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04.10.2013 11:23

Zu dick-ohne Selbstwertgefühl-geprägt fürs Leben: 200.000 Jugendliche leiden an extremer Adiposita

Stefan Zorn Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Medizinische Hochschule Hannover

    300 Experten diskutieren bei Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft an der MHH neue Leitlinien und die Stigmatisierung

    Mehr als die Hälfte aller Deutschen leidet an Übergewicht, fast jeder vierte Bundesbürger hat extremes Übergewicht, ist an Adipositas erkrankt. Selbst unter Kindern und Jugendlichen ist Adipositas weit verbreitet: 15 Prozent der Drei- bis 17-Jährigen oder 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche sind hierzulande bereits übergewichtig. „Allein durch die Zahl der betroffenen Menschen ist das Thema längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagt Professorin Dr. Martina de Zwaan von der Medizinischen Hochchule Hannover (MHH), Direktorin der Klinik für Psychosomatik. „Aber gerade weil Adipositas zu einer Volkskrankheit geworden ist, fällt es immer schwerer, gesicherte Sachkenntnis von populistischen Meinungen zu trennen.“ Einen Beitrag dazu liefert die 29. Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, die vom 3. bis 5. Oktober 2013 in Hannover stattfindet. Mehr als 300 Experten aus dem deutschsprachigen Raum tagen an der MHH. „Der Umgang mit den vielfältigen Problemen adipöser Menschen auf allen Ebenen steht im Mittelpunkt des Kongresses“, betont die Tagungspräsidentin. Wichtige Themen seien unter anderem Jugendliche mit Adipositas, die Stigmatisierung der Krankheit und die neuen Leitlinien zur Behandlung.

    Stigma bei Adipositas führt zu vermindertem Selbstwertgefühl

    Die Adipositas ist im Vergleich zu anderen körperlichen und psychischen Gesundheitsstörungen mit dem gesellschaftlich wohl am meisten akzeptierten Stigma belegt, wie Anja Hilbert betont, Professorin für Verhaltensmedizin am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum AdipositasErkrankungen in Leipzig. Dieses Stigma umfasst negative Stereotypen und Vorurteile; so wird adipösen Menschen nachgesagt, faul, willensschwach oder unnormal zu sein. „Tragisch ist, dass Menschen mit Adipositas die Tendenz zeigen, diese negativen Stereotypen für sich anzunehmen. Sie verinnerlichen die ihnen entgegengebrachten Vorurteile und werten sich selbst aufgrund ihres Übergewichts ab“, erklärt Professorin Hilbert. Dieses Selbststigmata führt zu einem verminderten Selbstwert, erhöhtem psychischem Leid und verringertem Bewältigungsverhalten. Dieses Verhalten beginne schon im Kinder- und Jugendalter.

    Adipöse Jugendliche haben oft eine schlechtere Lebensqualität als Krebskranke

    In Deutschland leben mindestens 200.000 Jugendliche mit extremer Adipositas, wie Professor Dr. Martin Wabitsch vom Universitätsklinikum Ulm betont, Präsident der Deutschen Adipositas Gesellschaft und Koordinator des BMBF-Verbundprojektes „Jugendliche mit extremer Adipositas“. „In den Medien findet man Mädchen oder Jungen mit 150 Kilogramm und mehr oft als Attraktion und Anschauungsobjekte“, sagt Professor Wabitsch. „In Wirklichkeit geht es den Betroffenen Jugendlichen schlecht. Ihre Lebensqualität liegt unterhalb der von Krebspatienten. Sie sind oft Schulverweigerer und internetsüchtig, haben aufgrund ihrer körperlichen Fülle keine Chance auf einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz und werden gesellschaftlich isoliert.“ Oft hätten sie eine Odyssee im medizinischen Versorgungssystem in Deutschland hinter sich wegen der Gewichtszunahme (etwa 15 Kilogramm pro Jahr), den Gelenkproblemen, den nächtlichen Atmungsstörungen oder dem bereits vorliegenden Altersdiabetes. Mit dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit zwei Millionen Euro geförderten Verbundprojekt sollen Auswege für diese Jugendlichen gefunden werden.

    Adipositas muss als Krankheit wahrgenommen werden

    „Durch die Neufassung unserer Leitlinien bekommen Diagnose und Therapie der Adipositas in Deutschland ein modernes Gesicht“, sagt Privatdozent Dr. Stefan Engeli vom MHH-Institut für Klinische Pharmakologie, der gemeinsam mit Professorin de Zwaan Tagungspräsident ist. Professor Dr. Alfred Wirth, Koordinator der S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Adipositas“ aus Bad Rothenfelde, betont, dass Adipositas eindeutig als Krankheit definiert sei, die Behandlung daher von den Krankenkassen finanziert werden sollte. Dabei muss den Betroffenen und Angehörigen, aber auch den Ärzten und Therapeuten klar sein: „Die Behandlung muss multimodal geschehen, ist aufwendig und dauert lange.“ Die Basis der Behandlung stellten Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie dar. Medikamentöse Therapien sollten nie ohne das Basisprogramm erfolgen, ebenso wie chirurgische Eingriffe. „Wir alle wissen, dass es schwer ist, sein Verhalten dauerhaft zu ändern, aber genau darum geht es“, betonte Professor Wirth. Und Privatdozent Dr. Engeli ergänzt: „Versprechungen einer schneller Gewichtsreduktion durch Wunderpillen sind nicht nur unrealistisch, sondern auch zutiefst unethisch.“

    Weitere Informationen erhalten Sie bei den Kongresspräsidenten, Professorin Dr. Martina de Zwaan, dezwaan.martina@mh-hannover.de http://mailto:dezwaan.martina@mh-hannover.de , Telefon (0511) 532-6570, und Privatdozent Dr. Stefan Engeli, engeli.stefan@mh-hannover.de http://mailto:engeli.stefan@mh-hannover.de , Telefon (0511) 532-2796.

    Ein Foto ist dieser Mail beigefügt; es zeigt Im Zusammenhang mit dieser Presseinformation können Sie es kostenfrei verwenden, wenn Sie als Quelle „MHH/Kaiser“ angeben. Außerdem sind pdf-Dateien zu den drei behandelten Schwerpunkten angehängt.


    Anhang
    attachment icon Statements der Experten zu den drei Kongress-Schwerpunkten

    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Medizin
    überregional
    Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


    Adipositas-Experten: die Professoren Hilbert, Wabitsch, de Zwaan und Wirth.


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