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30.11.2012 17:41

Bundesweit einzigartiges Lernmodell macht hoffentlich bald Schule

Roger Motsch Universitätsklinikum des Saarlandes und Medizinische Fakultät
Universität des Saarlandes

    Neurowissenschaftliche Erkenntnisse optimieren das Lehren und Lernen in der Robert-Bosch-Schule Homburg

    Besucher in den 5. Klassen der Robert-Bosch-Schule Homburg werden auf den ersten Blick die sonst üblichen Anweisungen und Vorträge der Lehrer vermissen. Die Schülerinnen und Schüler vermissen das nicht: sie arbeiten, d.h. sie lernen konzentriert allein oder in Gruppen. Unterricht als Instruktion findet nur hin und wieder statt, besonders zur Einführung in neue Themen und Arbeitsgebiete.

    Neurowissenschaftliche Erkenntnisse und Methoden des Selbstorganisierten Lernens haben innerhalb kürzester Zeit zu einer erstaunlichen Steigerung der schulischen Leistungen und zu einem förderlichen Arbeitsklima geführt.
    Die Lehrkräfte sind fachlich und didaktisch gefordert, ansonsten begleiten und beraten sie die Lernarbeit, wo sie gebraucht werden.
    Medien und auch der renommierte Erziehungswissenschaftler Professor Ulrich Herrmann (Tübingen) informieren sich in Homburg über den innovativen Ansatz. Professor Herrmann hat vielfältig publiziert unter anderem zu den Themen „Neurodidaktik“ oder „Schulen zukunftsfähig machen“.

    Mit dem Ziel, die Unterrichtskultur zu reformieren, wandte sich die Schulleitung der Robert-Bosch-Schule an das Universitätsklinikum des Saarlandes (UKS), mit dem eine jahrelange Kooperation besteht.
    Mit Unterstützung von Dr. Christoph Krick, Naturwissenschaftler an der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie des UKS, konnten neurowissenschaftliche Erkenntnisse über Lernprozesse und deren biologischen Grundlagen bei der Neuausrichtung des Unterrichtens und Lernens der Schule genutzt werden.

    Im Wesentlichen geht es darum, über eine Umgestaltung der Arbeitsweise in den Schulen durch erfolgreicheres Lernen die schulischen Leistungen zu verbessern und die Schulabbrecherquote von derzeit ca. 11% zu reduzieren. Ebenfalls sollen den Jugendlichen für ihre Lehrstellensuche anschlussfähige Schlüsselqualifikationen vermittelt werden: die Abschlüsse müssen tragfähige Anschlüsse in die Berufsausbildung darstellen! Eine einfache Umstellung der Lehrpläne oder eine Intensivierung der Lehrtätigkeit helfen hier nicht weiter.

    „Lehrer können die Schulkinder – auch mit noch so viel Lehrtätigkeit – nicht lernwilliger machen. Lernen passiert nämlich im Kinderkopf durch Nachdenken und Selbermachen entsprechend zuvor präsentierten Ideenskizzen. Beim Nachdenken und Lernen sollte man dann die Lernfreude der Kinder nicht durch langatmigen Unterricht stören“, beschreibt Krick die Idee.

    Das selbsttätige Lernen klappt nach den bisherigen Ergebnissen der Gehirnforschung umso besser, je mehr das Lernen im Miteinander und in Erwartung des erfolgreichen Anwendens des Erlernten passiert. Dies genau ist das Ziel der Robert-Bosch-Schule, die zur interdisziplinären Beratung über Lernprozesse und deren Gestaltung um die Mitwirkung der Neurowissenschaft gebeten hatte.

    Das Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) steuert Mittel für die Fortbildung für das anwendertaugliche Umsetzen des „Selbstorganisierten Lernens“ (SOL) bei, das in Ulm durch das Institut für Selbstorganisiertes Lernen entwickelt wurde. Die Robert-Bosch-Schule kann zudem auf die Erfahrungen der ausgebildeten SOL-Trainerin, Anne Preisinger, zurückgreifen, da sie zugleich Fachlehrerin an dieser Schule ist.

