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30.01.2013 09:43

Historische Wirtschaftskrisen als Lehrstücke – Investitionen in die Realwirtschaft zahlen sich aus

Claudia Ehrlich Pressestelle der Universität des Saarlandes
Universität des Saarlandes

    Aus Krisenzeiten können Staaten sogar gestärkt hervorgehen, wenn richtige Weichen gestellt und gute Entscheidungen getroffen werden. Was in der Krise hilft und was eher schädlich ist, erforschen Saarbrücker Wirtschaftshistoriker: Professor Margrit Grabas und ihr Team untersuchen historische Wirtschaftskrisen und ziehen Lehren aus der Vergangenheit für die Zukunft. Kurz vor dem Abschluss steht jetzt ein Projekt über Konjunktur- und Strukturkrisen der Jahre 1966 bis 1982, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert.

    Aus Fehlern kann die Nachwelt lernen, aus guten Lösungen auch - das sind Gründe, warum die Wirtschaftshistorikerin Margrit Grabas und ihr Forscherteam sich mit vergangenen Krisen befassen. An ihnen lässt sich nachvollziehen, welche Ereignisse sie auslösten, begünstigten und welchen Verlauf sie nahmen, vor allem aber auch wie sie bewältigt wurden, was die Situation entspannte oder verschärfte. Die Forscher suchen Parallelen und Unterschiede zu aktuellen Krisen und analysieren Maßnahmen und ihre Wirkungen.

    Konjunktur- und Strukturkrisen von 1966 bis 1982, ihren Verlauf, ihre Wahrnehmung und Bewältigung erforscht Grabas mit ihrem wissenschaftlichen Mitarbeiter Veit Damm in einem Projekt, das seit zwei Jahren von der DFG gefördert wird. Die erste Nachkriegs-Rezession verbreitete 1966/67 Krisenangst; die erste Ölkrise beschleunigte 1973/74 das Ende des europäischen Nachkriegsbooms und der zweite Ölpreisschock von 1979 trieb Europa wieder in die Rezession. Einen Schwerpunkt legen die Forscher auf die Großregion Saar-Lor-Lux: Sie wurde sowohl von strukturell als auch konjunkturell bedingten Krisen heimgesucht. Im Steinkohlebergbau und der Stahlindustrie führten massive Produktionseinbrüche zu hohen Arbeitsplatzverlusten. Die Arbeitslosenquote wuchs von einem Prozent 1965 bis zu fast 13 Prozent im Jahr 1984.

    Ein zentrales Ergebnis der Wirtschaftshistoriker: Die damals in der Saarregion getroffenen Maßnahmen zur Krisenbewältigung waren zum Teil erfolgreich und bestimmen die Wirtschaft bis heute. Die Politik reagierte, indem sie eine massive Industrieförderungs-Maschinerie anwarf: Subventionen, Kurzarbeit, staatliche Konjunkturprogramme. Es wurde im großen Stil investiert – im Saarland vor allem in den Automobil- und Maschinenbau sowie in den Stahlsektor. Das war vor dem Hintergrund der aufziehenden Dienstleistungsgesellschaft unpopulär. Langfristig führte es aber zu einem Erhalt der Industrie und zahlreicher Arbeitsplätze. „In Krisenzeiten die strukturellen Probleme der Realwirtschaft, also des produzierenden Gewerbes, der Industrie, der Landwirtschaft, anzugehen, zahlt sich aus. Einseitige Maßnahmen dagegen wie die Rettung des Kapitalmarktes und der Haushalte genügen nicht“, erklärt Professor Margrit Grabas.

    Andererseits führten industrie- und konjunkturpolitische Eingriffe des Staates wie die Subventionsprogramme der 60er und 70er Jahre in Deutschland zu einer Aufblähung der Geldmenge, gleichzeitig wurde der volkswirtschaftliche Strukturwandel blockiert. In den 80er Jahren wurde daraufhin auf Liberalisierung und Deregulierung der Märkte gesetzt. Es kam in Mode, alles zu privatisieren. „Die Deregulierungspolitik hat einen Großteil der heutigen Probleme mitverursacht. Damit freie Märkte sich nicht verselbstständigen und systemgefährdende Ungleichgewichte erzeugen, muss es einen gewissen Grad der Regulierung geben“, erläutert Grabas. Das lehre auch die Gründerkrise im Deutschen Reich, die in der Zeit von 1873 bis 1879 Dutzende von Banken in die Insolvenz riss und der aktuellen Finanz- und Bankenkrise vergleichbar sei. „Damals griff der Staat regulierend in den Bankensektor ein, was mit weiteren Faktoren wie dem technischen Fortschritt dazu führte, dass Deutschland bis zum Ersten Weltkrieg führende Wirtschaftsmacht in Europa wurde“, erläutert sie. Auch im Vorfeld der jüngsten Krise verselbstständigte sich der globale Finanzmarktsektor, was die Große Rezession von 2008/2009 wie bei der Gründerkrise verstärkte. „Banken sind Dienstleister für die Realwirtschaft. Die Abkopplung des Finanzmarktes von der Realwirtschaft ist ein Fehler. Ein ehrbarer Kaufmann hat immer handfeste Produkte, mit denen er handelt“, sagt Grabas.

    Als weitere entscheidende Aspekte in der Krise sieht Grabas die Emotionen, die Stimmung im Land an. „Die Menschen und ihre Ängste spielen eine große Rolle bei der Erklärung, warum Krisen entstehen und wie sie verlaufen“, sagt sie. Auch das Nicht-Wahrhaben-wollen sei ein solches Phänomen. Ein Beispiel hierfür: die Stahlkocher der saarländischen Hüttenstadt Völklingen. Selbst in den krisenhaften 70er Jahren ging es denen, die noch Arbeit hatten, aufgrund ständig steigender Löhne subjektiv gut, wenngleich die Stahlkrise vor Ort letztlich rund 15.000 Arbeitsplätze vernichtete.

    Kontakt:
    Prof. Dr. Margrit Grabas: Tel: 0681-302-3319; E-Mail: m.grabas@mx.uni-saarland.de
    Dr. Veit Damm: Tel: 0681-302-2370; E-Mail: v.damm@mx.uni-saarland.de

    Hinweis für Hörfunk-Journalisten: Sie können Telefoninterviews in Studioqualität mit Wissenschaftlern der Universität des Saarlandes führen, über Rundfunk-Codec (IP-Verbindung). Interviewwünsche bitte an die Pressestelle (0681/302-2601) richten.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler
    Geschichte / Archäologie, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft
    überregional
    Forschungs- / Wissenstransfer, Forschungsergebnisse
    Deutsch


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