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29.06.1998 00:00

Universität Dortmund: Rosa Kunst und rohe Technik rücken zusammen

Ole Lünnemann Referat Hochschulkommunikation
Universität Dortmund

    Am 1. Juli eröffnet das Institut für Kunst und ihre Didaktik das Forschungsprojekt "Kunst im öffentlichen Raum der Universität Dortmund". Ziel dieses Projektes ist zum einen die Vernetzung und Integration von künstlerischer und wissenschaftlich-technischer Zusammenarbeit an der Dortmunder Universität. Dabei sollen die Kapazitäten der unterschiedlichen Fachbereiche genutzt werden. Zum anderen soll die interdisziplinäre Arbeit gefördert werden, um auf dem Campus ortsbezogene künstlerische Projekte zu installieren. Das Gesamtprojekt ist ein interdisziplinäres Forschungsvorhaben in Zusammenarbeit mit den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik, Chemietechnik, Bauwesen/Architektur, Philosophie sowie Musik.

    "Eine solche Arbeit steht nicht nur beispielhaft für die Struktur einer Universität, sondern repräsentiert gleichzeitig die in unseren Jahren sowohl technisch möglichen wie auch notwendigen Vernetzungen aller Wissensbereiche ...", so die Veranstalter. Ursula Bertram-Möbius, Kunstprofessorin und Leiterin des Projektes, spricht von neuronaler Kunst, einer Kunst, die dem linearen Denken der Wissenschaft ein anderes, nicht zwangsläufig logisches Denk-Modell entgegenstellt. Schon 1996 seien in einem Werkstattgespräch Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen zusammengekommen. Damals sei die Idee entstanden, die technischen Bereiche für das Kunstschaffen zu öffnen.
    Wolfram Guhr, Wissenschaftlicher Angestellter im Fachbereich Chemietechnik, ist heute begeistert: "Es hat Spaß gemacht, mit jungen Künstlern zusammenzuarbeiten. Sie haben eine andere Herkunft, ihr Denken hat andere Paradigmen.
    "Mit Hilfe der Wissenschaftler und Techniker der Universität, aber auch mit Unterstützung einer Baufirma und anderer Sponsoren wurden drei künstlerische Projekte geplant und ausgeführt. An die hundert Menschen waren im Laufe der Monate beteiligt.

    Stadt - Land - Fluß
    ist der Konzepttitel eines Projektes von Uwe Zielke-Steffen, das insgesamt drei Skulpturen aus Spundbohlen umfaßt. Die erste Plastik ragt als 2,2 t schwerer Monolith vier Meter aus dem Boden auf. Sie befindet sich oberhalb der Freitreppe von der S-Bahn-Station zur Freifläche zwischen Emil-Figge-Str. 50 und der Uni-Bibliothek. Sie gewährt keinen Einblick. Wer mit der H-Bahn fährt, verliert die Plastik langsam aus dem Auge und entdeckt sogleich die zweite auf dem Parkplatz vor der Bibliothek am Vogelpothsweg. Sie ist bereits einsehbar. Die dritte Plastik wird dann ebenfalls aus der bequemen H-Bahn-Perspektive in Höhe des Sportinstituts sichtbar. Hier geben niedrige Spundbohlen eine Fläche frei, die von Passanten auch betreten oder als Liegefläche gewählt werden kann.
    Der Künstler verweist darauf, daß den einzelnen Objekten kein eigener Titel zugewiesen wurde und daß sie somit in keiner abbildhaften Beziehung zu Stadt, Land oder Fluß stehen. Aber wie bei dem Kinderspiel laden sie ein, sich einen Raum, einen Begriff zu bilden.
    Uwe Zielke-Steffen sieht im zunehmenden Rost seiner Spundbohlen in erster Linie einen Farbton, der ihm gefällt - ganz anders als vielleicht ein Maschinenbauer, der die Korrosion als technisches Problem und nicht als künstlerischen Ausdruck ansehen würde.

