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24.04.2013 23:01

Materialverlust schützt Zähne gegen Ermüdungsbruch

Dr. Sören Dürr Senckenberg Pressestelle
Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

    Frankfurt am Main/Leipzig, den 24.04.2013. Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstitutes in Frankfurt am Main und des Max-Planck Institutes für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben gemeinsam mit Zahntechnikern Belastungsanalysen (Finite-Elemente-Analysen) an menschlichen Vorbackenzähnen durchgeführt. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die sehr häufig auftretenden Schmelzabsprengungen am Zahnhals mit der in unseren industrialisierten Gesellschaften reduzierten Zahnabnutzung im Zusammenhang stehen können. Die zugehörige Studie erscheint heute im Fachjournal PLoS ONE.

    Unsere Zähne sind uns wichtig und teuer. Dabei stehen heute oft ästhetische Aspekte im Vordergrund. Ein gesundes Gebiss soll strahlend weiße Zahnkronen und möglichst keine Zahnabnutzung aufweisen. Die evolutionäre Geschichte unseres Gebisses lehrt uns allerdings etwas anderes. Eine natürliche Zahnabnutzung als unvermeidbare Folge der Nahrungszerkleinerung und des Lebensraumes begleitet seit Urzeiten die Evolution der Menschen.

    „In unseren industrialisierten Gesellschaften finden wir an den Zähnen einen deutlichen Anstieg von Zahnhalsdefekten“, erklärt Dr. Ottmar Kullmer, Spezialist für Evolutionäre Anpassung und Kaufunktion am Senckenberg Forschungsinstitut, und erläutert weiter: „Aufgrund unserer Berechnungen der Kaubelastung gehen wir davon aus, dass regelmäßig wiederkehrende Zugkräfte besonders im Zahnhalsbereich die Ursache für viele der heutigen Schmelzabsprenungen sein könnte.“

    Die Forscher benutzten Methoden aus der Ingenieurwissenschaft (Finite-Elemente-Analyse, FEA), nachdem zuvor mit Hilfe einer im Senckenberg Forschungsinstitut entwickelten Software (Occlusal Fingerprint Analyser) die genauen Zahn-zu-Zahn-Kontakte bestimmt wurden. „Die individuellen Zahnkontakte dienten zur möglichst realitätsnahen Computersimulation der Belastungsverteilung beim Zubeißen“, ergänzt Stefano Benazzi, Experte für Zahnanthropologie und funktionale Morphologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, der die Finite-Elemente-Analysen durchführte. Um die Veränderung des Belastungsmusters in ein und derselben Zahnkrone in unterschiedlichem Abnutzungsalter zu untersuchen, wurden zwei der kleineren Vorbackenzähne, der sogenannten Prämolaren, mit Hilfe ihrer ermittelten Bewegungsdaten im Labor künstlich abgeschliffen. Damit wurde die natürliche Abnutzung nachgestellt und so konnte berechnet werden, wie sich das Belastungsmuster mit dem kontinuierlichen Abrieb von Zahnsubstanz verändert.

    In den stärker abgenutzten Zähnen verteilt sich die Belastung wesentlich besser über die gesamte Zahnkrone, so dass die Zugspannungen deutlich reduziert werden. „Die Evolution scheint hier eine durchaus erfolgreiche Kompromisslösung zwischen Materialverlust und möglichst langem Funktionserhalt gefunden zu haben“, schlussfolgert Erstautor Stefano Benazzi. Die Verlängerung unserer Lebensspanne, und die Verringerung der Zahnabnutzung stellen die moderne Zahnmedizin vor die große Herausforderung, die biologische Anpassung und unsere schnelle kulturelle Entwicklung in der Zahnheilkunde zu berücksichtigen, so die Wissenschaftler.

    PONE-D-13-02791R1
    The Evolutionary Paradox of Tooth Wear: Simply Destruction or Inevitable Adaptation?
    Stefano Benazzi, Huynh Nhu Nguyen, Dieter Schulz, Ian R. Grosse,
    Giorgio Gruppioni, Jean-Jacques Hublin, Ottmar Kullmer

    BITTE BEACHTEN SIE DIE SPERRFRIST:
    Inhalte dieser Pressemitteilung dürfen nicht vor dem 24. April 2013, 23:00 UHR MESZ veröffentlicht werden.

    Kontakt

    Dr. Ottmar Kullmer
    Senckenberg Forschungsinstitut Frankfurt am Main
    Abteilung Paläoanthropologie und Messelforschung
    Sektion Tertiäre Säugetiere
    Senckenberganlage 25
    60325 Frankfurt am Main
    Germany
    Tel.: +49-69-7542-1364
    okullmer@senckenberg.de

    Stefano Benazzi
    Max Planck Institut für
    evolutionäre AnthropologieAbteilung Humanevolution
    Deutscher Platz 6
    04103 Leipzig
    Tel.: +49 (0)341 3550-362
    stefano_benazzi@eva.mpg.de

    Pressestelle

    Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
    Regina Bartel
    Senckenberganlage 25
    60325 Frankfurt am Main
    Tel. 069- 7542 1434
    regina.bartel@senckenberg.de

    Pressestelle

    Max Planck Institut für evolutionäre Anthropologie
    Sandra Jacob
    Deutscher Platz 6
    04103 Leipzig
    Tel.: 0341- 3500-122
    jacob@eva.mpg.de

    Die Pressebilder können kostenfrei für redaktionelle Berichterstattung verwendet werden unter der Voraussetzung, dass das genannte Copyright mit veröffentlicht wird. Eine Weitergabe an Dritte ist nur im Rahmen der aktuellen Berichterstattung zulässig.

    Die Pressemitteilung und Bildmaterial finden Sie auch unter www.senckenberg.de/presse


    Weitere Informationen:

    http://www.senckenberg.de/presse


    Bilder

    Häufige Zahnhalsdefekte
    Häufige Zahnhalsdefekte
    Foto: O. Winzen
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    Zahn unter Spannung – in den roten Bereichen kann das Material abplatzen
    Zahn unter Spannung – in den roten Bereichen kann das Material abplatzen
    © MPI Evolutionäre Anthropologie, Leipzig
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    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Wirtschaftsvertreter, jedermann
    Biologie, Ernährung / Gesundheit / Pflege, Medizin, Werkstoffwissenschaften
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


     

    Häufige Zahnhalsdefekte


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