Schimpansen lernen «Nahrungsrufe»

idw – Informationsdienst Wissenschaft

Nachrichten, Termine, Experten

Grafik: idw-Logo
idw-Abo
Medienpartner:
Wissenschaftsjahr


Teilen: 
05.02.2015 18:00

Schimpansen lernen «Nahrungsrufe»

Beat Müller Kommunikation
Universität Zürich

    In Gefangenschaft lebende Schimpansen sind fähig, Laute zu lernen, die sich auf spezielle Nahrungsmittel beziehen. Dies beweist ein Evolutionsbiologe der Universität Zürich gemeinsam mit englischen Wissenschaftlern. Ihre nun veröffentlichte Verhaltensstudie legt nahe, dass auch Menschenaffen fähig sind, Objekte zu bezeichnen und bedeutungsvolle Laute gemeinschaftlich zu lernen.

    Ein besonderes Merkmal menschlicher Sprache ist, dass sie Objekte und Ereignisse mit sozial erlernten Symbolen oder Wörtern bezeichnet. Nicht-menschliche Primaten wie Schimpansen sind wohl zu Warn- und sogenannten Nahrungsrufen fähig, die sich auf Objekte in der Umgebung beziehen. Bisher sind Forschende davon ausgegangen, dass die akustische Struktur dieser Rufe ein Ausdruck der Erregung ist und die Schimpansen sie nur wenig kontrollieren können. Nun belegt Simon Townsend, Evolutionsbiologe an der Universität Zürich, gemeinsam mit englischen Kollegen, dass auch nicht-menschliche Primaten Laute lernen, die sich auf bestimmte Objekte beziehen.

    Grunzlaute nach drei Jahren einander angepasst

    Schimpansen stossen unterschiedliche Grunzlaute aus, wenn sie unterschiedliche Nahrungsmittel finden. Im Jahr 2010 erhielten Forschende der Universitäten Zürich und York die Gelegenheit, zu prüfen, ob Schimpansen fähig sind, die Struktur ihrer Grunzlaute zu verändern: Eine Gruppe erwachsener Schimpansen aus dem Beekse Bergen Safari Park aus den Niederlanden wurde in die im Edinburgh Zoo lebende Schimpansengruppe integriert.

    Unter der Leitung der Psychologin Katie Slocombe von der York University beobachtete das Forschungsteam vor der Integration, dass die beiden Schimpansengruppen akustisch unterschiedliche Grunzlaute für Äpfel ausstiessen sowie unterschiedliche Vorlieben für Äpfel hatten. Nach der Integration der beiden Schimpansengruppen stellten die Forschenden fest, dass sich die akustische Struktur der Grunzlaute der neu hinzugekommenen Schimpansen an jene der bereits dort lebenden Gruppe anpasste: «Drei Jahre nach der Integration der Gruppe ähnelten ihre Grunzlaute sehr stark jenen, die von den Edinburgh-Schimpansen ausgestossen wurden», so Simon Townsend. «Die Vorliebe der Schimpansen für Äpfel blieb über diesen Zeitraum gleich, doch die Grunzlaute veränderten sich.»

    Soziale Nähe ausschlaggebend für die Veränderung der «Nahrungsrufe»

    Für ihre Verhaltensstudie fertigten die Forscher Tonaufnahmen der Grunzlaute an, welche die Schimpansen vor der Integration im Jahr 2010 als Reaktion auf Äpfel ausstiessen. Sie nahmen diese Grunzlaute ein Jahr später nach der Integration auf und erneut im Jahr 2013. Das Forschungsteam fand heraus, dass allein das Zusammenleben über ein Jahr und das Hören der unterschiedlichen Laute für Äpfel der anderen Gruppe noch nicht ausreichten, um Veränderungen in der Lautstruktur zu bewirken: Erst 2013, als Analysen der sozialen Netzwerke darauf hinwiesen, dass sich starke Freundschaften zwischen den Mitgliedern der ursprünglichen Teilgruppen gebildet hatten, war eine Veränderung der Lautstrukturen zu erkennen.

    Gemäss Simon Townsend ist dies der Beweis, dass auch Schimpansen in der Lage sind, die Struktur einer bedeutungsvollen, objektbezogenen Lautäusserung aktiv zu ändern und in der Gemeinschaft zu lernen. Die Erkenntnisse könnten etwas Licht in die evolutionären Ursprünge dieser grundlegenden Fähigkeit bringen: «Die Tatsache, dass sowohl Menschen als nun auch Schimpansen objektbezogene Laute gemeinschaftlich erlernen können, lässt vermuten, dass unser gemeinsamer Vorfahre, der vor mehr als 7 Millionen Jahren lebte, diese Fähigkeit ebenfalls besass», schliesst Simon Townsend.

    Literatur:
    Stuart K. Watson, Simon W. Townsend, Anne M. Schel, Claudia Wilke, Emma K. Wallace, Leveda Cheng, Victoria West and Katie E. Slocombe. Vocal Learning in the Functionally Referential Food Grunts of Chimpanzees. Current Biology. February 5, 2015. http://dx.doi.org/10.1016/j.cub.2014.12.032

    Kontakt:
    Dr. Simon Townsend
    Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften
    Universität Zürich
    Tel. +41 789 446 117
    E-Mail: simon.townsend@ieu.uzh.ch


    Weitere Informationen:

    http://www.mediadesk.uzh.ch


    Merkmale dieser Pressemitteilung:
    Journalisten
    Biologie, Tier / Land / Forst
    überregional
    Forschungsergebnisse, Wissenschaftliche Publikationen
    Deutsch


    Schimpansen können die Struktur ihrer bedeutungsvollen Grunzlaute ändern.


    Zum Download

    x

    Hilfe

    Die Suche / Erweiterte Suche im idw-Archiv
    Verknüpfungen

    Sie können Suchbegriffe mit und, oder und / oder nicht verknüpfen, z. B. Philo nicht logie.

    Klammern

    Verknüpfungen können Sie mit Klammern voneinander trennen, z. B. (Philo nicht logie) oder (Psycho und logie).

    Wortgruppen

    Zusammenhängende Worte werden als Wortgruppe gesucht, wenn Sie sie in Anführungsstriche setzen, z. B. „Bundesrepublik Deutschland“.

    Auswahlkriterien

    Die Erweiterte Suche können Sie auch nutzen, ohne Suchbegriffe einzugeben. Sie orientiert sich dann an den Kriterien, die Sie ausgewählt haben (z. B. nach dem Land oder dem Sachgebiet).

    Haben Sie in einer Kategorie kein Kriterium ausgewählt, wird die gesamte Kategorie durchsucht (z.B. alle Sachgebiete oder alle Länder).

    Cookies optimieren die Bereitstellung unserer Dienste. Durch das Weitersurfen auf idw-online.de erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Datenschutzerklärung
    Okay