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20.05.2014 10:32

Wahlprogramme im Verständlichkeits-Check: CSU formuliert am deutlichsten – AfD kaum verständlich

Florian Klebs Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Universität Hohenheim

    Analyse der Universität Hohenheim: Parteien im EU-Wahlkampf überfordern Bürger durch schwer verständliche Wahlprogramme

    Deutschlands Parteien verspielen größtenteils die Chance, den Bürgern Europa und die eigenen politischen Ziele durch ihre Wahlprogramme im Detail dazulegen. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Verständlichkeits-Check des Kommunikationswissenschaftlers Prof. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Die häufigsten Verstöße gegen Verständlichkeits-Regeln: Fremd- und Fachwörter wie „Drug Checking“ (Linke), Denglish wie „Transition-Town-Bewegung“ (Grüne), zusammengesetzte Monsterwörter wie „Umsatzsteuerkarusellbetrug“ (CDU) und ungezählte Bandwortsätze mit bis zu 50 Wörtern. Kurzfassung der Studie unter www.uni-hohenheim.de/presse

    Immerhin: verglichen mit den vergangenen drei Jahrzehnten gehören die Parteiprogramme im diesjährigen Wahlkampf noch zu den verständlichsten, so ein weiteres Ergebnis des Kommunikationswissenschaftlers Prof. Dr. Brettschneider.
    Um Aussagen wie diese zu treffen, unterzog er die Wahlprogramme aller Parteien seit 1979 einer Computeranalyse im sogenannten „Text Lab“. Dieses Spezialprogramm berechnet anhand der gängigsten Ansätze zur Verständlichkeitsforschung den sogenannten „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“. Dieser reicht von 0 (überhaupt nicht verständlich) bis 20 (maximal verständlich).
    Ein Beispiel: „Eine durchschnittliche Doktorarbeit in den Politikwissenschaften hat eine Verständlichkeit von 4,3“, erläutert Dr. Anikar Haseloff von der Firma H&H CommunicationLab GmbH, die die Software in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Brettschneider entwickelte. „Die Politik-Beiträge in der Bild-Zeitung haben eine durchschnittliche Verständlichkeit von 16,8“, ergänzt sein Kollege Oliver Haug.

    Die wichtigsten Ergebnisse in Kürze
    • Mit 13,0 Punkten auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex hat die CSU das formal verständlichste Europawahlprogramm zur diesjährigen Wahl, wie auch das verständlichste aller untersuchten Europawahlprogramme seit 1979. Am unverständlichsten ist 2014 das Wahlprogramm der AfD.
    • Mit einer durchschnittlichen Verständlichkeit von 8,9 ist die diesjährige Europawahl die verständlichste aller Europawahlen seit 1979.
    • Das längste Programm stammt – wieder einmal – von den Grünen (ca. 120 Seiten mit rund 30.000 Wörtern). Das kürzeste Programm ist der Europaplan der CSU (ca. 17 Seiten mit rund 4.200 Wörtern).
    • Die häufigsten Verstöße gegen Verständlichkeits-Regeln: Fremdwörter und Fachwörter, Wortkomposita und Nominalisierungen, Anglizismen und „Denglisch“, lange „Monster- und Bandwurmsätze“.
    • Zu den häufigsten Begriffen in den Wahlprogrammen gehören 2014 „Europa“, die „EU“ und das entsprechende Adjektiv „europäisch“. Vor allem bei der AfD, der CDU und der CSU ist außerdem noch relativ häufig „Deutschland“ zu lesen. Die AfD nennt nur sich selbst noch etwas häufiger. Die Wurzeln der CSU werden durch die relativ häufige Nennung von „Bayern“ deutlich.

    CDU liegt weit vor der AfD – zumindest bei der Verständlichkeit
    Will man die Wahlprogramme entsprechend ihres Verständlichkeitsindexes auflisten, ergibt sich folgende Rangfolge:
    • CSU: 13,0
    • CDU: 9,5
    • SPD: 8,9
    • Bündnis 90 / Die Grünen: 7,7
    • FDP: 7,5
    • Linke: 6,8
    • Alternative für Deutschland: 6,4

    Besonders auffällige Beispiele für Wortungetüme sind (Reihung alphabetisch nach Partei):
    • viele Parteien haben überlange Sätze mit mehr als 50 Wörtern
    • konfiskatorische Staatseingriffe (AfD)
    • Solvency-II-Eigenkapitalregime (CDU)
    • Schuldenvergemeinschaftung (CSU)
    • Subsidiaritäts-Instrumentarium (FDP)
    • Immaterialgüterrechte (Grüne)
    • Grundschleppnetzfischerei (Linke)
    • Normenkontrollmechanismus (SPD)

    Gleichzeitig warnen die Kommunikationswissenschaftler davor, aus der Verständlichkeit auch auf die politische Qualität der Parteiprogramme zu schließen: „Die von uns gemessene formale Verständlichkeit ist natürlich nicht das einzige Kriterium, von dem die Güte eines Wahlprogramms abhängt“, bekräftigt Claudia Thoms, Co-Autorin der Studie am Lehrstuhl von Prof. Dr. Brettschneider. Und Co-Autorin Lucie Buttkus formuliert noch verständlicher: „Unfug wird nicht dadurch richtig, dass er formal verständlich formuliert ist. Und unverständliche Formulierungen bedeuten nicht, dass der Inhalt falsch ist.“

    Text: Florian Klebs

    Kontakt für Medien:
    Universität Hohenheim: Prof. Dr. Frank Brettschneider, Claudia Thoms und Lucie Buttkus, Fachgebiet Kommunikationswissenschaft, Tel.: 07599 Stuttgart, E-Mail frank.brettschneider@uni-hohenheim.de

    H&H communicationLab GmbH: Dr. Anikar Haseloff und Oliver Haug, Tel.: 0731 93 28 420, E-Mail: info@comlab-ulm.de


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Gesellschaft, Politik, Sprache / Literatur
    überregional
    Forschungsergebnisse
    Deutsch


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