    Die neue Unterrichts- und Lernkultur wird seit August 2012 praktiziert und zeigt überraschend schnell sehr positive Ergebnisse. Die Kinder haben ihre schulischen Leistungen enorm gesteigert, ungenügende Leistungen gibt es gar nicht mehr. Schüler, die zuvor in der Grundschule erhebliche Probleme mit dem Rechnen hatten, erreichen nun vielfach sehr gute Ergebnisse. Das Klassenklima ist außergewöhnlich freundlich und das Organisationstalent der Fünftklässler bewundernswert. Die Schülerinnen und Schüler beraten sich gegenseitig über ihre Arbeits-, Lernziele und individuellen Lernstrategien, so dass die Lehrpersonen mehr Freiraum als „Lernberater“ gewinnen. Die Kinder ziehen sich zum eigenverantwortlichen Lernen auch mal gerne in eines der sogenannten Lernateliers zurück, um dort konzentriert zu arbeiten. Lerndruck oder Versagensangst sind einem zielorientierten Miteinander beim Lernen gewichen. Professor Ulrich Herrmann stellt fest: „In den SOL-Klassen herrscht ein angenehmes Arbeitsklima: entspannte Anstrengungsbereitschaft, Ruhe durch Rücksichtnahme und Leistungsbereitschaft aufgrund von Erfolgserlebnissen.“ Die Motivation der Schulkinder lässt sich auch damit erklären, dass der individuelle Lernerfolg beim Erarbeiten und Anwenden des Wissens in Lerngruppen zu einem großen Teil durch die Kinder selbst dokumentiert, reflektiert und bewertet wird. Dabei geben „Ich kann“-Listen zum Protokollieren des Erreichten und Punktekonten („Ich habe folgende Tätigkeiten erfolgreich abgeschlossen“) zum Selbstbewerten sowohl Stütze als auch Transparenz und Anreiz auf dem Weg zu den Arbeitsergebnissen.

    „Diese Initialzündung in den fünften Klassen soll nun in der gesamten Schule etabliert und noch verfeinert werden“, kündigt die Leiterin der Schule, Barbara Naumann, an. „Der Erfolg spricht für sich, und das Kollegium profitiert ebenfalls vom besseren Lern- und Arbeitsklima.“ Doch auf dem Weg dieser Umgestaltung muten sich insbesondere die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer viel Arbeit zu, denn sie müssen nicht nur ihre Rolle im Unterricht neu erfinden und neue Erkenntnisse über das Schülergehirn berücksichtigen, sondern sie investieren auch viel Fantasie und Kreativität in die Unterrichtsvorbereitung – oder richtiger: in die Arbeitsmaterialien, mit denen die Schülerinnen und Schüler ihre Lernarbeit organisieren und durchführen können. Diese Vorbereitungsarbeit wird insgesamt aufwändiger, da die kindgerechten Instrumente zur klassen- und fächerübergreifenden Steuerung und Selbstbewertung der Lernarbeit noch weitgehend Neuland sind.

    Die Auswirkungen der neuen Unterrichtskultur sollten jedoch dokumentiert werden, um sowohl Aussagen zu Belastungen und Vorteilen zu gewinnen, als auch Effekte auf kognitive und emotionale Prozesse des Lernens zu messen. Daher wird im Augenblick der neue schulische Ansatz durch Dr. Krick wissenschaftlich begleitet. An dieser forschenden Beobachtung ist auch die Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKS beteiligt, um zu prüfen, ob ein kindgerechtes Schulklima zugleich auch das Risiko für seelische Erkrankungen im Jugendalter mindert. Die Universität des Saarlandes fördert die neurowissenschaftliche Begleitung des neuen Unterrichtsmodells über Forschungsmittel.

    Kontakt:
    Dr. Christoph Krick
    Klinik für Diagnostische und
    Interventionelle Neuroradiologie
    Universitätsklinikum des Saarlandes
    66241 Homburg
    http://www.uks.eu
    E-Mail: christoph.krick@uks.eu

    Barbara Neumann
    Robert-Bosch-Schule
    Virchowstraße 7
    66424 Homburg
    http://www.rbs-homburg.de
    schulleiter.ers1-hom@saarpfalz-kreis.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Lehrer/Schüler, Wissenschaftler, jedermann
    Gesellschaft, Medizin, Pädagogik / Bildung
    überregional
    Kooperationen, Schule und Wissenschaft
    Deutsch


    Dr. Christoph Krick, Neurowissenschaftler des UKS, Barbara Naumann, Leiterin der Robert-Bosch-Schule, Professor Ulrich Herrmann im Lernatelier (v.l.n.r.).


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