Abschied vom Informationszeitalter

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12.04.2002 23:55

Abschied vom Informationszeitalter

Frederik Borkenhagen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft

    Erklärung der IuK Initiative Information und Kommunikation der wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland zur Rahmenvereinbarung über Netzpublikationen der Deutschen Bibliothek und des Börsenvereins

    1.
    In Vereinbarung mit dem Börsenverein unterbindet Die Deutsche Bibliothek den Internetzugang auf bei ihr archivierte Netzpublikationen von Mitgliedsverlagen des Vereins.

    Die deutsche Nationalbibliothek scheidet damit als möglicher Bestandteil eines zukünftigen Systems der dauerhaften Versorgung von Forschung und Lehre mit Referenz- und Arbeitsmaterial einstweilen aus. Ein solches System, das auf einem vertretbaren Kostenniveau arbeiten soll, setzt die konsequente Nutzung und weitere Entwicklung der neuen Informations-Technologien zur Eröffnung breiter Zugangmöglichkeiten voraus.

    Die IuK-Initiative Wissenschaftlicher Fachgesellschaften muss daher die Vereinbarung als im Kern wissenschaftsfeindlich kritisieren.

    2.
    Die Vereinbarung sieht die Hinnahme von nicht offen zu legenden Veränderungen an Standards durch die Bibliothek vor. Zusammen mit der vorbereiteten Ausdehnung der Vereinbarung auch auf Archivbestände der Bundesländer werden damit von Verlegerseite Kosten im Archivierungsprozess auf Bund und Länder gewälzt, denen nach Einschätzung der IuK kein näherungsweise entsprechender Nutzen für die Öffentlichkeit gegenübersteht.

    Wissenschaftliche und technische Entwicklung baut stets auf den momentanen state of the art. Der möglichst ungehinderte Zugang zu Quellen- und Referenzmaterial als Ausgangspunkt gehört daher zu den Vorbedingungen erfolgreicher Arbeit der Hochschulen, allgemeiner von Einrichtungen für Forschung, Entwicklung und Lehre generell.

    Seit mehreren Jahren wird unter dem Schlüsselwort Journal Crisis international die Diskussion über dramatisch sich ausweitende Versorgungsschwierigkeiten durch Bibliotheken geführt. Mit fachspezifisch durchaus unterschiedlicher Akzentuierung wurden von wissenschaftlicher Seite Lösungsmodelle ausgearbeitet, prototypisch erprobt und umgesetzt (vgl. zusammenfassend das Positionspapier "Digitale Bibliotheken" der IuK-Initiative).

    Ein Kernbegriff in den international entwickelten Zielvorstellungen ist der sog. "eventual free access" (der nach einer Karenzzeit schließlich freie Zugang). Für Zeitschriftenaufsätze werden "Sperrzeiten" zwischen sechs Monaten und fünf Jahren diskutiert, während derer Verlegern Einnahmen für ihre unterstützende Tätigkeit im Publikationsprozess zustehen sollen. Im Anschluss an diese Periode soll dann nach diesen Vorstellungen die weitere Verfügbarkeit durch öffentliche verteilte Archive im Internet sichergestellt werden.

    Im völligem Gegensatz zu jedem in Diskussion befindlichen Ansatz sieht die Rahmenvereinbarung ohne jede Differenzierung in Material und Publikationszeitpunkt Reisen nach Frankfurt, Leipzig oder Berlin vor, um vor Ort gegen Entgeld Ausdrucke zu erstellen: Ein Abschied vom Informationszeitalter, dem eine gewisse traurige Komik nicht abzusprechen ist.

    Der weiteren Entfaltung und Verbreitung leistungsfähiger offener Standards kommt für die Interoperabilität fortgeschrittener Anwendungen eine Schlüsselrolle zu.

    Über die inakzeptablen Zugangsregelungen hinaus wird der Nationalbibliothek und in Vorwegnahme von Landesregelungen auch regionalen Archiven, die Annahme von Objekten in proprietärer technischer Ausformung zugemutet. Zusatzkosten, die den Archiveinrichtungen durch die Behandlung dieser Materialien entstehen werden, tragen offenbar nicht die privaten Verursacher, sondern (wiederum) die öffentlichen Einrichtungen. Cui bono?

    Weiterführende Informationen:

    1. Rahmenvereinbarung zur freiwilligen Ablieferung von Netzpublikationen zum Zwecke der Verzeichnung und Archivierung
    Bundesanstalt Die Deutsche Bibliothek, Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.; (März 2002)
    http://deposit.ddb.de/netzpub/web_rahmenvereinbarung.htm

    2. IuK-Initiative Information und Kommunikation der wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland
    http://www.iuk-initiative.org/

    3. Digitale Bibliotheken. Public Draft of the IuK Initiative 05032002;
    http://www.IuK-Initiative.org/documents/digbib05032002/

    **************************

    Die IuK-Initiative vertritt die Interessen der ca. 120.000 Mitglieder ihrer Fachgesellschaften in allen Fragen der Neuordnung des Informations- und Kommunikationswesens für die Wissenschaft. Derzeit gehören der IuK-Initiative an:

    - Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE)
    - Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs)
    - Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS)
    - Deutsche Mathematiker-Vereinigung (DMV)
    - Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG)
    - Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs)
    - Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh)
    - Gesellschaft für Informatik (GI)
    - Informationstechnische Gesellschaft (ITG) im Verband Deutscher Elektrotechniker
    - Verband Deutscher Biologen (VDBiol)
    - Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft (VHB)

    assoziiert:
    - Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis (DGI)


    Weitere Informationen:

    http://deposit.ddb.de/netzpub/web_rahmenvereinbarung.htm
    http://www.iuk-initiative.org
    http://www.iuk-initiative.org/documents/digbib05032002/


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    fachunabhängig
    überregional
    Organisatorisches, Wissenschaftspolitik
    Deutsch


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