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20.12.2012 14:14

Antiliberales Europa - Heft 3/2012 der Zeitschrift "Zeithistorische Forschungen" erschienen

Marion Schlöttke Öffentlichkeitsarbeit
Zentrum für Zeithistorische Forschung

    Sehr verbreitet ist heute die Annahme, das vereinte Europa sei eine Antithese zur Erfahrung der beiden Weltkriege. Im 20. Jahrhundert habe „mehr Europa“ stets „mehr Freiheit“ und „mehr Demokratie“ bedeutet. Durch die aktuelle Krise Europas ist diese Fortschrittserzählung politisch fragwürdig geworden. Auch aus historischer Perspektive erscheint sie problematisch: Beschäftigt man sich mit Entwürfen und Erfahrungen europäischer Integration besonders in der Phase von 1920 bis 1970, so kommen viele antiliberale Dimensionen zum Vorschein, die den gängigen Narrativen der Europäisierung zuwiderlaufen. Dies ist der Ausgangspunkt des neuen Themenhefts der „Zeithistorischen Forschungen“.

    Dieter Gosewinkel, gemeinsam mit Peter Schöttler und Iris Schröder Herausgeber des Hefts, geht in seinem Editorial jener „anderen Integrationsgeschichte“ nach, die auch in der Historiographie lange wenig Aufmerksamkeit gefunden hat. Die dominierenden Europaprojekte der Zeit ab 1945 waren und sind zweifellos dem Liberalismus verpflichtet – im politischen und im ökonomischen Sinne. Die normative Dominanz solcher Projekte hat jedoch den Blick auf wichtige Gegenströmungen verstellt. Gosewinkel und mit ihm auch die weiteren Autorinnen und Autoren des Hefts untersuchen „Ideen, Konzepte, politische Anstrengungen und Praktiken, Europa von einem antiliberalen Standpunkt her zu bauen“. Dem heutigen Betrachter erscheint dieser Standpunkt vielfach weder sympathisch noch zukunftsweisend – aber er war historisch einflussreich und ist es zum Teil bis in die unmittelbare Gegenwart, etwa im europäischen Rechtsradikalismus.

    Sehr konkret werden diese Fragen, wenn man sich mit einzelnen Biographien beschäftigt, mit ihren Brüchen und Kontinuitäten. Peter Schöttler skizziert den Lebensweg einer „Hintergrundfigur“: Gustav Krukenberg (1888–1980), der zunächst in den 1920er-Jahren Sekretär des deutsch-französischen „Mayrisch-Komitees“ war, dann 1933 für kurze Zeit den Reichsrundfunk leitete und am Ende des Zweiten Weltkriegs zum „Inspekteur“ der französischen SS-Division „Charlemagne“ wurde, um schließlich in den 1960er-Jahren als führendes Mitglied des „Verbands der Heimkehrer“ für eine deutsch-französische Versöhnung im europäischen Rahmen einzutreten. Die Berufung auf „Europa“ konnte also in sehr unterschiedlichen politischen Konstellationen als verbindendes Stichwort dienen und ermöglichte ein erstaunliches Bewusstsein der Kontinuität. Anne Kwaschik verfolgt am Beispiel des Elsass das Spannungsverhältnis von Europa-Konzepten und regionalen Identitäten im 20. Jahrhundert. Die in den 1920er- und 1930er-Jahren entwickelten Bezüge auf „Europa“, „Volkstum“ und die „deutsch-französische Verständigung“ blieben bis in die 1970er-Jahre prägend. Für die Zwischenkriegszeit, so Kwaschik, ist die Unterscheidung zwischen „liberalen“ und „antiliberalen“ Konzepten zu problematisieren, da die regionalen Europavorstellungen grundsätzlich ambivalent waren. Dies beobachtet und diskutiert auch Małgorzata Morawiec, die einen Aufsatz über autoritäre Europakonzeptionen im Polen der Zwischenkriegszeit beisteuert.

