idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
Science Video Project
idw-Abo

idw-News App:

AppStore

Google Play Store



Instanz:
Teilen: 
16.10.2012 11:47

„DNA-Analyse“ zur Entschlüsselung alter Sprachen

Constanze Alt Stabsstelle Kommunikation/Pressestelle
Friedrich-Schiller-Universität Jena

    Jenaer Indogermanistin entwickelt bei Arbeit mit antiken „Notizzetteln“ spektakuläre Methode

    Aus ganz Europa gehen inzwischen Einladungen mit Bitten um Vorträge bei Dr. Sabine Ziegler von der Friedrich-Schiller-Universität Jena ein. Der Grund: Die Indogermanistin, die am Lehrstuhl von Prof. Dr. Rosemarie Lühr an der Jenaer Außenstelle der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig forscht, hat eine für mehrere Disziplinen höchst interessante Methode zur Entschlüsselung alter Inschriften entwickelt. Sie erinnert im wahrsten Sinne an die Arbeit eines Kriminalisten und trägt den Namen „mikro-linguistische“ Methode.

    Im Gegensatz zu Latein – das zwar landläufig als eine „tote“ Sprache gilt, in Wahrheit aber in allen romanischen Sprachen weiterlebt – gilt für Sprachen wie Hethitisch, das bis etwa ins frühe zweite Jahrtausend v. Chr. überliefert ist, dass es wirklich ausgestorben ist. Gelegentlich aber kommt es vor, dass Archäologen sogenannte Ostraka finden. Das sind Scherben antiken Tongeschirrs, die den Menschen zur damaligen Zeit schlichtweg als Notizzettel gedient haben. Inhaltlich geht das dort zu Entschlüsselnde zwar selten über das einer heutigen Alltagsnotiz hinaus. Doch ist es eben gerade die scheinbare Banalität des Alltäglichen, die Aufschluss über die lebensweltlichen Bedingungen der damaligen Zeit liefert. Entsprechend sei das Selbstverständnis des Indogermanisten per se nicht nur das eines Sprachwissenschaftlers, sondern gleichfalls das eines Kulturwissenschaftlers, erläutert Dr. Ziegler.

    Wie anwendungspraktisch ihre neue Methode ist, davon zeugen die Rahmenbedingungen ihrer Entstehung: „Bei Ausgrabungen an einem römischen Kastell des Limes Tripolitanus in Libyen nahe der Halbwüste Hammadah al-Hamra fanden Archäologen vor zwei Jahren neben einigen lateinischen Inschriften unter anderem neun Ostraka aus der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts nach Christus“, erinnert sich die Indogermanistin. Keiner der zuerst hinzugezogenen Sprachwissenschaftler habe sie identifizieren können, jene „Notizzettel“ aus der Antike. Durch Vermittlung des Münchner Ägyptologen Prof. Dr. Friedhelm Hoffmann wurde Dr. Sabine Ziegler durch den Archäologen Prof. Dr. Michael Mackensen mit der Aufgabe betraut. Der Jenaer Forscherin gelang es am Ende der akribischen wie spannenden Arbeit zu ermitteln, dass das eine große Ostrakon wohl den Charakter einer schriftlichen Mahnung hatte. „Der Urheber der Beschwerde mahnt an, dass ihm folgende Dinge nicht ausgehändigt worden seien, nämlich unter anderem Getreide, Ochsen, Wasserbüffel…“, weiß Ziegler nun. Bei der Sprache, erklärt sie, handelt es sich um eine dialektale Variante des Punischen; sie hat diese „Südpunisch“ getauft.

    Doch wie war ihr gelungen, woran etliche Experten zuvor gescheitert sind? Indem sie die Gesamtheit aller lautlichen, morphologischen, syntaktischen Merkmale und Eigenschaften gleichsam als DNA betrachtete – und das antike Sprach-Artefakt gleichsam einer Gen-Analyse unterzogen hat. Konzentriert und akribisch kam sie durch schrittweise Untersuchung des Textes auf bestimmte Merkmalstypen zu einer Methode, die durch ihre Exaktheit auf alle Buchstaben- und Silbenschriften anwendbar ist.

    Ein Kriterium dabei ist unter anderem die statistische Häufung bestimmter Laute. Dies ist laut Ziegler im Hinblick auf eine Sprache „so typisch wie ein Fingerabdruck“. Ebenso markant ist die jeweilige Phonemstruktur – also die Folge von Konsonanten, Vokalen oder Konsonantengruppen. Zentral ist auch die Frage nach Art und Häufung sogenannter Funktionswörter ohne eigenständige Semantik – im Deutschen zum Beispiel „auch“ oder „etwas“. Sie machen zwar im Durchschnitt nur etwa 0,05 Prozent des Gesamtwortschatzes, aber 40 bis 50 Prozent eines beliebigen literarischen Textes aus. Und so dechiffriert Dr. Ziegler nun mit ihrer Methode Texte aus unbekannten Sprachen – oder spricht darüber auf der ganzen Welt.

    Kontakt:
    Dr. Sabine Ziegler
    Lehrstuhl für Indogermanistik der Friedrich-Schiller-Universität Jena
    Zwätzengasse 12, 07743 Jena
    Tel.: 03641/ 944087
    E-Mail: sabine.ziegler[at]uni-jena.de


    Weitere Informationen:

    http://www.uni-jena.de


    Bilder

    Der Jenaer Indogermanistin Dr. Sabine Ziegler ist es gelungen, "südpunische" Ostraka - wie auf dem PC abgebildet - zu entziffern und dabei eine Methode zur Entschlüsselung alter Inschriften zu entwickeln.
    Der Jenaer Indogermanistin Dr. Sabine Ziegler ist es gelungen, "südpunische" Ostraka - wie auf dem P ...
    Foto: Anne Günther/FSU
    None


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler
    Sprache / Literatur
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


     

    Der Jenaer Indogermanistin Dr. Sabine Ziegler ist es gelungen, "südpunische" Ostraka - wie auf dem PC abgebildet - zu entziffern und dabei eine Methode zur Entschlüsselung alter Inschriften zu entwickeln.


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).