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08.07.2011 10:13

Alltagssorgen einer längst vergangenen Epoche

Stephan Laudien Stabsstelle Kommunikation/Pressestelle
Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Orientalisten der Universität Jena entschlüsseln Inschriften aus dem vorislamischen Arabien

    Geldsorgen plagten schon die Menschen in grauer Vorzeit, wie ein Schriftstück aus dem vorislamischen Arabien belegt. Seinerzeit ließ ein Geschäftsmann akribisch notieren, dass er sich Geld leihen musste, um Schulden bezahlen zu können. Das Besondere an der Aufzeichnung ist aber ihr Trägermaterial: geschrieben wurde auf Palmblattrippen. Im Wüstensand hervorragend konserviert, öffnen diese Holzstäbchen den Forschern heute die Tür in eine längst vergangene Kultur.

    Die Holzstäbchen befinden sich in der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Sie kamen in den 1980er Jahren in einer antiken Ruinenstätte im Norden des Jemen ans Tageslicht. „Die Mehrzahl dieser Nachrichten wurde in sabäischer Sprache verfasst, außerdem liegen uns Stücke in Minäisch vor“, sagt PD Dr. Peter Stein. Der Semitist von der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat – gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft – in sechsjähriger Arbeit die Schriften transkribiert und ausgewertet. Inzwischen ist eine erste Publikation erschienen: „Die altsüdarabischen Minuskelinschriften auf Holzstäbchen aus der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Band 1: Die Inschriften der mittel- und spätsabäischen Periode.“

    Wie Peter Stein sagt, umfasst die Münchner Sammlung etwa 400 beschriftete Holzstäbchen. Weitere Bestände werden im holländischen Leiden sowie in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa aufbewahrt. Die Orientalisten der Universität Jena wurden mit der Herausgabe der Texte betraut, weil der Lehrstuhl für Semitische Philologie und Islamwissenschaft seit 20 Jahren einen Forschungsschwerpunkt in der altsüdarabischen Epigraphik hat, wie Stein betont. Anders gesagt: Außer in Jena gibt es weltweit kaum Experten, die diese Schriftstücke lesen und übersetzen können. „Der Aufbau einer Gruppe von Nachwuchswissenschaftlern in den zurückliegenden Jahren hat die Voraussetzungen dafür geschaffen, Forschungsprojekte wie dieses in Jena zu bearbeiten“, sagt Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Norbert Nebes. Wichtig sei die enge Zusammenarbeit der Sprachforscher mit wissenschaftlichen Institutionen im In- und Ausland. „Eine langjährige Kooperation verbindet uns mit dem Deutschen Archäologischen Institut, das seit mehr als 30 Jahren im Jemen aktiv ist und neuerdings auch in Saudi-Arabien und Äthiopien gräbt“, so Nebes.

    Die Holzstäbchen zeichnen ein detailliertes Bild jener untergegangenen Kultur. „Es sind Briefe dabei, Verträge, Urkunden und Etiketten von Warenlieferungen“, sagt Peter Stein. Auch Orakelsprüche wurden aufgezeichnet. Außerdem konnte er Texte transkribieren, die offensichtlich von Schülern als Schreibübungen verfasst worden sind. Leider existieren von Korrespondenzen stets nur einzelne Briefe, die andernorts aufbewahrten Antworten auf die Schreiben fehlen.

    Prof. Nebes schätzt die Stäbchen-Texte als höchst bedeutsam für die vorislamische Geschichte Arabiens ein, weil vergleichbares Alltagsschriftgut von der Arabischen Halbinsel sonst unbekannt ist. Ein Glücksfall ist der Fund noch aus anderen Gründen. So lässt sich anhand der hölzernen Dokumente das Alter der altsüdarabischen Schriftkultur erstmals mittels naturwissenschaftlicher Methoden datieren. Demnach dürfte die Schrift in Südarabien bereits im späten 2. Jahrtausend vor Christus eingeführt worden sein – mehr als zwei Jahrhunderte früher als bislang von der Forschung angenommen.

    Die Beschäftigung mit den Holzstäbchen ist noch lange nicht abgeschlossen. Aktuell bereitet Peter Stein den zweiten Band über die altsüdarabischen Minuskelinschriften aus der Bayerischen Staatsbibliothek für die Drucklegung vor. Weitere Überraschungen werden erwartet.

    Kontakt:
    Prof. Dr. Norbert Nebes
    Institut für Sprachen und Kulturen des Vorderen Orients der Friedrich-Schiller-Universität Jena
    Löbdergraben 24a, 07743 Jena
    Tel.: 03641 / 944850
    E-Mail: Norbert.Nebes[at]uni-jena.de

    PD Dr. Peter Stein
    Theologische Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena
    Fürstengraben 6, 07743 Jena
    Tel.: 03641 / 941114
    E-Mail: peter.stein[at]uni-jena.de


    Weitere Informationen:

    http://www.uni-jena.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Geschichte / Archäologie, Sprache / Literatur
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    PD Dr. Peter Stein von der Universität Jena hat die altsüdarabischen Minuskelinschriften transkribiert und ausgewertet.


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    Auf Palmblattrippen sind im 2. Jahrtausend vor Christus Briefe, Verträge und Urkunden aufgezeichnet worden. Auch Orakelsprüche und Schreibübungen haben die Jenaer Orientalisten gefunden.


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