortzusammensetzungen wie „Landeshochschulentwicklungsprogramm“ (FDP), „Personalbemessungsinstrumente“ (Linke), „Spitzenclusterwettbewerb“ (SPD), „Netzverträglichkeitsprüfung“ (Grüne) und „Fachleistungsdifferenzierung“ (CDU) erhöhen nicht gerade die Lesbarkeit der Wahlprogramme der Parteien, die für den rheinland-pfälzischen Landtag antreten.

    Was vielen Bürgern an Politik unverständlich und intransparent vorkommt, will Prof. Dr. Frank Brettschneider vom Lehrstuhl Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim in genauen Zahlen ausdrücken. In einem Forschungsprojekt hat er gemeinsam mit seinem Team und dem Institut H&H CommunicationLab die formale Verständlichkeit der Wahlprogramme aller Parteien für die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz untersucht.

    Konkret fahndeten die Wissenschaftler unter anderem nach Satz-Ungetümen (Sätze ab 20 Wörtern und Schachtelsätze) sowie Fachbegriffen und Fremdwörtern. Anhand dieser Merkmale bildeten sie den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“. Er reicht von 0 (völlig unverständlich) bis 20 (sehr verständlich).

    So unverständlich wie eine Doktorarbeit

    Bei den Langfassungen der Wahlprogramme schneide das Programm der SPD noch am besten ab (Indexwert 9,3). „Das entspricht etwa der Finanzberichterstattung einer überregionalen Tageszeitung wie der FAZ“, so Prof. Dr. Brettschneider. Am unverständlichsten sei das Programm der FDP. Mit einem Wert von 6,0 liege es etwas über der durchschnittlichen Verständlichkeit politikwissenschaftlicher Doktorarbeiten (Indexwert 4,3).

    Das Problem dahinter: „Wer nicht verstanden wird, kann auch nicht überzeugen“, sagt Prof. Dr. Brettschneider. „Ohne ein hohes Bildungsniveau oder politisches Fachwissen sind einige Inhalte der Landtagswahlprogramme für die Wählerinnen und Wähler nur schwer verständlich“.

    Fachchinesisch und Bandwurmsätze

    „Bei sämtlichen Parteien finden sich Verstöße gegen grundlegende Verständlichkeitsregeln“, urteilt Prof. Dr. Brettschneider. „Der Jargon aus Fremdwörtern und Fachbegriffen macht die Wahlprogramme für viele Bürgerinnen und Bürger unverständlich“. Grund: Die Wortwahl sei meist das Ergebnis von innerparteilichen Expertenrunden.

    Deren bürokratische Fachsprache verwendeten die Parteien dann auch in ihren Wahlprogrammen. An den Bedürfnissen der Leserinnen und Leser, die sich nicht tagtäglich mit diesen Themen beschäftigen, schrieben sie damit vorbei. Auch die Verwendung von Anglizismen erschwere das Verständnis – zumindest für einige Wählergruppen. „Workfare“ (Linke), „Clusterstrategie“ (SPD) und „First Responder“ (CDU) verstünden nur einige Menschen. Das Gleiche gelte für „Gender Budgeting“ (Grüne) oder „Diversity-Management“ (FDP).

    „Auch zu lange Sätze erschweren das Verständnis – vor allem für Wenig-Leser“, sagt Prof. Dr. Brettschneider. Dennoch fanden die Hohenheimer Forscher bei allen Parteien überlange Sätze. 30 bis 40 Wörter pro Satz waren keine Seltenheit.

    Kurztexte verständlicher – vor allem bei Linke und SPD

    Allerdings: Im Gegensatz zu den regulären Wahlprogrammen seien die Kurztexte zur Landtagswahl teilweise deutlich verständlicher. Dazu gehören etwa die Kurzprogramme von FDP und Linke, die Schwerpunktliste der Grünen, Faltblätter der SPD oder die Info-Boxen im langen CDU-Wahlprogramm. Besonders auffällig sei dies bei der Links-Partei, deren Kurzfassung mit einem Indexwert von 16,2 in etwa so verständlich sei wie ein durchschnittlicher Artikel im Politikteil der Bild-Zeitung (Indexwert 16,8).

    Die SPD käme auf den zweiten Platz (Indexwert 12,1). Das formal unverständlichste Kurzprogramm stamme von der FDP (Indexwert 7,6).

    Hintergrund: Automatische Textanalyse

    Möglich werden diese Analysen durch die von H&H Communication Lab GmbH und von der Universität Hohenheim entwickelte Verständlichkeitssoftware „TextLab“. Diese Software berechnet verschiedene Lesbarkeitsformeln sowie Textfaktoren, die für die Verständlichkeit relevant sind (z.B. Satzlängen, Wortlängen, Schachtelsätze und den Anteil abstrakter Wörter). Aus diesen Werten setzt sich der „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“ zusammen, der die Verständlichkeit der Programme und Texte auf einer Skala von 0 (unverständlich) bis 20 (sehr verständlich) abbildet.

    Hintergrund: Themenjahr 2011 „Universität Hohenheim – stark durch Kommunikation“

    Das Themenjahr „Kommunikation“ der Universität Hohenheim soll einem breiten Spektrum unterschiedlicher Wissenschaftsbeiträge eine Plattform bieten. Die Universität Hohenheim selbst bezieht dabei ihrem Grundauftrag entsprechend keine eigene Position, allein die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellen ihre fundierten Standpunkte nach außen dar.

    Kontakt für Medien:
    Prof. Dr. Frank Brettschneider, Fg. Kommunikationswissenschaft, Tel.: 0711 459-24030, E-Mail: frank.brettschneider@uni-hohenheim.de

    Text: Klebs


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Medien- und Kommunikationswissenschaften, Politik, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


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