    "Wir zweifeln jetzt anders."
    Das Zitat des Medien- und Kunstphilosophen Vilém Flusser wurde aus blauem Edelstahl gefertigt. Die einzelnen Wörter wurden an vier verschiedenen Orten des Campus Nord montiert. Wer aufmerksam über das Universitätsgelände läuft, entdeckt diese vier Worte im Brückenbereich zwischen Mensa und Bibliothek, an der nördlichen Front des Chemiegebäudes C2, an der Ostseite des Chemietechnikgebäudes Bereich F2/G2 (Flachbau Süd) und an der Südseite des westlichen Hauptgebäudes Emil-Figge-Straße 50.
    Die Künstlerin Brigitte Hitschler symbolisiert mit diesem Projekt einen Paradigmenwechsel, welcher besagt, daß nicht mehr das Individuum, sondern nur die Relation das einzig Konkrete unserer Gesellschaft ist. Somit ändere sich auch zwangsläufig die Richtung unserer Zweifel. "Die Universität als Ort der Konzentration von Menschen, Forschung und Visionen nimmt diese Veränderungen seismographisch auf und setzt sie um, schwingt, wogt und verdichtet sich - ist selbst Ausgangspunkt der Veränderungen."
    Das Institut für Kunst und ihre Didaktik verfügte nicht über die technischen Möglichkeiten, die Schriftzüge an den Fassaden der Hochschulgebäude zu montieren. Plasmaschneider, wetterfeste Farben, dauerhaft haltbare Verankerungen wurden von Ingenieuren für das Projekt beigesteuert. Im Gegenzug setzen sie sich nun mit Flussers Text auseinander - oder sie setzen sie nach eigenem Gusto zu einem neu vernetzten Satz zusammen: Anders zweifeln wir jetzt. Fragezeichen.

    Mit seinem
    Schwammkubus
    bezieht sich Ralf Friedrich auf den Ort, die Tätigkeiten der Menschen vor Ort und den Gegensatz der verwendeten Materialien. Der Würfel, der sich auf dem Platz vor dem neuen Maschinenbau-Gebäude befindet, besteht aus hartem Beton und Stahl sowie weichem Polyester. Stahl und Beton werden sich sehr langsam zersetzen, der Polyesterschwamm wird dagegen durch die harte UV-Strahlung innerhalb eines Jahres erhärtet und ausgetauscht.
    Mit einem Radarmelder sollen dreimal täglich die vorbeigehenden Menschen gezählt werden. Haben - beispielsweise - 50 Menschen die Plastik passiert, sorgt ein Microprozessor dafür, daß ein Motor den Schwammwürfel von 50 cm Höhe langsam um 20 cm zusammendrückt. Fünf Minuten verharrt er in dieser Stellung und dann dehnt er sich wieder auf die ursprüngliche Höhe aus. Den Künstler interessierte vor allem der Gegensatz von "hart" und "weich", "scharf" und "unscharf", wobei der Aspekt der zeitlichen Veränderung - einerseits durch die Kontraktion , andererseits durch die Zerstörung - tragend in der Konzeption ist.

    Zur Eröffnungsfeier
    der "Kunst im öffentlichen Raum der Universität Dortmund" hat Prof. Ursula Bertram-Möbius am Mittwoch, 1. Juli 1998, um 16:00 Uhr in den Hörsaal der Universitätsbibliothek, Vogelpothsweg 76, Campus Nord, mit der Frage eingeladen: "Rosa Wissenschaft oder Nichts als Kunst?"
    Nach einem Grußwort von Prorektor Prof. Dr. Hans-Paul-Schwefel wird sie selbst in einer Danksagung das Forschungsprojekt und die Realisation der Kunstobjekte vorstellen.
    Anschließend werden Festvorträge interdisziplinäre Aspekte des Projektes und seines Hintergrunds beleuchten: Dr. Dietrich Mahlow, früherer Direktor der Staatlichen Kunsthallen von Baden-Baden und Nürnberg, Kurator bedeutender Museen, Dozent mehrerer Hochschulen sowie Weggefährte von Vilém Flusser, spricht zum Thema "Kunst und Wissenschaft". Insbesondere wird er dabei auf den Paradigmenwechsel und das sich verändernde Denken eingehen. "Kunst und Technik" ist das Thema von Prof. Dr. Klaus Heinz, langjähriger Dekan des Fachbereichs Maschinenbau. Prof. Dr. Werner Post, kommissarischer Dekan des Fachbereich 14, setzt sich dem "Zweifel in der Philosophie" auseinander.


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Biologie, Chemie, Kunst / Design, Maschinenbau, Musik / Theater, Philosophie / Ethik, Religion, Werkstoffwissenschaften
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Forschungsprojekte
    Deutsch


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