    Besonders brisant ist die Frage, wie die Europapläne und die Europapolitik der NS-Zeit einzuschätzen sind: Handelte es sich bei der Berufung auf „Europa“ um reine Ideologie und Propaganda, d.h. war das nationalsozialistische „Neue Europa“ im Grunde ein „Anti-Europa“? Diese Position hat in der Geschichtswissenschaft lange dominiert, ist durch viele jüngere Forschungen aber differenziert worden: Zwischen der nationalsozialistischen Herrschaftspraxis während des Zweiten Weltkriegs und den Anfängen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft nach 1945 gab es strukturelle und institutionelle, personelle und intellektuelle Kontinuitäten. In einem Debattenbeitrag des Hefts erläutert Thomas Sandkühler solche Verbindungslinien. Den „Zusammenhang zwischen Besatzungspolitik, Finanzwirtschaft und Vernichtungspolitik“ betont er speziell am Beispiel Griechenlands. Weitere Artikel etwa zu den unterschiedlichen Vorstellungen von „Europa“ im Gedankengut faschistischer Bewegungen sowie zur zeitgenössischen Beurteilung der nationalsozialistischen Europapläne in der englischen und amerikanischen Tagespresse vertiefen diesen Diskussionszusammenhang.

    Drei Beiträge in der Rubrik „Neu gelesen“ runden das Heft ab: Jens Hacke zeigt, wie sich Moritz Julius Bonn und Alfred Weber Mitte der 1920er-Jahre als Krisendiagnostiker des Liberalismus betätigten und dabei zu divergierenden Schlussfolgerungen gelangten. Michael Pammer deutet Richard Coudenhove-Kalergis jahrzehntelange „Pan-Europa-Betriebsamkeit“ als Ausdruck einer höchst opportunistischen Haltung, die sich unterschiedlichen politischen Ordnungen anzupassen vermochte. Bernhard Dietz erinnert an den englischen Kulturhistoriker und Katholiken Richard Dawson, dessen antiliberale Streitschrift „The Making of Europe“ von 1932 unter dem deutschen Titel „Die Gestaltung des Abendlandes“ besonders in den 1950er-Jahren breite Resonanz fand. So unzeitgemäß derartige Bücher heute wirken, so virulent bleiben doch die übergreifenden Fragen des Themenhefts: Welche Spuren hat die breite Ablehnung des Liberalismus aus der Zeit vor 1945 in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und in unserer Gegenwart hinterlassen? Was wurde und wird unter „liberal“ und „antiliberal“ mit Blick auf „Europa“ jeweils verstanden? Eine solche Historisierung liefert keine einfachen Lösungen für die heutigen Probleme, kann aktuelle Debatten aber breiter fundieren.

    „Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History“ wird am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam http://www.zzf-pdm.des herausgegeben von Frank Bösch, Konrad H. Jarausch und Martin Sabrow in Verbindung mit Zeitgeschichte-online (http://www.zeitgeschichte-online.de). Die Zeitschrift erscheint gedruckt im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht (http://www.v-r.de) und zugleich im Open Access (http://www.zeithistorische-forschungen.de).

    Bei redaktionellen Fragen wenden Sie sich bitte an:
    Dr. Jan-Holger Kirsch
    Zentrum für Zeithistorische Forschung
    Redaktion Zeitgeschichte-online
    Am Neuen Markt 1
    D-14467 Potsdam
    Tel.: ++49 (0)331/28991-18
    E-Mail: kirsch@zeitgeschichte-online.de
    Internet: http://www.zeithistorische-forschungen.de

    Abonnements, Einzelhefte und Rezensionsexemplare sind erhältlich bei:
    HGV Hanseatische Gesellschaft für Verlagsservice mbH
    Holzwiesenstr. 2
    72127 Kusterdingen
    Tel.: ++49 (0)7071/9353-16
    Fax: ++49 (0)7071/9353-93
    E-Mail: v-r-journals@hgv-online.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wissenschaftler, jedermann
    Geschichte / Archäologie, Politik
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Plakatwand in Wien, ca. 1941


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