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30.01.2014 14:58

Olympische Winterspiele: Saarbrücker Historiker ist Experte für die Kulturgeschichte des Sports

Claudia Ehrlich Pressestelle der Universität des Saarlandes
Universität des Saarlandes

    Professor Wolfgang Behringer hat die Kulturgeschichte des Sports vom antiken Olympia bis heute erforscht – auch den Wintersport und die junge Geschichte der Olympischen Winterspiele. Jahrelang hat er Material gesammelt und ausgewertet, viele Quellen, die bis dahin in Archiven schlummerten wie Briefwechsel, Tagebücher, Memoiren. Was er herausfand, offenbart eine erstaunliche Sportlichkeit und Sportbegeisterung durch die Jahrhunderte und alle Bevölkerungsschichten. Dabei hinterfragt er kritisch auch die aktuellen sportlichen Entwicklungen.

    Skifahrer gab es schon vor vielen tausend Jahren. Große Schneeballschlachten wurden im mittelalterlichen Italien als Winter-Kampfsport betrieben und zusammen mit Steinschlachten mehrfach verboten. Sportarten auf dem Eis wie Eislaufen, Eissegeln oder Eisschießen waren in der frühen Neuzeit hochbeliebt, ebenso wie Schlittenrennen: Der Wintersport hat eine bewegte Geschichte. Wenn ab dem 7. Februar die Sportler in Sotschi zu so neuartigen Sportarten wie Ski-Halfpipe antreten, so hat dies einen historischen Hintergrund.

    Die Anfänge des Skisports reichen weit zurück. „In Norwegen und Schweden wurden Belege gefunden, dass bearbeitetes Holz bereits vor etwa 4000 Jahren als Ski genutzt wurde, sogar doppelt so alte Funde stammen aus dem Nordwesten Russlands. Die nordgermanischen Götter Ullr und Skadi wurden auf Runensteinen und in nordischen Sagas auf Skiern dargestellt“, erklärt Kulturhistoriker Wolfgang Behringer. „Als Wikingerfürst Ragnar Lodbrok im 9. Jahrhundert Norwegen überfiel, unterlag er wenigen Bauern auf Skiern, die besser beweglich waren als die bewaffneten Dänen. Und der 90 Kilometer lange Wasa-Lauf erinnert in Schweden seit 1922 daran, dass der spätere König Gustav Eriksson Wasa im Jahr 1520 auf Skiern vor dänischen Verfolgern floh.“ Im Mittelalter waren Skier weit verbreitet, weil sie leicht herzustellen waren. „Ihre Form variierte nach Einsatzort, es gab lange, kurze, schwere und leichte. Wie ein Tretroller etwa wurde ein unterschiedlich langes Paar Ski benutzt, das kürzere mit Fell an der Unterseite diente zum abstoßen“, erläutert er.

    Während das Mittelalter insgesamt eher mildes Klima verzeichnete, folgte ab dem 14. Jahrhundert eine lange Kaltperiode: die Kleine Eiszeit. „Sie dauerte fast sechshundert Jahre. Es gab dramatische Kälteeinbrüche, im Winter froren Flüsse und Kanäle zu Eisstraßen“, sagt Behringer, der auch Spezialist für die Kulturgeschichte des Klimas ist. Wintersportarten waren in Mitteleuropa sehr verbreitet: „Das Eislaufen mit Schlittschuhen war sehr beliebt, in Holland kam im 17. Jahrhundert der Eiskunstlauf mit Luftsprüngen in Mode. Auch das Eisschießen mit verschiedenen Sportgeräten war verbreitet. Schottische Adlige etwa gründeten 1510 einen CurlingClub, eine Form des Eisschießens, bei dem flache Steine übers Eis geschossen wurden“, erläutert er. Fürs Eissegeln wurden entsprechend schnelle Gefährte entwickelt, ebenso alle Arten von Schlitten, die teils von Hunden oder Pferden gezogen wurden. Die Höfe verfügten über ganze Prunkschlitten-Parks. Der Hofadel vergnügte sich beim Ringelstechen: Vom Schlitten aus wurde versucht, mit einer Lanze einen aufgehängten Ring zu treffen. Auch Rennen wurden veranstaltet. „Kurfürst Maximilian von Bayern etwa nannte im 16. Jahrhundert 19 schwarze Rennschlitten sein Eigen“, sagt der Historiker.
    Das schon damals Calcio(Fußball)-verrückte Italien verlegte das Spiel, das zu jener Zeit ohnehin ohne Spielfeld und feste Spielerzahl auskam, kurzerhand aufs Eis – so geschehen 1491, als in Florenz der Arno zufror. „Ebene, nicht zugebaute Flächen ohne Wälder waren selten“, erklärt Behringer.

