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09.06.2011 10:33

Nicht jeder Verband hat das Zeug zur Berufsgewerkschaft

Christine Mandel Kommunikation, Presse und Öffentlichkeitsarbeit
Universität Kassel

    In einer neuen Studie zum Wandel des deutschen Gewerkschaftsmodells zeigen Kasseler Politikforscher, dass nicht jeder Berufsverband zu einer schlagkräftigen Gewerkschaft aufsteigen kann.

    Kleine, aber mächtige Berufsgewerkschaften wie die Pilotenvereinigung Cockpit, die Ärztegewerkschaft Marburger Bund oder die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) sorgen in letzter Zeit nicht nur in der Öffentlichkeit für Aufsehen. Scheinbar mühelos ziehen sie mit hohen Lohnforderungen und großer Streikbereitschaft an den etablierten Branchengewerkschaften vorbei. Wie erklären sich das plötzliche Auftreten und der Erfolg dieser Gruppen? Werden sich diese Berufsgewerkschaften ausweiten und zu einer umfassenden Erosion des deutschen Gewerkschaftsmodells führen?

    Diese Fragen beantwortet die in Kooperation mit der Hans-Böckler-Stiftung entstandene Studie der Kasseler Politikwissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Schroeder, Viktoria Kalass und Samuel Greef. Sie analysiert und vergleicht die Entwicklung von vier berufsbezogenen Organisationen zwischen Kontinuität und Wandel. Neben der GDL und dem Marburger Bund, denen in den letzten Jahren die Transformation vom Berufsverband zur Gewerkschaft gelungen ist, werden mit dem Verein Deutscher Ingenieure und dem Verband der angestellten Akademiker in der chemischen Industrie auch zwei Organisationen mit anders verlaufenden Entwicklungspfaden untersucht.

    Vom Berufsverband zur Berufsgewerkschaft
    Der Marburger Bund und die GDL zeigen, dass das Auftreten tarifpolitisch eigenständiger Berufsgewerkschaften, die sich aus Berufsverbänden heraus entwickeln, Ausdruck einer doppelten Integrationskrise ist. Zum einen bestehen in den dominierenden Branchengewerkschaften des DGB wie etwa bei ver.di oder der IG Metall seit jeher Integrationsdefizite gegenüber bestimmten Berufsgruppen. Vor allem hoch qualifizierte Beschäftigte wie etwa Ärzte und Ingenieure neigen dazu, sich in anderen Verbänden zu organisieren. Sowohl der Marburger Bund als auch die GDL existieren bereits seit Jahrzehnten. Lange Zeit hatten sich diese Verbände aber der Tarifführerschaft der DGB-Gewerkschaften untergeordnet. Doch auch diese tarifpolitische Integration funktioniert heute für Ärzte, Piloten und Lokführer nicht mehr.

    Der Vergleich der Organisationen macht deutlich, dass die Transformation vom Berufsverband zur Berufsgewerkschaft ein Prozess mit hohen Hürden ist. Wesentlich sind zunächst die äußeren Bedingungen. Dazu zählen mögliche Veränderungen in der Branche - insbesondere Privatisierung, Liberalisierung und Ökonomisierung - und das Verhalten der etablierten Gewerkschaften. Folgen dieser Veränderungen sind oft Unzufriedenheit mit der bestehenden tarifpolitischen Vertretung und ein empfundener beruflicher Statusverlust. Eine derartige Situation bereitet den Boden für das Aufkommen einer Berufsgewerkschaft. Mit Hilfe einer eigenständigen Vertretung ihrer Interessen versuchen einzelne Berufsgruppen, diesen Entwicklungen gegenzusteuern.

    Besetzung von Schlüsselpositionen
    Dass sie dieses erfolgreich tun und die sich bietende Gelegenheit nutzen können, hängt aber auch in entscheidendem Maße von den Ressourcen der fraglichen Berufsverbände und nicht zuletzt von der Mobilisierung ihrer Mitglieder ab. Sowohl Marburger Bund als auch GDL verfügen über einen hohen Organisationsgrad und Mitglieder in betrieblichen Schlüsselpositionen. Beides geht für die Verbände mit hoher Vetomacht und Durchsetzungsstärke einher. Diese anspruchsvollen Voraussetzungen können aber nur wenige Berufsverbände in Deutschland erfüllen, was den Rückschluss zulässt, dass das Phänomen der Berufsgewerkschaft sich nicht beliebig ausweiten wird. Eine umfassende Erosion des deutschen Gewerkschaftsmodells ist insofern nicht zu erwarten.

    Die gezeigte doppelte Integrationskrise macht es für die großen Branchengewerkschaften wie IG Metall oder ver.di erforderlich, Lösungsstrategien auf zwei Ebenen zu entwickeln. Die Branchengewerkschaften müssen neue Integrationsansätze entwickeln, um die differenzierten Interessenlagen ihrer Mitglieder besser aufnehmen und damit weiteren Abspaltungen entgegenwirken zu können. Hat sich dagegen bereits die Konkurrenz in Form einer Berufsgewerkschaft etabliert, sollten auf beiden Seiten Möglichkeiten für neue Kooperationen gesucht werden.

    Schroeder, Wolfgang/Kalass, Viktoria/Greef, Samuel (2011): Berufsgewerkschaften in der Offensive. Vom Wandel des deutschen Gewerkschaftsmodells, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. ISBN: 978-3-531-18203-2.

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    Info
    Samuel Greef
    Universität Kassel
    Fachbereich 5 - Gesellschaftswissenschaften
    Tel.: 0561/804-7152
    E-Mail: greef@uni-kassel.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wirtschaftsvertreter
    Politik
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


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