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10.10.2014 14:16

15 Jahre Forschergruppe Klostermedizin

Robert Emmerich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Julius-Maximilians-Universität Würzburg

    Die Forschergruppe Klostermedizin, die an der Universität Würzburg entstanden ist, blickt auf ihr 15-jähriges Bestehen zurück. Dieses Ereignis wurde im Kloster Oberzell bei Würzburg am 1. Oktober mit einem Symposium begangen. Dabei stellte die Gruppe ihre Arbeit vor und nahm die Gegenwart und nähere Zukunft der Pflanzenheilkunde in Augenschein - unter dem Motto: „[Zukunfts-]Perspektiven der Phytotherapie“.

    Dazu konnten hochkarätige Referenten gewonnen werden, wie den Grandseigneur der Phytotherapie, Prof. Heinz Schilcher, dessen „Leitfaden der Phytotherapie“ als das Standardwerk in der Pflanzenheilkunde gelten kann. Der Arzt und Physiker Dr. Dr. Bernhard Uehleke (Freie Universität Berlin) gehört durch seine Forschungs- und Kommissionsarbeit zu den großen Kapazitäten auf diesem Gebiet, ebenso Dr. Hartwig Sievers, der in der Leitung der Forschungslabors PhytoLab von Martin Bauer in Vestenbergsgreuth mit den neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Arzneipflanzen bestens vertraut ist. In den Kurzvorträgen der Inder Dr. Amina Ather und Thomas Vallomtharayil (Medizin-Park Ruhr) kamen Aspekte von Ayurveda und Unani-Medizin zur Sprache, die zwei wichtigsten Konzepte der Naturheilkunde in Indien und den angrenzenden Ländern. Die Missionsärztliche Klinik in Würzburg war durch die Kinderärztin Dr. Christa-Maria Kitz vertreten.

    Personen ohne wissenschaftliche Ausbildung sind aktiv

    Über 70 Prozent aller Deutschen würden pflanzliche Arzneimittel und Therapieverfahren der Naturheilkunde bevorzugen, so etwa die PASCOE-Studie von 2007. Vor diesem Hintergrund stellte Prof. Schilcher die Frage, von wem eigentlich die Bevölkerung ihre Informationen über die Heilpflanzen erhält.

    Er kam zu dem Ergebnis, dass sowohl auf dem Buchmarkt als auch in Presse und Fernsehen sowie in den neuen Internet-Medien vorwiegend Personen aktiv sind, die einerseits keine entsprechende wissenschaftliche Ausbildung auf dem Gebiet der Pharmazie oder Medizin vorweisen können, andererseits jedoch völlig überzogene Therapieversprechen machen. Prof. Schilcher kam zu dem Schluss, dass etwa zehn Prozent der Aussagen in der Laienliteratur nicht gesichert und weitere zehn Prozent falsch und mit Risiken für die Gesundheit behaftet seien. Damit wird nach seiner Ansicht der Phytotherapie großer Schaden zugefügt.

    In Deutschland ist es schlecht um Ayurveda bestellt

    In eine ähnliche Richtung ging der Kurzvortrag von Thomas Vallomtharayil vom Medizin Park Ruhr, der folgende Aussage machte: Nirgendwo auf der Welt sei es um Ayurveda so schlecht bestellt wie in Deutschland. Auf der einen Seite gäbe es nirgendwo so viele Einrichtungen, die sich auf Ayurveda berufen wie in Deutschland, auf der anderen Seite gäbe es aber lediglich 20 Ärzte, die diese Therapie wirklich beherrschen.

    Zur Lage der Forschung über Pflanzenmedizin

    Mit den neueren und in die Zukunft weisenden Entwicklungen setzten sich die Beiträge von Dr. Dr. Bernhard Uehleke und Dr. Hartwig Sievers auseinander. Uehleke wies darauf hin, dass die Forschung in Deutschland eher rückläufig sei und kaum noch neue Produkte auf den Markt kämen, während in Asien, vor allem in Indien und China, die Forschung stark ansteige. Leider handele es sich aber vor allem um pharmakologische Studien mit oft sehr optimistischen Ergebnissen. Klinische Studien würden sehr oft mangelhaft durchgeführt, so dass ihre Ergebnisse in Europa nicht akzeptabel seien.

    Anregungen für neue Anwendungen können durchaus aus der Tradition – Uehleke brachte den Begriff „TEM“ (Traditionelle Europäische Medizin) in die Diskussion ein – und aus dem Vergleich mit asiatischen Therapiemethoden wie Ayurveda gewonnen werden. Dazu seien aber ein Entwicklungskonzept, junge engagierte Wissenschaftler und Sponsoren notwendig.

    Dr. Sievers beleuchtete auch die vom Gesetzgeber gesteckten Grenzen, welche die
    Innovationsmöglichkeiten auf dem Gebiet der Pflanzenheilkunde sehr beeinträchtigen. Dabei sei die Tendenz zu beobachten, dass die Bestimmungen in Deutschland immer strenger, in den einstmals so strengen USA dagegen immer lockerer werden. Eine einmal festgesetzte Monographie für eine Arzneipflanze könne nicht für alle Zeit unumstößlich sein. Neue Erkenntnisse aus der Erforschung der Tradition und der biologischen Pharmazie müssen in die offiziellen Monographien der deutschen und europäischen Behörden eingehen und damit auch wiederum die gesetzlichen Rahmenbedingungen verändern. Zudem äußerte Sievers die Hoffnung, dass die Gesetzgebung auch den arzneilichen Erfordernissen der Zukunft Rechnung tragen wird.