    Olympische Winterspiele stehen erst seit 1924 auf dem Programm. „Die ersten Austragungsorte, Chamonix 1924 und St. Moritz 1928, zeigen schon, dass hierbei besondere Interessen der Schweiz eine Rolle spielten. Einzelne Wintersportarten waren aber schon seit 1900 im Rahmen der Sommerspiele ausgetragen worden, die damals noch nicht auf zwei Wochen beschränkt waren“, erklärt Behringer. Eine besondere Rolle spielte dabei das Biathlon, das als Kombination von Skilanglauf und Scheibenschießen eigentlich eine Militärübung aus dem Ersten Weltkrieg widerspiegelt. „Als Militärpatrouillenlauf war diese Sportart 1915 in Norwegen eingeführt worden, um die Soldaten auf den Winterkrieg vorzubereiten und es verwundert kaum, dass er bei der vom Nationalsozialismus geprägten Winter-Olympiade 1936 in Garmisch-Partenkirchen wieder auf dem Programm stand. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Sport für Zivilisten geöffnet und 1954 auf Vorschlag des schwedischen Generals Sven Thofelt in Biathlon umbenannt“, sagt Behringer. Bei den Winterspielen in Oslo 1952, wo der Zweite Weltkrieg noch zu nahe war, hatte man auf diesen Wettbewerb verzichtet.

    Auch der Blick auf den Medaillenspiegel aller bisherigen Winterspiele offenbart eine Überraschung: „Obwohl gefühlt immer Österreicher und Schweizer die alpinen Wettbewerbe gewinnen, rangiert Deutschland (inklusive DDR) hier an erster Stelle vor Russland, Norwegen und den USA“, sagt Behringer.

    Prof. Dr. Wolfgang Behringer lehrt Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität des Saarlandes. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Kulturgeschichte. Zu den inhaltlichen Schwerpunkten seiner Forschung zählen europäische Frühe Neuzeit in vergleichender Perspektive, Klima und Umwelt, Verarbeitung von Krisenerfahrungen, Hexenforschung, Herausbildung der Nationalstaaten, Radikale Reformation, Städteforschung, Hofkultur, Kommunikations- und Mediengeschichte.

    Zur Sportgeschichte hat Wolfgang Behringer ein Buch veröffentlicht:
    „Kulturgeschichte des Sports. Vom antiken Olympia bis ins 21.Jahrhundert“ erschienen bei C.H. Beck, 2012, ISBN 978-3-406-63205-1

    Kontakt: Prof. Dr. Wolfgang Behringer
    Tel: 0681-302-2319 oder 302-3337; Email: behringer@mx.uni-saarland.de
    Pressefoto für den kostenlosen Gebrauch: http://www.uni-saarland.de/pressefotos

    Weiteres zum Thema:
    Die bewegte Vergangenheit (Artikel aus dem Universitätsmagazin „campus“
    https://www.uni-saarland.de/fileadmin/user_upload/Aktuelles/Presse/PDF/2014/2014...

    Geschwindigkeits-Rausch mit Vergangenheit (Presseinformation)
    http://www.idw-online.de/de/news507416

    Das Klima schreibt Geschichte – Neue Thesen zur Kulturgeschichte des Klimas
    (Presseinformation)
    http://idw-online.de/pages/de/news234422

    Hinweis für Hörfunk-Journalisten: Sie können Telefoninterviews in Studioqualität mit Wissenschaftlern der Universität des Saarlandes führen, über Rundfunk-Codec (IP-Verbindung mit Direktanwahl oder über ARD-Sternpunkt 106813020001). Interviewwünsche bitte an die Pressestelle (0681/302-2601, oder -64091).


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, Studierende, Wissenschaftler, jedermann
    Geschichte / Archäologie, Kulturwissenschaften, Sportwissenschaft
    überregional
    Buntes aus der Wissenschaft, Forschungsergebnisse
    Deutsch


    Prof. Dr. Wolfgang Behringer


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