Frühkindliche Entwicklung: Im Handumdrehen – Wann Kinder lernen, vorausschauend zu handeln

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20.11.2012 10:16

Frühkindliche Entwicklung: Im Handumdrehen – Wann Kinder lernen, vorausschauend zu handeln

Claudia Ehrlich Pressestelle der Universität des Saarlandes
Universität des Saarlandes

    Wann und wie lernen Menschen, ihre Handlungen im Voraus zu planen? Dieser Frage gehen Entwicklungspsychologinnen der Saar-Uni um Prof. Gisa Aschersleben gemeinsam mit Sportpsychologen der Uni Paderborn auf den Grund. Sie fanden heraus, dass das Vorschulalter von drei bis fünf Jahren eine entscheidende Phase für die Entwicklung von geplantem Handeln ist. Und: Bei vertrauten Gegenständen wie Gläsern können Kinder deutlich früher ihre Bewegungen vorausplanen als bei unbekannten Gegenständen.

    Im Rahmen einer Studie beobachteten die Wissenschaftlerinnen, wie drei- bis achtjährige Kinder Gegenstände umdrehen und erforschten so, ob und ab wann die Kleinen dabei den „richtigen Dreh raushaben“ und den vorausplanenden Griff mit dem so genannten „End-state Comfort Effect“ nutzen.

    Ein Glas steht mit der Öffnung nach unten auf dem Tisch. Soll ein Erwachsener es umdrehen, macht er zunächst etwas Seltsames: Er verdreht Hand und Arm auf recht unbequem anmutende Weise, greift so das Glas, dreht es und stellt es richtig herum hin: Jetzt könnte er direkt trinken, denn am Ende ist seine Handstellung bequem und – ebenso wie das Glas – „richtig herum“. Dieses Phänomen, das Psychologen den „End-state Comfort Effect“ nennen, beweist: Es wurde vorausschauend gedacht und die Bewegung im Voraus geplant!

    Was so selbstverständlich abläuft, dass kein Gedanke mehr daran verschwendet wird, ist dem Menschen nicht in die Wiege gelegt, sondern wurde irgendwann erlernt. Aber wann und wie? Wann beginnen Kinder, ihre Bewegungen derart zu planen? Hiermit befassen sich Entwicklungspsychologinnen am Lehrstuhl von Professor Gisa Aschersleben an der Saar-Uni. Gemeinsam mit dem Paderborner Sportpsychologen Matthias Weigelt untersuchten Professor Aschersleben und ihre wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Dr. Birgit Knudsen und Dr. Anne Henning den „End-state Comfort Effect“ bei Kindern. Rund 100 Jungen und Mädchen im Alter von drei bis acht Jahren – 16 Kinder in jeder Altersgruppe – drehten hierfür in einem Versuch Gläser um. In einem zweiten Versuchsaufbau steckten sie einen Holz-Stab, der an einer Seite auf eine kleine Platte montiert ist, in einen Holzklotz mit passendem Loch.

    „Beim Versuch mit dem Stab steigern sich die Zahlen der Kinder, die den End-state Comfort Effect nutzten, von 13 Prozent der Dreijährigen bis zu 94 Prozent in der Gruppe der Achtjährigen“, erklärt Birgit Knudsen. „Dabei war auffallend, dass sich die Zahl der Kinder, die den Griff nutzten, zwischen drei und vier sowie zwischen vier und fünf Jahren jeweils verdoppelte“, so die Psychologin weiter. Das Vorschulalter ist demnach eine wichtige Phase, wenn es um geplante Bewegung geht, so die Folgerung der Forscherinnen. Im Alter von drei bis fünf Jahren machen die Kinder große Entwicklungsschritte und erwerben das für ein vorausplanendes Tun erforderliche Erfahrungswissen.

    Dabei spielt es, so fanden die Entwicklungspsychologinnen außerdem heraus, eine große Rolle, ob ein Gegenstand für die Kinder aus dem täglichen Umgang vertraut ist oder nicht: Denn die Zahlen der kleinen End-State-Comfort-Nutzerinnen und -Nutzer waren bei dem vertrauten Glas bedeutend höher: Beim Versuch mit dem umgedrehten Glas nutzten bereits 63 Prozent der Dreijährigen und 100 Prozent der Achtjährigen den End-state Comfort-Griff.
    „Vorausschauendes Planen der Bewegungen erfolgt also bei bekannten Gegenständen, mit denen die Kinder Erfahrungen im Alltag haben, deutlich früher“, erläutert Birgit Knudsen.
    Dieses Ergebnis deckt sich mit weiteren aktuellen Forschungsergebnissen von Professor Aschersleben, wonach Vorschulkinder den Gebrauch von ihnen bekannten Werkzeugen genauer und korrekter imitieren, als bei solchen, die sie nicht kennen.

    Sonstige Einflussfaktoren, wie Lichteffekte beim richtigen Dreh, die die Forscherinnen in einer Vergleichsgruppe als Anreiz einsetzten, zeigten in der Studie demgegenüber keine Auswirkungen. Die Erkenntnisse der Saarbrücker Entwicklungspsychologinnen sind interessant unter anderem für die kindliche Frühförderung. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscherinnen jetzt im Magazin Frontiers in Cognition http://www.frontiersin.org/Cognition/10.3389/fpsyg.2012.00445/abstract (Der Artikel kann kostenlos heruntergeladen werden – open access journal)

    Die frühkindliche Entwicklung ist ein zentraler Forschungsbereich der Arbeitseinheit Entwicklungspsychologie unter Leitung von Prof. Gisa Aschersleben, die sich insbesondere mit der sozial-kognitiven Entwicklung von Kindern in den ersten sechs Lebensjahren sowie deren Einflussfaktoren wie Eltern-Kind-Interaktion und Temperament beschäftigt.

    Kontakt:
    Prof. Gisa Aschersleben Tel.:0681-302-3839 E-Mail: aschersleben@mx.uni-saarland.de
    Dr. Birgit Knudsen Tel.: 0681 302 3677 E-Mail: b.knudsen@mx.uni-saarland.de
    Dr. Anne Henning Tel.: 0681 302 3863 E-Mail: a_henning@mx.uni-saarland.de

    http://www.uni-saarland.de/entwicklungspsychologie

    Hinweis für Hörfunk-Journalisten: Sie können Telefoninterviews in Studioqualität mit Wissenschaftlern der Universität des Saarlandes führen, über Rundfunk-Codec (IP-Verbindung). Interviewwünsche bitte an die Pressestelle (0681/302-2601) richten.


    Weitere Informationen:

    http://www.frontiersin.org/Cognition/10.3389/fpsyg.2012.00445/abstract
    http://www.uni-saarland.de/entwicklungspsychologie


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler
    Pädagogik / Bildung, Psychologie
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


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