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21.04.2011 18:54

Forschungsbedingungen von Professor/innen an deutschen Universitäten: Wissenschaftler-Befragung 2010

Anna Schelling Pressestelle
Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung

    Der massive Wandel der Forschungsbedingungen in Deutschland hat sich auch in den Einschätzungen und Bewertungen der Professoren und Professorinnen niedergeschlagen. Das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ) hat im April/Mai 2010 in einer repräsentativen Studie über 3000 Professorinnen und Professoren an deutschen Universitäten zu den Forschungsbedingungen in ihrem Fach befragt. Die Ergebnisse dieser Studie wurden nun als iFQ-Working Paper veröffentlicht.

    Die Studie „Wissenschaftler-Befragung 2010: Forschungsbedingungen von Professorinnen und Professoren an deutschen Universitäten“ (iFQ-Working Paper No.8) steht zum Download zur Verfügung: http://www.forschungsinfo.de/Publikationen/Download/working_paper_8_2010.pdf

    Die Untersuchung beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der „drittmittelfinanzierten Forschung" und informiert über die Einschätzungen zur Förderung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und andere Drittmittelgeber. Aber auch die Folgen und Wirkungen der über die wettbewerbsförmige Vergabe von Drittmitteln vorangetriebenen Differenzierungsprozesse und der insgesamt angestiegenen Wettbewerbsintensität im deutschen Wissenschaftssystem wurden untersucht. Ebenso werden wissenschafts- und forschungspolitische Themen, wissenschaftliches Fehlverhalten, Genderfragen, leistungsorientierte Mittelverteilung, Internationalisierung, Interdisziplinarität und vieles mehr in der Studie behandelt. Damit greift die Befragung sowohl die Tradition der DFG-Antragstellendenbefragungen als auch die der Hochschullehrerbefragungen (Allensbach) aus den 1970er und 80er Jahren auf. Vergleiche mit einzelnen Fragen aus den Allensbacher Hochschullehrerbefragungen zeigen, dass der massive Wandel der Forschungsbedingungen in den letzten zwei Jahrzehnten sich auch in den Urteilen der Professorenschaft deutlich niederschlägt.

    Die repräsentative Stichprobe bestand aus 9.768 Personen, 3.131 Personen nahmen an der Studie teil.

    89 Prozent der Befragten haben nach eigenen Angaben in den letzten 5 Jahren Drittmittelanträge gestellt. Die DFG ist für die Befragten mit Abstand der wichtigste Mittelgeber: 73 Prozent der Professorinnen und Professoren haben in den letzten fünf Jahren einen oder mehrere Förderanträge bei der DFG eingereicht. Fast 22 Prozent der Befragten waren maßgeblich an Anträgen im Rahmen der Exzellenzinitiative beteiligt. Die Zahl der durchschnittlich eingereichten Anträge variiert dabei deutlich zwischen den Fächern, wobei sehr antragsaktive Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler signifikant mehr Zeit für Drittmitteleinwerbungen und deutlich weniger Zeit für Lehr- und Prüfungsverpflichtungen aufwenden.

    Insgesamt bewerten die Professoren und Professorinnen die Fördermöglichkeiten für anspruchsvolle Forschung in ihren Disziplinen als gut. Das gilt insbesondere für die Professorinnen und Professoren aus der Chemie und Physik, während die Geisteswissenschaften kritischer urteilen. Letztere sind es auch, die ein Missverhältnis von Aufwand und Ertrag hinsichtlich der Drittmitteleinwerbung beklagen.

    Deutlich wurde, dass Drittmittel nicht mehr nur ausschließlich für die Finanzierung eines Forschungsvorhabens wesentlich sind, sondern auch mittelbare Effekte erzeugen. Sie sind ein wichtiges Kriterium in Systemen leistungsorientierter Mittelvergabe geworden und werden als reputations- bzw. karrierefördernd eingeschätzt. Ein nicht unerheblicher Teil der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hält den Zwang Drittmittel einzuwerben, den Publikationsdruck, die durch Evaluationen hervorgerufenen Leistungsanforderungen und den Antragsaufwand für Drittmittelprojekte im Verhältnis zum Ertrag für zu hoch.

    Die Situation des promovierten wissenschaftlichen Nachwuchses wird kritisch bewertet: Mangelnde materielle Unterstützung für den Nachwuchs, eine unzureichende Anzahl von Stellen für den Nachwuchs und fehlende Karriereperspektiven werden beklagt. Korrespondierend damit werden in der Schaffung verlässlicher Karriereperspektiven für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie in einer aktiven internationalen Rekrutierung Potentiale gesehen, den Wissenschaftsstandort Deutschland zu stärken. Allerdings hat die im internationalen Vergleich hohe Promotionsquote in Deutschland keineswegs für Überfluss an qualifizierten Bewerbern gesorgt: Während sich die Besetzung von Doktorandenstellen in der Regel weitgehend problemlos gestaltete, konnten für ausgeschriebene Postdoc-Positionen lediglich in zwei Dritteln der Fälle Personen mit den gewünschten Qualifikationsprofilen gefunden werden. Ein Mangel an geeigneten Kandidatinnen bzw. Kandidaten wird als häufigste Ursache benannt, als problematisch wird zudem die Befristung dieser Stellen angesehen. In der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sehen die befragten Professorinnen und Professoren gleichwohl (oder deshalb) die wichtigste Aufgabe der DFG, die diese im Rahmen der Forschungsförderung erfüllen solle.

    Die Einschätzungen, wie gut die DFG ihre Aufgaben erfülle, fallen durchweg positiv aus: Besonders gut wird die DFG hinsichtlich der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, der Förderung nationaler Kooperationen, der Mitwirkung in der Exzellenzinitiative und der Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis bewertet. Exzellenzwettbewerbe – sowohl für Forschung als auch Lehre – werden allerdings für eine Stärkung des Wissenschaftsstandorts Deutschland als eher ungeeignet bewertet. Professorinnen und Professoren sehen Exzellenzwettbewerbe aktuell auch nicht als Kernaufgabe der DFG an.

    Obwohl der Fall Guttenberg zum Zeitpunkt der Umfrage noch nicht absehbar war, sehen die Befragten es als eine der wichtigsten Aufgaben der DFG an, sich für die Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis zu engagieren. Obwohl der DFG in diesem Punkt sehr gute Arbeit attestiert wurde, bleibt das Thema Fehlverhalten brisant: Mehr als die Hälfte der befragten Professorinnen und Professoren berichteten eigenes oder fremdes Fehlverhalten – insbesondere Probleme um die Autorschaft und Nachlässigkeiten im Zuge von Begutachtungen. Übereinstimmend mit den Berichten der Ombudsgremien werden auch in der Wissenschaftler-Befragung 2010 Verletzungen guter wissenschaftlicher Praxis besonders häufig aus den Lebenswissenschaften berichtet.

    Die Wissenschaftler-Befragung wurde vom iFQ im Auftrag von und in Zusammenarbeit mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) durchgeführt.


    Weitere Informationen:

    http://www.forschungsinfo.de Homepage des iFQ
    http://www.forschungsinfo.de/Mitarbeiter/mit_schelling.asp Kontakt


    Anhang
    attachment icon Executive Summary der Wissenschaftlerbefragung 2010

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    fachunabhängig
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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