    Malaria und Phytotherapie

    Das Würzburger Missionsärztliche Institut ist in Afrika sehr engagiert, was nicht zuletzt auch im Afrikazentrum der Universität Würzburg zum Ausdruck kommt. Die Kinderärztin Dr. Christa-Maria Kitz beschrieb in ihrem Vortrag „Malaria und Phytotherapie“ die Krankheit vor allem als eine Bedrohung für die Kinder in Afrika.

    Jährlich erkranken 207 Millionen Menschen weltweit an dieser durchaus heilbaren Krankheit. 80 Prozent sind Afrikaner, von den 627.000 Todesfällen sind sogar 90 Prozent Afrikaner, die meisten wiederum Kinder unter dem fünften Lebensjahr: Jede Minute stirbt ein Kind in Afrika an Malaria, obwohl eine Therapie gerade auch mit pflanzlichen Mitteln sehr erfolgreich ist.

    Bereits seit dem 17. Jahrhundert wird Chinin, ein Stoff aus der Rinde des Chinarindenbaums (Cinchona pubescens) gegen Malaria eingesetzt, und dennoch sind bislang keine Resistenzen bekannt. Sehr wirksam sind auch die getrockneten Blätter von Artemisia annua, dem einjährigen Beifuß, der von China bis nach Rumänien wächst und in China schon seit langem gegen Malaria eingesetzt wird. Die getrockneten Blätter wirken sogar besser als Präparate mit isoliertem Artemisin. Pflanzliche Arzneimittel können also bei sehr schweren, lebensbedrohlichen Erkrankungen durchaus eine sehr gute Therapie darstellen.

    Gesundheitsvorsorge für Frauen

    Dr. Amina Ather, wissenschaftliche Direktorin des Medizin Park Ruhr (Castrop Rauxel) stellte als Beispiel für eine ganzheitliche präventive Gesundheitsfürsorge Pflanzen vor, welche vor allem für Frauen geeignet sind, darunter erstaunlich viele Früchte, wie Granatapfel, Papaya, Papel-Feige aber auch den Hennastrauch, der vielen wohl nur als Färbemittel bekannt ist.

    Rückblick auf 15 Jahre Arbeit

    Der Würzburger Dr. Johannes Gottfried Mayer, Leiter der Forschergruppe Klostermedizin resümierte die Arbeit der Forschergruppe in den 15 Jahren ihres Bestehens und gab einige Ausblicke. In der ersten Phase der Arbeit, bis zum Jahr 2009, lag ein Schwerpunkt der Arbeit auf Publikationen: Historische Texte mussten gesichert, ediert, übersetzt und kommentiert werden.

    Ein Beispiel ist der ‚Macer floridus‘, das wichtigste Kräuterbuch der Klostermedizin – im Mittelalter weit bekannter als Hildegard von Bingen, das von der Forschergruppe bereits 2001 übersetzt und kommentiert herauskam und seit einem Jahr als „Kräuterbuch der Klostermedizin“ beim Leipziger-Reprint-Verlag, der zur Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt (WBG) gehört, verfügbar ist.

    Auch das bisherige Hauptwerk, das 2002 erschienene „Handbuch der Klosterheilkunde“, ist leicht überarbeitet als „Großes Buch der Klosterheilkunde“ im ZS-Verlag 2013 neu herausgekommen. Die Entwicklung der Kräuterbücher bis 1600 und eine kleine Geschichte der Pflanzenabbildungen bietet der 2009 veröffentlichte Band „Die Pflanzen der Klostermedizin in Darstellung und Anwendung“, der zudem anhand der Pflanzenbilder des Benediktiners Vitus Auslasser von 1479 die historischen und aktuellen Anwendungen von 70 Pflanzenarten zeigt. Daneben entstanden mehrere große historische Pflanzenportraits. Weitere Portraits, aber vor allem eine große Gesamtdarstellung der Arzneipflanzen im Mittelalter, sind im Entstehen.

    Engagiert für Kräutergärten

    Von Beginn an bis heute ist die Forschergruppe an der Beratung, Planung und Betreuung von Kräutergärten in Franken und Hessen engagiert. Neu kam in den letzten zwei Jahren eine Kooperation mit dem Museum für Wissenschaft und Technik im Islam in Istanbul hinzu, wo ebenfalls ein Garten mit Arzneipflanzen Avicennas (Ibn Sinas) entstanden ist und bislang drei wissenschaftliche Symposien durchgeführt wurden.

    In den letzten fünf Jahren war der Aufbau eines Kursprogramms von acht Wochenenden für
    Therapeuten in Zusammenarbeit mit der Schneider-Akademie in Kitzingen ein Schwerpunkt der Arbeit. Als neues Angebot kamen die Wochenendseminare Erlebnis Klostermedizin für interessierte Laien im Kloster Oberzell bei Würzburg in den letzten drei Jahren hinzu. Die Forschergruppe versucht so, das Angebot an seriöser Information zur Pflanzenheilkunde zu verbreitern.

    Von: Dr. Johannes Gottfried Mayer


    Weitere Informationen:

    http://www.klostermedizin.de/ Zur Homepage der Forschergruppe Klostermedizin


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten, jedermann
    Biologie, Geschichte / Archäologie, Medizin
    überregional
    Forschungsprojekte, Wissenschaftliche Tagungen
    Deutsch


    Von links: Hartwig Sievers, Bernhard Uehleke, Heinz Schilcher, Johannes Gottfried Mayer, Amina Ather, Christa-Marie Kitz, Thomas Vallomtharayil.


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