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27.09.2012 07:56

Offener Brief der Landesrektorenkonferenz der Fachhochschulen NRW

Bernadette Batterewitz Geschäftsstelle (derzeit an der HS Bochum)
Hochschule NRW - Landesrektorenkonferenz der Fachhochschulen e. V.

    an Herrn Professor Dr. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz

    Sehr geehrter Herr Kollege Hippler,

    seit Ihrer Wahl zum Präsidenten der Hochschulrektorenkonferenz haben Sie sich wiederholt mit kritischen Äußerungen zur Bologna-Reform an die Öffentlichkeit gewandt. Die Landesrektorenkonferenz der Fachhochschulen in NRW hält Ihre pauschale Kritik an der Bologna-Reform und insbesondere an der Qualifikation der Bachelorabsolventinnen und -absolventen für nicht akzeptabel. Ihre Beurteilung verkennt die Realität, entwertet die Arbeit der deutschen Hochschulen und verunsichert in unverantwortlicher Weise Studierende wie Arbeitgeber. Damit haben Sie die Konsenslinie verlassen, die bislang innerhalb der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) eingehalten wurde.

    Viele Hochschulen haben die vergangenen zwölf Jahre erfolgreich genutzt, um wissenschaftsbasierte, berufsqualifizierende und persönlichkeitsbildende Bachelorstudiengänge zu entwickeln und umzusetzen. Ergänzt wurden diese um fachlich vertiefende oder verbreiternde Masterstudiengänge. Die gestuften Abschlüsse sind von Studierenden in hohem Maße akzeptiert sowie in Wirtschaft und Verwaltung mehrheitlich gewünscht und anerkannt.

    Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln hat jüngst Daten veröffentlicht (iwd, Ausgabe 36, 6.9.2012), die auf eine Befragung von 1015 Unternehmen im Februar 2012 zurückgehen. Danach steigen Bachelorabsolventen zu Beginn ihrer Karriere meist in vergleichbarer Weise in die Berufswelt ein wie Master- und Diplomabsolventen. Ihr Einstiegsgehalt beträgt im Durchschnitt 39.700 Euro, während ein Masterabsolvent mit 41.600 Euro beziehungsweise ein Diplomabsolvent mit 41.200 Euro nur geringfügig mehr verdient. Der Bachelorabschluss, mit dem derzeit 47 Prozent der Fachhochschulabsolventen und 23 Prozent der Universitätsabsolventen ihre Karriere beginnen, ist für den berufsorientierten Akademiker wie für den Unternehmer ein außerordentlich attraktiver Hochschulabschluss.

    Neun von zehn Unternehmen gaben an, dass sie zwischen FH- und Uni-Absolventen keinen Unterschied machen.

    Natürlich ist überall da, wo Innovation gelebt wird, nicht nur Licht, sondern auch Schatten. Übermäßig verschulte und überfüllte Studiengänge, möglicherweise mit Anwesenheitspflicht, sind Fehlentwicklungen, die zu korrigieren sind und auf einem falschen Verständnis der Bologna-Reform beruhen. Gut gemacht ist ein Studium heute zielführender und erfolgreicher zu durchlaufen als in der Vergangenheit. Die Bologna-Reform hat den Fokus auf die Studierenden gerichtet sowie das Bewusstsein für Studierbarkeit, Qualität der Lehre, Aktualität und Relevanz der Inhalte und wissenschaftliche Methoden geschärft. Persönlichkeitsbildung ist keine Frage von Bologna, sondern von sinnvoll gestalteten Studiengängen. Studienzeitverlängerungen, aus welchen Gründen auch immer, sind heute genauso möglich wie zu Zeiten der Diplom- und Magisterstudiengänge, allenfalls eingeschränkt durch die BAföG-Bedingungen oder Finanzierungsprobleme – aber auch das ist kein Novum der gestuften Studienabschlüsse. Die Hochschulen haben es in der Hand, Studierbarkeit und Qualität sicherzustellen sowie Bildung und Ausbildung miteinander zu verzahnen. Eine Pauschalkritik an Bologna verschleiert Ursache und Wirkung. Auch andere, sehr leistungsfähige Hochschulsysteme haben seit langem ein gestuftes System der Abschlüsse und einen offenen Arbeitsmarkt für Bachelorabsolventen.

    Junge Menschen sind heute zu Recht stolz auf „ihren“ Bachelorabschluss. Wir bedauern sehr, dass Sie das schlecht reden, was von Studierenden mit Fleiß und Mühe an unseren Hochschulen erworben wurde. Verantwortung und Fürsorgepflicht haben wir gegenüber denjenigen, die Ziel und Zweck unseres Tuns an den Hochschulen sind.

    Sehr geehrter Herr Hippler, wir sind davon überzeugt, dass Sie mit Ihrer grundsätzlichen Kritik am Bologna-System, die in der HRK in keiner Weise abgestimmt ist, nicht die Gemeinschaft der Hochschulen im Sinne Ihres Mandats als Sprecher repräsentieren. Die HRK bezeichnet sich selbst als die „Stimme der Hochschulen“. Das soll und muss sie auch sein. Wir brauchen sie als gemeinsames Forum und Netzwerk, um die Interessen der deutschen Hochschulen jeden Typs gegenüber allen gesellschaftlichen Gruppen, insbesondere der Politik, zu vertreten und durchzusetzen. Wir sorgen uns um die Einheit der HRK, die eine Stärke des deutschen Hochschulwesens ist.

    Wir sorgen uns aber auch um unseren Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort, wenn Sie als führender Vertreter des Zusammenschlusses der deutschen Hochschulen durch inakzeptable Pauschalisierungen dem Ansehen der deutschen Hochschulen und ihrer Absolventen im In- und Ausland schaden.

    Für die in der Landesrektorenkonferenz der Fachhochschulen in Nordrhein-Westfalen zusammengeschlossenen Hochschulen


    mit freundlichen Grüßen


    Martin Sternberg

    Fachhochschule Aachen, Fachhochschule Bielefeld, Hochschule Bochum, Technische Fachhochschule Georg Agricola Bochum, Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe, Hochschule für Gesundheit, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Fachhochschule Dortmund, Fachhochschule Düsseldorf, Hochschule Hamm-Lippstadt, Fachhochschule Köln, Katholische Hochschule NRW, Rheinische Fachhochschule Köln, Fachhochschule Münster, Hochschule Niederrhein, Hochschule Ostwestfalen-Lippe, Hochschule Ruhr-West, Hochschule Rhein-Waal, Fachhochschule Südwestfalen, Westfälische Hochschule


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wirtschaftsvertreter, Wissenschaftler
    fachunabhängig
    überregional
    Studium und Lehre, Wissenschaftspolitik
    Deutsch


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