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26.04.2011 09:49

Julius Pinschewer – Erfinder und Pionier des Werbefilms

Peter Kuntz Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universität Trier

    Zum 50. Todestag des Avantgardisten - DVD bietet eine Bestenauswahl

    Am 16. April 2011 jährte sich zum 50. Mal der Todestag von Julius Pinschewer, der zurecht „Vater des deutschen Werbefilms“ und „Vater des Schweizer Trickfilms“ genannt wird. Sein bewegtes Leben begann am 15. September 1883 in der westpreußischen Kleinstadt Hohensalza (heute Inowrocław). Nach dem volkswirtschaftlichen Studium begann Julius Pinschewer in Berlin ab 1909 damit, die Reklame mit Filmen zu einem eigenen Geschäftszweig zu machen. Der Werbefilm ließ ihn bis zu seinem Tod am 16. April 1961 nicht mehr los: Über ein halbes Jahrhundert spannt sich seine Tätigkeit in Deutschland und der Schweiz − als Drehbuchautor, Regisseur, Produzent und Vertriebsmanager von insgesamt gut 700 Werbefilmen.
    Eine Auswahl aus den besten Werbefilmen von Julius Pinschewer bietet die von „absolut Medien“ herausgebrachte DVD „Julius Pinschewer – Klassiker des Werbefilms“. Sie ist im Fach Medienwissenschaft an der Universität Trier entstanden und wurde kuratiert von dem Filmhistoriker und Medienwissenschaftler Martin Loiperdinger, der auch den Nachlass von Julius Pinschewer betreut.
    Von den letzten Jahren der „Belle Epoque“ bis weit in den Kalten Krieg hinein markiert Pinschewers Schaffen wichtige Stationen in der technischen, ästhetischen und wirtschaftlichen Geschichte des Werbefilms: Der Pionier Julius Pinschewer zog vor dem Ersten Weltkrieg die erste Vertriebsorganisation für Werbefilme auf, gründete das erste Werbefilmatelier in Deutschland und stellte dort die ersten deutschen Sachtrickwerbefilme her. 1929 glänzte er mit dem ersten Tontrickwerbefilm der Filmgeschichte. Nach seiner Emigration betrieb er ab 1934 in Bern das erste und größte Trickfilmatelier der Schweiz.
    Pinschewer hat den Werbefilm quasi erfunden, indem er ihn zum festen Bestandteil des Kinoprogramms machte. 1912 hatte er in Deutschland und der Schweiz bereits an die 500 Kinos unter Vertrag, die exklusiv seine Werbefilme zeigten. Mitte der 1920er Jahre beherrschte er den deutschen Werbefilmmarkt. Seinen Kunden bot er eine Vielfalt innovativer Trickfilmtechniken an: Neben Scherenschnitt- und Puppenanimation gelangte vor allem der Zeichentrick zum Einsatz. Julius Pinschewer war ein Meister der leicht fasslichen, unterhaltsamen Allegorie. Zauberer, Elfen, Hexen, Heilige, Teufel und Tempelmädchen wurden in Bewegung versetzt, um einfache und einprägsame Werbebotschaften in aller Kürze auf amüsante Weise zu vermitteln. Von Suppenwürze bis zu großen Industrieausstellungen warben seine Filme für fast alles, was sich denken lässt.
    Als Pinschewer zum 1. September 1926 sein Monopol für die Ufa-Theater an die Frankfurter Werbekunst Reklame Epoche-Gesellschaft verlor, gab er sich nicht geschlagen. Er konterte mit einer filmtechnischen Innovation und brachte Anfang März 1929 den weltweit ersten Tontrickfilm heraus: „Die Chinesische Nachtigall“.
    Nach der Machtübernahme durch die NSDAP verließ Pinschewer Deutschland im Mai 1933. Mit den deutschen Firmen verlor er sein ganzes Vermögen. Im September 1934 gründete er das Pinschewer Film-Atelier in Bern. Der Zeichentrickfilm war in der Schweiz noch eine Marktlücke, die Pinschewer ausfüllen durfte, ohne den einheimischen Filmfirmen ins Gehege zu kommen. Da der Vertrieb von Werbefilmen in der Schweiz fest aufgeteilt war, musste sich der Neuankömmling jedoch auf die Produktion von Zeichentrickfilmen beschränken von denen das Berner Atelier jährlich vier bis sechs herstellte.
    Ohne Einkünfte aus dem Vertrieb ließen sich kaum noch wirtschaftliche Erfolge erzielen. Unter diesen widrigen Umständen betrat Julius Pinschewer einmal mehr filmtechnisches Neuland und verlegte sich zunehmend auf die Herstellung von Farbfilmen – ab 1939 sogar in Technicolor.
    1948 erhielt Julius Pinschewer die Schweizer Staatsbürgerschaft. In diesem Jahr gelang ihm endlich auch der lang ersehnte Sprung ins Ausland: Er gründete eine Firma in London, um dort Aufträge für Tontrickwerbefilme in Technicolor zu akquirieren, die vom Schweizer Filmatelier ausgeführt wurden.
    In den 1950er Jahren wurde es für das Berner Filmatelier immer schwieriger, den Existenzkampf zu bestehen. Um seine Belegschaft mit Arbeit zu versorgen, ließ er Eigenproduktionen anfertigen über Schweizer Volkslieder und den Scherenschnittkünstler Jean-Jacques Hauswirth. Diese Zeichentrickfilme waren als Kulturfilme für kommerzielle Kinos vorgesehen, fanden in der Schweiz jedoch keinen Vertrieb. Indes ließen sich fast 20 Jahre später junge Trickfilmer in der Westschweiz durch sie inspirieren.
    Mit seinen ersten Sachtrickfilmen im Jahr 1912 und mit den Adaptionen des absoluten Films für Werbezwecke in den 1920er-Jahren war Julius Pinschewer maßgeblich an einigen Werken beteiligt, die zum Bestand der Avantgardekunst zählen. Trotz der großen Bedeutung für die Werbefilmgeschichte ist dieses Dutzend Filme aber nicht prägend für das umfangreiche Gesamtwerk. Dennoch verdient es Julius Pinschewer, ein Avantgardist des Werbefilms genannt zu werden: Er hat zwar kein Manifest verfasst, wie das in Künstlerkreisen üblich ist. Für diese Textform waren die Geschäftsleute seiner Kundenfirmen nicht die geeignete Adresse. Aber er hat bis ins hohe Alter wie ein Avantgardekünstler um öffentliche Anerkennung für seine Werbefilmidee gekämpft, indem er den „künstlerischen Werbefilm“ in Vorträgen propagierte und als Exempel eigene Filme zeigte.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    jedermann
    Medien- und Kommunikationswissenschaften
    überregional
    Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Julius Pinschewer (1959).


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